Ich - Wundt, Chevalier, James


HÖFFDING bestimmt das Ich im engeren Sinne als Träger der Willenshandlungen (Psychol.2, S. 123). Nach WUNDT ist das Ich keine Substanz, sondern ein Gefühl des Zusammenhanges der Willensvorgänge, die bei aller Verschiedenheit ihrer Inhalte doch als gleichartig aufgefaßt werden. Daß Ich ist Tätigkeit, Einheit des Wollens, im Bewußtsein wirksam. »Dieses Ich, isoliert gedacht von den Objekten, die seine Tätigkeit hemmen, ist unser Wollen. Es gibt schlechterdings nichts außer dem Menschen noch in ihm, was er voll und ganz sein eigen nennen könnte, ausgenommen seine Willen« (Vorles. üb. d. Mensch.2, S. 250, 270. Log. II2, 2, S. 246 f.; Syst. d. Philos.2, S. 377). Ein leeres, reines Ich gibt es nicht, da das »Ich« nur die Form des Zusammenhanges von Erlebnissen in einem Individuum, zugleich die Gesamtwirkung der früheren Erlebnisse auf die momentanen Zustände bedeutet (Vorles.2, S. 269 ff.; Grdz. d. phys. Psychol. II4, 302 ff.; Log. II2, 2, 246 f.; Syst. d. Philos.2, S. 40; Eth.2, S. 448). Die Identität des Ich mit sich selber ist bedingt durch die Stetigkeit der Willensvorgänge und durch die Einheit und Gleichartigkeit der Apperzeption (s. d.), ohne daß die Annahme einer absoluten Beharrlichkeit des Ich notwendig ist. In der »reinen Apperzeption«, »d.h. in der dem übrigen Bewußtseinsinhalte gegenübergestellten inneren Willenstätigkeit«, erkennt das Individuum sein eigenstes Wesen (Eth.2, S. 448). »Das Ich empfindet sich zu jeder Zeit seines Lebens als dasselbe, weil es die Tätigkeit der Apperzeption als vollkommen stetige, in sich gleichartige und zeitlich zusammenhängende auffaßt« (ib.). »Indem... die Willensvorgänge als in sich zusammenhängende und bei aller Verschiedenheit ihrer Inhalte gleichartige Vorgänge aufgefaßt werden, entsteht ein unmittelbares Gefühl dieses Zusammenhanges, das zunächst an das alles Wollen begleitende Gefühl der Tätigkeit geknüpft ist, kann aber... über die Gesamtheit der Bewußtseinsinhalte sich ausdehnt. Dieses Gefühl des Zusammenhangs aller individuellen psychischen Erlebnisse bezeichnen wir als das ›Ich‹. Es ist ein Gefühl, nicht eine Vorstellung... Es ist jedoch, wie alle Gefühle, an gewisse Empfindungen und Vorstellungen gebunden« (Gr. d. Psychol.5, S. 264j. Durch die Sonderung des Selbstbewußtseins (s. d.) ergeben sich drei Bedeutungen des Begriffes »Subjekt« (s. d.). Metaphysisch ist das Ich »relativer Individualwille« (Syst. d. Philos.2, S. 413 ff.), »vorstellender Wille« (ib.). KÜLPE betont: »Die Erfahrung, daß man nicht widerstandslos den Einflüssen und Eindrücken von außen her preisgegeben ist, sondern sich wählend und handelnd ihnen gegenüber verhalten kann, also die Tatsache der Apperzeption oder des Willens, ist eines der wichtigsten Motive für die Sonderung des Ich und Nicht-Ich« (Gr. d. Psychol. S. 465; vgl. Ich u. Außenw.). Nach W. JERUSALEM gilt als Ich erst der Leib, dann das Denken, endlich das Wollen. »So schränkt sich denn das Ich nunmehr mehr auf ein einziges Gebiet psychischer Phänomene ein, nämlich auf die Willensimpulse... Das Ich ist nunmehr der aktive Träger der Willenshandlungen und kehrt damit zu jenem Punkte zurück, von dem es ursprünglich ausgegangen« (Urteilsfunct. S. 168; Lehrb. d. Psychol.3, S. 196 ff.). Schon MEYNERT unterscheidet ein primitives, »primäres« und ein entwickeltes, »sekundäres« Ich (Gehirn u. Gesitt. S. 32 ff.). Diese Unterscheidung u. a. auch bei Jerusalem (Lehrb. d. Psychol.3, S. 196 ff.) und JODL (Lehrb. d. Psychol.). Nach ihm ist das primäre Ich schon die Voraussetzung der Bewußtseinsentwicklung, jedem Bewußtseinszustande notwendig inhärent (Lehrb. d. Psychol. S. 92). Das sekundäre Ich hingegen ist das Produkt psychologischer Entwicklung; es besteht aus Vorstellungen und Gefühlen (l.c. S. 559). L. CHEVALIER erklärt: »Das Ich, das sich seiner Vorstellungen, Gefühle und Begehrungen bewußt ist, ist nicht in Vorstellungen gegeben. Wir sind unser selbst als tätig und leidend unmittelbar bewußt, und daher kennen wir uns als wirkliches Ding« (Entsteh. u. Werd. d. Selbstbew. S. 26). W. JAMES bemerkt: »In its widest possible sense... a man's Self is the sum total of all that he can call his« (Princ. of Psychol. I, p. 291 ff.). Das »spiritual Self« ist »a man's inner or subyective being, his psychical faculties or dispositions« (l.c. p. 296). »Ressemblance among the parts of a continuum of feelings... thus constitutes the real and verifiable ›personal identity‹ which we feel« (l.c. p. 336; vgl. LADD, Philos. of Mind 1895, p. 147 ff.). Vgl. Selbstbewußtsein, Subjekt, Seele, Doppel-Ich, Identität, Person.


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