Der Zauberkünstler


Neulich abends war Ich bei Onkel Leopold eingeladen, woselbst sich, unter gebildeten und zivilisierten Menschen, auch ein Verleger befand. Ich tat so, als sei ich kein Autor, daher denn der Verleger nicht mich auffraß, sondern nur das sehr gute Abendessen, denn Onkel Leopold ist aus Würzburg und versteht viel von Weinen und sehr viel vom guten Essen. Nach Tisch kam das Gespräch fast unmerklich auf Kartenkunststücke, und erst nachher habe ich gemerkt, dass der Verleger das Gespräch leise auf die schiefe Ebene gebracht hatte, bis es dahin rollte, wohin er es haben wollte ... und schon wurde ein Spiel Karten gebracht, und schon hatte es der Verleger in den dicken, scheinbar ungeschickten Händen ... und los gings.

Etwas altmodisch, diese Art Unterhaltung, wie –? Von gestern; – erinnert an »Dreihundert Originalscherze und Witze zum Totlachen« oder »Der beliebte Gesellschafter« – aber nach zwei Minuten machte ich mein dümmstes Gesicht und meine rundesten Kulleraugen und sah auf das, was der da trieb. Dergleichen hatte ich noch nie gesehen.

Ja, auf einer Bühne ... Aber hier saß ich zwei Meter, einen Meter, einen halben Meter von dem Mann entfernt, der auch gar nichts dagegen hatte; Ich sah ihm auf die Finger, fast hinter die Finger, durch die Finger – und trotz alledem wirbelten die Asse durch die Luft, entwetzten heimtückisch die Damen; verschwanden alle Buben und erschienen plötzlich alle Neunen – mir wurde etwas unbehaglich. Der Verleger lächelte hold, als habe er mir meine Jahresabrechnung vorgelegt, was ja etwa in dieselbe Kategorie fällt ... er lächelte und fuhr fort mit Kunststücken, und wenn wir nur noch leise atmeten und uns ansahen, dann sagte er: »Aber bitte, ich mache es gern noch einmal«, und dann fing er wieder von vorn an und versprach, es noch langsamer zu machen, und das tat er auch – und wir merkten nichts und merkten nichts. Als er aber vier Brotkügelchen unter einem auf den Boden gestülpten Teller unter einen andern praktiziert hatte, wurde es mir zu bunt, und Ich fragte Ihn geradezu. »Sind Sie so geschickt, oder sind wir so dumm?« fragte ich. »Beides,« sagte er. Und erzählte. Und nun wurde es ernst.

Er erzählte von den »okkulten Séancen«, die er mitgemacht hatte; wie er Medien entlarvt und Professoren angeschmiert hätte – ja, er gab vor, dem großen Professor R. bei einer vorherigen Untersuchung ein kleines Paketchen mit Werkzeugen, die er später benötigte, hinten an einen Knopf des Gehrocks gehängt zu haben, da soll das Päckchen friedlich gebaumelt haben, dann hakte es der Zaubermann wieder ab und begann nun viel Übersinnliches zu produzieren ... Das ist vielleicht ein Witz. Wie aber ist es im Ernst? –

»Sie haben einen blinden Fleck im Auge«, sagte er. »So haben Sie auch manchen blinden Fleck in Ihrer Aufmerksamkeit. Das nutze ich aus. Ich sehe das am Zwinkern Ihrer Lider: es gibt da eine Zehntelsekunde, wo Sie nicht aufpassen, und in dieser kurzen Zeitspanne liegt der Trick. Sie werden nie dahinterkommen.« – »Warum nicht?« fragte ich. »Weil Sie nicht sehen können«, sagte er. Das wirds wohl sein.

Worauf ich mir auf dem Nachhausewege mancherlei überlegte. Zum Beispiel dieses:

Die meisten Kontrollen spiritistischer Sitzungen gehen von dem festen Glauben der Kontrollierenden aus: »Mit mir kann man das nicht machen!« Man kann es aber mit ihnen machen. Es beruht das wohl darauf, dass die wenigsten Menschen Selbsthasser sind, die, von der Unzulänglichkeit ihrer Gaben im tiefsten überzeugt, sich mißtrauen ... im Gegenteil, die meisten Menschen sind auf das herrlichste von sich selber überzeugt und halten ihre nun einmal fest umgrenzte Intelligenz für das Maß aller Dinge. Das ist sie aber nicht.

Sie merken nicht, dass sie betrogen werden, weil sie nicht betrogen werden wollen. Sie geben sich keine Niederlagen zu – es gibt ja Leute, habe ich gehört, die haben noch nie in ihrem Leben unrecht gehabt ... Und so gehen sie denn auch aus einer solchen Sitzung sieghaft überlegen, ganz von sich durchdrungen und von oben bis unten begossen hervor – und ahnen das alles nicht einmal. Sie wissen nicht, ein wie schlechter Beobachter der Durchschnittsmensch ist.

Erst die Psychologie der Zeugenaussagen; die Experimente bei der Berufsberatung, so übertrieben da manches auch sein mag, geben den Leuten eine Vorstellung davon, wie schlecht ihr Registrierapparat arbeitet, wie unvollkommen sie sehen, wie mangelhaft sie hören, wie sie gar nicht fünf Sinne haben, sondern höchstens drei und einen halben ... Aber sie wollen das nicht wahrhaben.

Hier soll nicht von dem sehr vorsichtigen, sehr skeptischen und grundgescheiten Professor Driesch gesprochen werden, sondern mehr von den populären Versuchen dieser Art; seit ich meinen Zaubermann habe arbeiten sehen, ist mir ganz bewußt geworden, dass unsereiner, der kein Jägerohr, kein besonders ausgebildetes Auge hat, eben nicht, wie sie alle glauben, in der Lage ist, Wahres vom Falschen zu unterscheiden. Wir sehen, aber wir sehen viel weniger, als wir sehen.

Woraus denn hervorgeht, dass Zauberkünstler, Verleger, Medien und Damen von acht Jahren aufwärts uns viele Kunststücke vormachen können, die wir für Geistererscheinungen, Jahresabrechnungen und Liebe nehmen, getäuscht in einer Zehntelsekunde.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 10.02.1929, Nr. 70.





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