Phantasie - Schulze, Maass

Nach G. E. SCHULZE gibt es zwei Arten der Wirksamkeit der Einbildungskraft, »die bloß nachbildende (reproduktive), wodurch nur dasjenige wiederholt wird, was in der Wahrnehmung vorhanden gewesen ist, und die freibildende (produktive), wodurch Vorstellungen von einzelnen Dingen und Begebenheiten erzeugt werden, denen nichts in der Erfahrung eines Menschen Dagewesenes entspricht« (Psych. Anthropol. S. 147 ff., 149). »Der höhere Grad der Wirksamkeit der freibildenden Einbildungskraft heißt... Phantasie«, der niedere »Dichtungskraft« (l. c. S. 130). Nach MAASS besteht die ursprüngliche Tätigkeit der Einbildungskraft in der Mitwirkung bei der Entstehung des Sinnenmaterials (Vers. üb. d. Einbild. S. 4). Sie ist das tätige Vermögen, welches die Teile des Mannigfaltigen in dem Objekte auffaßt, gegeneinander hält und so in ihrer Beziehung aufeinander vorstellt (l. c. S. 5 f.). Das Gesetz der Stetigkeit lautet: »Wenn ein Gegenstand durch die Sinne wahrgenommen wird, so muß die Einbildungskraft von jedem Teile des gegebenen Stoffes unmittelbar zu demjenigen fortgehen, welcher, der Zeit nach, zunächst mit dem vorigen verbunden von den Sinnen rezipiert wird« (l. c. S. 11). Als Vermögen zu »Einbildungen« (d.h. Vorstellungen früherer Empfindungen) ist sie Einbildungskraft im eigentlichen Sinne (l. c. S. 13 f.). Die Phantasie ist »das Vermögen, die wahrgenommenen Objekte in veränderter Gestalt wieder vorstellen« (l. c. S. 14). Das höchste Gesetz der Einbildungskraft ist: »Mit jeder gegebenen Vorstellung können sich in der Einbildungskraft alle, aber auch nur diejenigen unmittelbar vergesellschaften, die mit der gegebenen schon einmal zusammen gewesen sind« (l. c. S. 22). Die größere oder geringere Tätigkeit und Anstrengung der Phantasie hängt zum Teil vom Willen ab (l. c. S. 167). Nach KRUG ist die Einbildungskraft »der innere Sinn selbst, wiefern er entweder das Abwesende mit anschaulicher Klarheit vergegenwärtigt (wiederholende oder reproduktive E.) oder etwas gestaltet, dem nichts Wirkliches entspricht (schöpferische oder produktive E.)« (Handb. d. Philos. I, 67). FRIES versteht unter dem »Vermögen der mathematischen Anschauung« die produktive Einbildungskraft, »durch welche wir die Anschauungen von Raum und Zeit, Gestalt und Dauer, Grad, Zahl und von der Größe überhaupt besitzen« (Syst. d. Log. S. 55 f.. vgl. Psych. Anthropol. § 37. vgl. SALAT, Lehrb. d. höh. Seelenk. S. 265 ff.. H. B. WEBER, Üb. Einbildungskr. u. Gefühl 1817). E. REINHOLD definiert die »intellektuelle Einbildungskraft« als »das Vermögen der bewußtvollen Vergegenwärtigung derjenigen Vorstellungen, in denen die anschauliche Seite der Einzelwesen von uns erfaßt wird« (Lehrb. d. philos. propäd. Psychol. S. 194). Reproduktive und produktive Einbildungskraft sind zu unterscheiden (l. c. S. 202 ff.). - Nach BIUNDE ist die Einbildungskraft »das Vermögen der Einbildungen dessen, was nicht wirklich oder doch nicht in sinnlicher Anschauung gegenwärtig ist« (Empir. Psychol. I, 1, 231 f.). Beim Anschauen wirkt sie combinierend und schematisierend (abstrahierend) (l. c. S. 235). Die SCHELLINGsche Schule betont das (unbewußte und bewußte) schöpferische Wirken der Phantasie (vgl. ENNEMOSER, Geist d. Mensch. in d. Nat. § 198). Nach C. G. CARUS ist die Einbildungskraft ein Gedächtnis, ein Innewerden des ganzen vollen Bildes des Daseins der Gegenstände, nicht bloß eines Zeichens (Vorles. üb. Psychol. S. 392 ff., 394). Ähnlich SUABEDISSEN (Grundz. d. Lehre vom Mensch. S. 97). Die Einbildungskraft ist »die bildende Vorstellungstätigkeit«, als schaffende Einbildungskraft ist sie Phantasie (l. c. S. 180 f.). ESCHENMAYER bestimmt die reproduktive Einbildungskraft als »das Vermögen, die im Gedächtnis aufbewahrten Vorstellungen wieder zu integrieren oder ihnen die Formen der sinnlichen Anschauungen wieder zu geben« (Psychol. S. 28, 62). Die Phantasie hingegen »hat nur Ideale, die keineswegs in einzelnen Formen und Bildern gegeben sein können« (l. c. S. 63), sie ist »das Vermögen der Ideale« (l. c. S. 107). Die »intellektuelle Anschauung« (s. d.) ist »reine Eigenschaft der Phantasie, die zum Wissen hinzukommt« (l. c. S. 109). Nach J. J. WAGNER ist die Einbildungskraft eine innere Tätigkeit der Seele in ihrer Richtung nach innen (Syst. d. Idealphilos. S. 27 f.. vgl. SCHUBERT. Lehrb. d. Menschen- u. Seelenk. S. 137 ff.). Nach TROXLER ist die Phantasie »die höchste Einheit von Sinn und Trieb«, »der Übergang von Denken und Wollen ins Gemüt« (Blicke in d. Wes. d. Mensch. S. 106 f.). Die Einbildungskraft ist die »Urkraft« (l. c. S. 90 ff.). Nach HILLEBRAND ist die Imagination »die Reproduktivität der ursprünglich-sinnlichen... Positionen der Seele, bloß als solcher in der Form unmittelbarer Gegenwart« (Philos. d. Geist. I, 226 f.). Die Phantasie ist »die Richtung der Seele auf das Schöne« (l. c. S. 329. ähnlich C. H. WEISSE). -


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