Ich - Bergmann, Husserl


Als Bewußtsein, Bewußtseinsform, Bewußtseinsmoment, psychische Wesenheit wird das Ich verschiedenerseits bestimmt. J. BERGMANN erklärt: »Gewiß ist..., daß wir nichts als daseiend denken können, ohne unser denkendes Ich selbst als daseiend zu denken« (Begr. d. Das. S. 294). »Dies aber, sich selbst zu denken und zwar als daseiend, also als identisch mit sich, ist das Wesen des Ich. Ich bin das, was ich mit dem Worte ›Ich‹ meine, nur, inwiefern ich mich denke« (l.c. S. 296). Das Ich ist »nichts anderes als das wahrnehmende Bewußtsein, inwiefern dasselbe sich selbst zum Inhalte hat und, indem es sich zum Inhalte hat, hervorbringt« (Sein u. Erk. S. 97). »Ich habe nicht, sondern ich bin Bewußtsein« (l.c. S. 155). »Der reine Inhalt meines Bewußtseins ist... mein allgemeines oder reines Ich, der empirische Inhalt mein besonderes oder empirisches Ich und weiter nichts« (ib.). Das Ichbewußtsein steckt schon »in der schwächsten sinnlichen Empfindung, in dem dumpfesten Gefühle« (l.c. S. 156), Nach O. SCHNEIDER ist das Ichbewußtsein nur »daraus erklärlich, daß in dem Wechsel ein unbedingt Gleiches, Beharrliches mit festen Stammbegriffen bleibt, welches das Bewußtsein der Dasselbigkeit (Identität) erzeugt« (Transzendentalpsychol. S. 122). »Es ist immer dasselbe einheitlich geschlossene, als Ganzes tätige Ich, welches Ordnung und Einheit in den Vorstellungen stiftet und sich seine Bewußtseinszustände auf Veranlassung der Erfahrung nach. Maßgabe seiner apriorischen Kraft macht. Die kritische Philosophie erkennt in diesem tätigen Ich ein transzendentales, übersinnliches, bei allen verständigen und vernünftigen Menschen gleiches Bewußtsein« (l.c. S. 447). Ein absolutes, zeitloses Ich als Seinsprinzip nimmt u. a. GREEN an (Proleg. to Ethics § 11). Nach G. THIELE gibt es ein »überzeitliches Ich«, dessen Äußerungen die einzelnen Ich-Akte sind (Philos. d. Selbstbew. S. 311). Das Ich ist »Selbstgefühl«, »das reine Sich-selbst-fühlen der Seele«, »Identität von Wissen und realem Sein«, »Sich-selbst-wollen« (l.c. S. 303 ff., 327, 311). K. LASSWITZ erklärt: »Das naturbedingte Ich ist unsere individuelle Existenz in Raum und Zeit... Das Ich als Selbstgefühl aber ist gerade das allgemeine, das allen individuellen Ich, die sich durch ihren Inhalt unterscheiden, in gleicher Weise zukommt. Nur jener besondere empirische Inhalt ist naturgesetzlich bestimmt, das Ich-sein als solches aber ist eine autonome Bestimmung im Bewußtsein, wodurch die Bestimmung von Inhalt, d.h. Einheit von Mannigfaltigem, somit Natur, erst möglich wird« (Wirklichk. S. 151). - Nach B. ERDMANN ist das Ich ein bei allem Wechsel des Bewußtseins beharrendes selbständiges Wirkliches (Log. I, 7.5 f.). Indem wir von den Objekten leiden und uns in diesem Leiden selbst erhalten, werden wir uns unserer eigenen Wirklichkeit bewußt (l.c. I, 83). A. WERNICKE betont: »Unser Ich ist die Formaleinheit seiner Vorstellungen«. »Da unser Ich es an sich selbst erfährt, daß ein Etwas trotz der Verschiedenheit seiner Zustände sich stets als dasselbe erscheinen kann, so überträgt es diese Erfahrung unmittelbar auf das Mannigfaltige, welches ihm gegenübertritt, und erfaßt dasselbe nach dem Muster (Analogie) der Identität Ich = Ich, so daß es im Gegebenen schließlich ein Reich von Dingen sieht, welche Formaleinheiten seiner Zustände sind« (Die Grundlag. d. Euklid. Geometr. l887, S. 6). Nach REHMKE ist das Ich »das unmittelbar gegebene konkrete Bewußtsein«. »Das in Wechselwirkung Zusammen von Seele und Leib... ist der Anlaß, daß dasselbe Wort ›ich‹... auch für jenes zusammen gebraucht wird« (Lehrb. d. allg. Psychol. S. 126). SCHUPPE erklärt: »Bewußtsein und Ich können promiscue gebraucht werden. In dem Sich-seiner-bewußt-sein besteht das Ich.« »Das Ich erweist sich im unmittelbaren Bewußtsein als etwas, was nur Subjekt sein, nur Eigenschaften haben, Tätigkeiten ausüben kann... Es bedarf nicht nur keines Substrates, sondern kann keines haben« (Log. S. 16). Ich-Subjekt und Ich-Objekt weisen gegenseitig aufeinander hin. »So weit ist das Ich absolut einfach, ein absoluter Einheitspunkt« (l.c. S. 19). »Bewußtsein oder Ich« abstrakt genommen ist nur ein »begriffliches Moment in dem Ganzen des konkreten oder individuellen Bewußtseins« (l.c. S. 20). Als »Subjekt des Bewußtseins« ist das Ich unräumlich (l.c. S. 24), räumlich wird es erst, indem es sich als Objekt unter Objekten findet (l.c. S. 25). Die Individualität des Ich hängt allein vom Bewußtseinsinhalt ab, welcher das empirische Ich darstellt (l.c. S. 21). »Das einzelne individuelle Ich ist dieses Ich nur dadurch, daß es diesen räumlich und zeitlich bestimmten Inhalt hat« (l.c. S. 07). »Die psychischen Vorgänge coincidieren in dem einen unteilbaren Einheitspunkt des Ich, welches sich in ihnen findet, als handelnd oder leidend, bestimmt oder bestimmend« (l.c. S. 76). »Das Ich findet und hat sich in diesen psychischen Elementen so etwa, wie die einfachste Erscheinung aus den Erscheinungselementen besteht« (l.c. S. 140). Durch seine ihm eigene Einheit ist das Ich ein »Ich-Ding« (ib.). SCHUBERT-SOLDERN bestimmt: »Die continuierliche, zeitlich einheitliche Entwicklung von Vorstellungen, Gefühlen, Begehrungen u.s.w., gebunden an einen Leib mit der Seinsart der Wahrnehmung und den Mittelpunkt der unmittelbar gegebenen Raumwelt bildend, ist das Ich.« »Zu ihm steht alles in Beziehung« (Gr. e. Erk. S. 8). Zu unterscheiden ist zwischen konkretem und abstraktem Ich (l.c. S. 11). Auf der Kontinuität der Erneuerung des »Ich denke« beruht die Identität des Ich (l.c. S. 75). »Ich bin mir eines Inhaltes bewußt, heißt; es ist im Zusammenhange meines Ich gegeben« (l.c. S. 76). Das Ich ist »die stetige Verknüpfung der Gegenwart mit der Vergangenheit« (ib.). Das empirische (konkrete) Ich ist die Grundlage des abstrakten Ich-Zusammenhanges (l.c. S. 77; vgl. S. 82 ff.). RIEHL erblickt im Ich »keine absolut fixe Idee, sondern eine Vorstellung, die sich beständig erneut, die fortwährend aus ähnlichem, aber niemals vollkommen identischem Material erzeugt wird«. Es ist keine Seins-, sondern eine Tätigkeitsform (Philos. Krit. II 1, 66). »Nur der bloße Gedanke, ›Ich‹, der Begriff des Subjektseins, ist immer und überall derselbe Gedanke, die nämliche Form des Bewußtseins überhaupt; das empirische Selbstbewußtsein aber, das konkrete Ich, ist so reich und mannigfaltig, so verschieden an Ausdehnung und Gehalt, wie es die individuellen Unterschiede der Begabung und der Erlebnisse mit sich bringen« (Zur Einleit. in d. Philos. S. 167). Nach G. GERBER ist die Ichheit das »Sein des Universums« (Das Ich S. 425). Die Gottheit ist Ichheit (l.c. S. 415). Ohne Ichheit keine Welt (l.c. S. 41). Das Ich hat ein »formendes Wirken«, eine »Bildekraft«, es gestaltet erkennend- handelnd die Welt in den Formen seines Bewußtseins, indem es sich ihr einbildet (l.c. S. 222, 34O). Nach HUSSERL ist das Ich nichts, was über den Erlebnissen schwebt, sondern identisch mit ihrer eigenen Verknüpfungseinheit (Log. Unters. II, 331), eine »einheitliche Inhaltsgesamtheit« (ib.), welche in kausaler Gesetzlichkeit liegt (l.c. S. 332). Ein eigenes »reines« Ich, wie es u. a. NATORP annimmt, gibt es nicht. Nach MÜNSTERBERG wird die »Ichsfunktion« nicht vorgefunden, sondern erlebt, behauptet, gewollt. Sie ist nicht beschreibbar, nicht erklärbar, aber die gewisseste Realität, die nur nicht objektivierbar ist (Grdz. d. Psychol. S. 93).


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