Phantasie - Glogau, Wundt

Nach G. GLOGAU ist es das Wesen der künstlerischen Phantasie (die Phantasie überhaupt ist mit der Leidenschaft verwandt, Gr. d. Psychol. S. 110 ff.), »aus dem bunten Wirrsal der Wirklichkeit alle Fäden der physischen und moralischen Unzugänglichkeit herauszulösen und uns, die Angst des Irdischen rückwärts werfend, in ein Reich des Idealen hoch hinaufzuheben« (Abriß der philos. Grundwiss. II, 318. vgl. H. COHEN, Die dichter. Phantas. 1869. SIEBECK, Das Wes. d. ästhet. Ansch. 1875). - L. KNAPP unterscheidet gestaltende und begriffliche Phantasie (Syst. d. Rechtsphilos. S. 15 ff.). Nach E. DÜHRING ist die Phantasie »die Fähigkeit, Anschauungen nicht bloß unabhängig von dem ersten Eindruck zu wiederholen, sondern auch umzugestalten« (Log. S. 77). »Die wissenschaftliche Phantasie verdichtet nicht, sondern bildet nur und entspricht so einem wirklichen Zusammenhange der Dinge, wie er durch die weltgestaltenden Kräfte vollzogen worden ist oder zur Vollziehung gelangt« (Cursus S. 13). Nach GUTBERLET ist die Phantasie »diejenige sinnliche Fähigkeit, welche, auch ohne von einem gegenwärtigen Objekte bestimmt zu sein, die Vorstellung von demselben bildet« (Psychol. S. 98). Nach HAGEMANN ist die Phantasie die Fähigkeit der Seele, »die reproduzierten (sinnlichen) Vorstellungen in neue umzubilden, welche als solche keinem bekannten Gegenstande gleichen« (Psychol.2, S. 75 ff.). SCHOLKMANN erklärt: »Die Phantasie ist das Vermögen, die aus der Wirklichkeit aufgenommenen Vorstellungsmomente zur Hervorbringung einer selbstgeschaffenen ästhetischen Wirkung zusammenzufassen und neu zu ordnen, oder unter Zugrundelegung und Weiterführung des natürlich Gegebenen ganz Neues zu schaffen« (Grundlin. ein. Philos. d. Christent. S. 245). Nach B. ERDMANN ist »Einbildung« der »Inbegriff der Vorstellungsvorgänge, durch welche Erinnerungen zu Vorstellungen von neuen Gegenständen associiert werden« (Log. I, 51). Nach HÖFFDING ist die Phantasie das »Vermögen der freien Kombination der Vorstellungen« (Psychol. S. 243). nach JODL eine schöpferische »Um- und Weiterbildung gegebener Elemente« (Lehrb. d. Psychol. S. 144. vgl. HÖFLER, Psychol. S. 200 ff.). W. JERUSALEM bestimmt: »Vorstellungen..., die aus wahrgenommenen Elementen neue Gebilde herstellen, die in dieser Combination nicht Gegenstand einer früheren Wahrnehmung waren, nennen wir Einbildungs- oder Phantasievorstellungen. Die psychische Disposition, solche Vorstellungen zu bilden, heißt Einbildungskraft oder Phantasie« (Lehrb. d. Psychol.3, S. 94). Es gibt eine unwillkürliche, passive und eine aktive, zweckbewußte Phantasie (l. c. S. 95). Die Phantasie ist »aus dem Trieb zur Lebenserhaltung hervorgegangen« (l. c. S. 96). »Die Phantasie ist... eine psychische Disposition, welche, aus dem der Menschenseele angeborenen Streben nach Totalität entsprungen, die Lücken des Gedächtnisses ausfüllt und den Teil des Weltbildes, welchen uns die Wahrnehmungen liefern, zu einem harmonischen, unseren Einheitstrieb befriedigenden Ganzen ausgestaltet« (l. c. S. 97). Nach REHMKE ist die Phantasie ein schöpferisches Wirken des Bewußtseins (Allgem. Psychol. S. 546 ff.). Nach WUNDT ist die Phantasie ein »Denken in sinnlichen Einzelvorstellungen« (Vorles.2. S. 342), ein »Denken in Bildern« (vgl. Grdz. d. physiol. Psychol. II4, 491 f.. Log. I2, 32). Die »Phantasievorstellung« ist eine durch apperzeptive Synthese (s. d.) entstandene »Gesamtvorstellung« (s. d.) (Gr. d. Psychol.5, S. 317). Die Phantasietätigkeit ist eine Form der apperzeptiven Analyse, bei welcher das Grundmotiv in der »Nacherzeugung wirklicher oder der Wirklichkeit analoger Erlebnisse« besteht. Sie »beginnt mit einer mehr oder minder umfassenden, aus mannigfachen Vorstellungs- und Gefühlselementen bestehenden Gesamtvorstellung, die den allgemeinen Inhalt eines zusammengesetzten Erlebnisses umfaßt, in welchem die einzelnen Bestandteile zunächst nur unbestimmt ausgeprägt sind. Diese Gesamtvorstellung zerlegt sich dann in einer Reihe sukzessiver akte in eine Anzahl bestimmterer, teils zeitlich teils räumlich verbundener Gebilde« (l. c. S. 318). »Die Phantasietätigkeit zeigt zwei Entwicklungsstufen. Die erste, mehr passive, geht unmittelbar aus den gewöhnlichen Erinnerungsfunktionen hervor... Die zweite, aktive Form steht unter dem Einfluß streng festgehaltener Zweckvorstellungen« (l. c. S. 319). Hauptarten der Phantasiebegabung sind die »anschauliche« und die »combinierende« Phantasie (l. c. S. 324. vgl. KÜLPE, Gr. d. Psychol. S. 176 ff.). Nach K. LANGE ist die Phantasie »die Fähigkeit, sich irgend etwas vorzustellen, was nicht vorhanden ist« (Wes. d. Kunst I, 385). Die Assoziationspsychologen (s. d.) führen die Phantasie auf Assoziation (s. d.) zurück. SO BAIN auf »constructive association«. »By means of association, the wind has the power to form combinations or aggregates, different from anything actually experienced« (Ment. and Moral Sc. II, C. 4, p. 161 ff.). Vgl. S. RUBINSTEIN, Psychol.-ästhet. Essays 1878, S. 107 ff.. ÖLZELT-NEVIN, Über Phantasievorstellungen 1889, (Anschaulichkeit, Neuheit, Spontaneität als Merkmale der Phantasievorstellung, l. c. S. 16 ff.. Unterscheidung ursprünglicher und assoziativer Phantasievorstellungen). MEINONG, Zeitschr. f. Philos. Bd. 95, S. 207 ff.. RIBOT, L'imagination créatrice, 1900. JANET, Princ. de mét. et de psychol. I, 406 ff.. EUCKEN, Wahrheitsgeh. d. Relig. S. 7, 305, 340 ff., 376 u. a. Vgl. Seelenvermögen.


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