Klima Irlands

 

Der Anbau von Korn ist in Irland uralt. In den ältesten irischen Gesetzen, die lange vor Ankunft der Engländer niedergeschrieben wurden, ist der "Sack Weizen" bereits ein bestimmtes Wertmaß; in den Leistungen der Untergebnen an die Stammhäupter und sonstigen Häuptlinge kommt Weizen, Gerstenmalz und Hafermehl fast regelmäßig in bestimmt vorgeschriebnen Quantitäten vor.13) Nach der englischen Invasion verminderte sich unter den fortwährenden Kämpfen der Kornbau, ohne doch je ganz aufzuhören; von 1660 an bis 1725 nahm er wieder zu, von da bis gegen 1780 wieder ab; von 1780-1846 wurde neben vorwiegendem Kartoffelbau wieder mehr Korn gesät, und seit 1846 sind Korn und Kartoffeln stetig dem Vordringen der Viehweide gewichen. Wenn das Klima nicht für den Kornbau geeignet ist, würde er über tausend Jahre sich gehalten haben?

Allerdings gibt es Striche in Irland, die wegen des in der Nähe der Berge stets häufiger fallenden Regens zum Weizenbau sich weniger eignen - besonders im Süden und Westen. Neben guten Jahren kommen dort oft Reihen nasser Sommer vor, wie 1860-1862, die dem Weizen viel Schaden tun. Aber Weizen ist nicht das Hauptkorn Irlands, und Wakefield beklagt sich sogar darüber, daß aus Mangel an Absatzmärkten viel zu wenig davon gebaut werde; einen andern Markt dafür als die nächste Mühle gab es nicht; Gerste wurde ebenfalls fast nur für die heimlichen Branntweinbrennereien (die sich der Versteuerung entzogen) gebaut. Das Hauptkorn in Irland war und ist Hafer, von dem 1810 mindestens zehnmal soviel gebaut wurde wie von allen andern Kornarten zusammen; und da die Haferernte später ist als die von Weizen und Gerste, fällt sie häufiger in das, besonders im Süden, meist schöne Wetter von Ende September und Oktober. Und Hafer kann zudem schon tüchtig Regen vertragen.

Wir haben schon oben gesehn, daß das Klima Irlands, was Regenmenge und Verteilung des Regenfalls auf die Jahreszeiten angeht, mit dem des nordwestlichen Englands fast ganz stimmt. Der Regenfall in den Bergen von Cumberland und Westmoreland und Nord-Lancashire ist weit höher als in irgendeiner mir bekannten Station Irlands (in Coniston 96,03, in Windermere 75,02 Zoll, Durchschnitt von 1860-1862), und doch wird dort Heu gemacht und Hafer gebaut. In denselben Jahren variierte die Regenmenge im südlichen Lancashire von 25,11 in Liverpool auf 59,13 in Bolton, Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 40 Zoll; in Cheshire von 33,02 auf 43,40, Durchschnitt aller Beobachtungen etwa 37 Zoll. In Irland war sie in denselben Jahren, wie wir sahen, nicht ganz 39 Zoll. (Alle Zahlen aus Symons.) In beiden Grafschaften wird Korn aller Art, namentlich Weizen, gebaut; Cheshire trieb bis zur letzten Rinderpest-Epidemie allerdings vorwiegend Viehzucht und Milchwirtschaft, aber seitdem das Vieh großenteils weggestorben, paßt das Klima auf einmal ganz vortrefflich für Weizen. Wäre die Rinderpest nach Irland gekommen und hätte dort ebenso arge Verwüstungen angerichtet wie in Cheshire, so würde man uns jetzt statt des natürlichen Berufs Irlands zur Viehweide die Stelle aus Wakefield vor predigen, wonach Irland zur Kornkammer Englands bestimmt ist.

Sieht man sich die Sache unbefangen an, unbeirrt von dem interessierten Geschrei irischer Grundbesitzer und englischer Bourgeois, so wird man finden, daß Irland Striche hat, die nach Boden und Klima mehr zu Viehzucht, andere, die mehr zum Ackerbau, und noch andere - die große Mehrzahl -, die zu beidem gleich geeignet sind, wie das eben allerorts stattfindet. Verglichen mit England ist Irland der Viehzucht im ganzen günstiger; aber verglichen mit Frankreich ist England ebenfalls der Viehzucht günstiger. Geht daraus hervor, daß ganz England in Viehweide verwandelt, daß die ganze ackerbauende Bevölkerung in die Fabrikstädte oder nach Amerika gesandt werden muß - einige wenige Hirten ausgenommen -, um Platz zu machen für Vieh, das als Zahlung für Seidenstoffe und Weine nach Frankreich zu wandern hat? Aber das ist ganz dasselbe, was irische Grundeigentümer, die ihre Grundrente steigern, und englische Bourgeois, die ihre Arbeitslöhne herabdrücken wollen, für Irland verlangen: Goldwin Smith hat es deutlich genug gesagt. Und dabei würde die soziale Revolution, die in einer solchen Verwandlung von Ackerland in Viehweide einbegriffen ist, in Irland weit gewaltiger sein als in England. In England, wo große Kultur vorherrscht und die Ackerknechte schon großenteils durch Maschinen ersetzt sind, würde sie bedeuten die Verpflanzung von höchstens einer Million, in Irland, wo die kleine und selbst die Spatenkultur vorherrscht, würde sie bedeuten die Verpflanzung von vier Millionen, die Ausrottung des irischen Volks.

Man sieht, selbst Naturtatsachen werden zwischen England und Irland zu nationalen Streitpunkten. Man sieht aber auch, wie die öffentliche Meinung der in England herrschenden Klasse - und diese allein macht sich auf dem Kontinent hörbar - mit der Mode und dem Interesse wechselt. Heute braucht England rasch und sicher Korn - und Irland ist zum Weizenbau wie geschaffen; morgen braucht England Fleisch - Irland taugt nur zur Viehweide; die fünf Millionen Irländer schlagen durch ihre bloße Existenz allen Gesetzen der politischen Ökonomie ins Gesicht, sie müssen fort, sie mögen sehn, wo sie bleiben!

 

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10) Die Redensart, wie sich zeigen wird, verdankt ihren Ursprung nicht den dunklen Bergen von Connaught, sondern der dunkelsten Periode der ganzen irischen Geschichte.

11) Goldwin Smith, " Irish History and Irish Character", Oxford and London 1861. - Man weiß nicht, was man an dieser, die englische Politik gegenüber Irland unter der Maske der "Objektivität" rechtfertigenden Schrift mehr bewundern soll, die Unwissenheit des Professors der Geschichte oder die Heuchelei des liberalen Bourgeois. Wir treffen beide noch wieder.

12) Dr. W. Patterson, "An Essay on the Climate of Ireland", Dublin 1804, p. 164.

13) "Ancient Laws and Institutes of Ireland - Senchus Mor", 2 vols., Dublin, printed for Her Majesty's Stationery Office, and published by Alexander Thom (London, Longmans) 1865 und 1869. Siehe Band II, p. 239-251. Der Wert eines Sacks Weizen war 1 screpall (denarius) von 20-24 Gran Silber, der Wert des screpalls ist von Dr. Petrie, "Ecclestiastical Architecture of Ireland, anterior to the Anglo-Norman invasion", Dublin 1845, 4º, pag. 212-219, festgestellt.

 


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