Wenn der Vater mit dem Sohne ... !


Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass es Dir wohlgehe und Du lange lebest auf Erden!


Was das neue Buch des Schriftstellers Wilhelm von Hohenzollern angeht, so ist zunächst festzustellen, dass es gar nicht von ihm herrührt. Also mit der Sensation ist es halb so schlimm. Für geistige Arbeiten haben sich die Monarchen stets ihre Helfer gehalten: früher einen Hofnarren, später katzbuckelnde Minister – heute wendet sich das Haus Hohenzollern in solchen Fällen (»Postkarte genügt! Komme sofort!«) an Herrn Karl Rosner. Von dem stammt der Schmöker.

Herr Rosner hat erst vor Jahresfrist ein Buch unter sich gelassen, das er, weil die kaiserliche Firma blamiert schien, vorsichtshalber ›Der König‹ nannte, und in dem genau das Gegenteil von dem steht, was einen Teil seines neuen Buches ausmacht: war dort der gute, arme Kaiser ein unschuldiger und braver Mann, so ist er hier ein haltloser, von seiner Umgebung betrogener, ziemlich trauriger Tropf. Und das ist eigentlich eine der häßlichsten Seiten des sonst belanglosen Buches.

»Die Fähigkeit, Menschen und Verhältnisse ... richtig zu beurteilen, ist für den Herrscher und Staatsmann von größter Wichtigkeit. Sie ist dem Kaiser nicht in vollem Maße gegeben.« Das konnte man wohl sagen. Und wenn auch dargetan wird, dass Seine Majestät hinter seiner repräsentativen Form im Grunde eine schlichte Natur gewesen sei, (siehe die Bauwerke seiner Regierung!) – so kommt doch im allgemeinen der Vater unter der Kritik des Sohnes nicht allzugut weg. Er wird, was man so im schlichten Volksmund sagt, fallen gelassen.

Warum?

Warum? – Wenn ein Restaurateur seine Destille verkauft, dann prangt gewöhnlich im Blättchen die Anzeige:

 

P. T. Ich habe die Restauration Zum vergnügten Hohenzollern erworben und bitte ich, das meinem Vorgänger gespendete Vertrauen auch mir entgegenbringen zu wollen.

Hochachtungsvoll

Der neue Wirt.

 

In diesem Büchlein, dessen Lektüre sich kaum lohnt, empfiehlt sich hochachtungsvoll der neue Wirt. Aber ich fürchte, ich fürchte ... wir werden ihm kein Vertrauen entgegenbringen.

Jedes Wort des Buches, das ein großes Geschäft werden soll – man beachte die organisierte Aufmachung in den deutschnationalen Buchläden! –, jedes Wort ist genau frisiert, dreimal besprochen und viermal überlegt. Es ist ganz und gar für die Dummen geschrieben: mit seiner törichten Gefühlsduselei (in dem Buch wird ein bißchen viel geweint, beinah so viel wie in einem Roman der Frau Courths-Mahler), – in seiner verlogenen Forschheit, seinen schmalzigen Ergüssen, seiner falschen Bescheidenheit und seinen scheinbaren Intimitäten. Und trotz aller Bauernschlauheit, trotz allem Kopfzerbrechen präsentiert sich Wilhelms Ältester als der Sohn seines Vaters. Das ist kein Kompliment.

Der Herr Schriftsteller ist bemüht, sich als ›modernen jungen Mann‹ zu geben: wissen Sie, so einer, der nicht in den alten dummen Anschauungen der Monarchie befangen ist (sondern in den neuen dummen), so einer, der sogar das Telefon benutzt, ein Sportsmann, ein Theaterlogenbesucher, kurz: der Typus des jungen Menschen in gehobener Stellung, dem keine Bar fremd ist. Es lohnt kaum, all die Torheiten aufzuzählen: wie er Zeppelin den größten Deutschen seines Jahrhunderts nennt (heiliger Goethe!), wie er eine Putzstunde, die unter seiner Aufsicht beim 1. Garde-Regiment zu Fuß stattfindet, für eine Widerlegung der »klugen Herren« hält, »die jetzt immer so viel von der Tyrannei und Menschenschinderei des alten Militarismus zu erzählen wissen«. Ob er auch dabei gewesen ist, wenn seine Unteroffiziere den ›Kerls‹ ins verlängerte Kreuz traten? In dieser Zeit besuchten Hoheit wohl mehr die ›Lustigen Witwen‹. Es lohnt nicht, von dem schnoddrigen Kasinostil zu sprechen, von den zahllosen Dummheiten und Schiefheiten der politischen Ansichten und von der Selbstüberhebung, die da glaubt, es sei diesem Kronprinzen möglich gewesen, »sein Wissen aus dem Vollen des Lebens zu schöpfen«.

Wenn früher einer einen Krieg verloren hatte, dann ging er still und bescheiden nach Hause und war froh, wenn sie ihn nicht aufhängten. Unsere geschlagenen Cäsaren schreiben Bücher. Für diese Entschuldigungs-Zettel gibt es bereits ein bestimmtes Schema, und Herr Rosner hat sich sein Geld leicht verdient: man schwärzt nach berühmten Mustern einfach alle andern Dienststellen, Offiziere, Minister und Politiker an, hat es selbst alles bereits 1915 gewußt und steht nachher da wie die Drahtseiltänzerin, wenn sie geziert ins Publikum dankt. Gewöhnlich ist immer nur eine Seite dieses Geschreibes wahr: das ist die Belastung der andern; denn der Haß schärft die Augen. Und zum Schluß hat sich die ganze Gesellschaft gegenseitig mit faulen Eiern beklackert und versichert im schönsten Chorgesang, dass es keiner, keiner gewesen sei.

Besonders peinlich wird die Angelegenheit, wenn der Sohn auf den Vater alle Verantwortlichkeit zu schieben versucht. Sicherlich mit großem Recht. Aber diese häuslichen Auseinandersetzungen sind nicht gerade ersprießlich, und sie scheinen es um so weniger, besinnt man sich auf ihr sehr übles Motiv.

Wenn ein Kommis den ganzen Laden madig macht und an seinem Betrieb auch nicht ein gutes Haar läßt, so würde man den jungen Herrn nicht gerade mit viel Vertrauen engagieren. Dieser packt dem Monarchismus eine Portion Schuld auf, an der drei mittelkräftige Familien ihr Auskommen hätten. Die Ratgeber der kaiserlichen Umgebung hätten im Krieg und im Frieden versagt. Sie sind nach diesen Schilderungen eines, ders wissen muß, töricht, unzulänglich, verderblich ... Ja, wer hatte sie sich denn ausgesucht? Alles fällt auf Vatern zurück.

Aber der Sohn ist auch nicht von Pappe. Wie er Groener an allem schuld sein läßt (alter psychologischer Kniff: den Boten des Unglücks die Botschaft entgelten zu lassen) – wie der Ausreißer die Deutschen beschimpft, weil sie nicht mehr für ihn und die verfahrene Karre weiter bluten wollen, wie dieser Telefongeneral auf ›Etappensoldaten‹ schimpft und sie noch zum Schluß – auf seiner eigenen Flucht! – anpfeift – wie er sich dreht und windet, um diese Flucht plausibel zu machen – und wie er noch zuletzt Deutsche auf Deutsche hetzen wollte: all das ist Papa wie aus dem Gesicht geschnitten.

1918. Noch im Sterben benahm sich jene Monarchie so klein, wie sie es stets zu Lebzeiten getan hatte: noch im Erlöschen machten diese preußischen Talmudisten die feinsten Unterschiede zwischen einer ›Abdankung‹ und der ›Bereitwilligkeit zur Abdankung‹ – man denke, am Telefon drängten die Minuten und sie stritten um Silben. Und kniffen aus. Wenn der Vater mit dem Sohne auf dem Zündloch der Kanone ... Heil euch im Siegerkranz –!

Und nun empfiehlt er sich. Dafür ist dieses Buch geschrieben. Empfiehlt sich als fortgeschrittenen, modernen jungen ›Demokraten‹ – rührend, diese Kindlichkeit, mit der von Rosner seine militärischen Grundsätze über den ›Dienst‹ hervorgehoben werden: viel Urlaub, Nachsicht noch mit dem mindestbegabten Rekruten (Trost für die Dummen unter den Deutschen, wenn wir erst die Wehrpflicht wieder haben!) – er ist auch gegen den übermäßigen Trinkkomment der Studenten – er will die Sozialdemokratie »nach Möglichkeit berücksichtigen« – und merkt nicht, wie weltenfern von aller wahren Geistigkeit er ist, und sieht nicht ein, dass wir weder einen strammen noch einen laschen ›Dienst‹ haben wollen, sondern gar keinen. Und ihn am allerwenigsten.

Er hält sich bestens empfohlen. Aus den letzten Seiten des Buches geht hervor, was von der schriftlichen Zusicherung eines Hohenzollern zu halten ist: er habe abgedankt, spricht er; aber nicht etwa, weil er die Revolutionsregierung anerkannt habe und weil es ihm mit der Abdankung ernst sei, sondern weil für einen Thronfolger das wahre Fundament der Rechte das Vertrauen der Nation sei, die ihn ja jederzeit wiederberufen könne, »Gibt jemand, der in großer Not zum Wohl des Ganzen den Verzicht auf ein verbrieftes Recht erklärt, etwas von dem höheren freien Recht preis, dem Ruf zu folgen, wenn er jemals aus dem Willen der Mehrheit an ihn ergehen sollte?« So fing Napoleon III. auch an. Genau so.

Hier ist ein kleiner Kronprinz zu vermieten! Dies und nur dies ist der Schrei des Buches. Alle andern Einzelheiten sind überholt, oberflächlich und uninteressant – man halte nur ›Die Katastrophe Deutschlands, von einem Deutschen‹ dagegen (erschienen bei Duncker und Humblot in München), um den ganzen Unterschied zwischen Husarenmütze und Geist zu ermessen! Er empfiehlt sich. Er will, Gott behüte, weiterschreiben – und wenn wirs erleben, dann wird sich ja wohl auch noch sein Ältester bei Vater Rosner sein Buch bestellen. Rosner machts.

Sein kaiserlicher Auftraggeber aber bleibe auf seiner Insel und nähre sich redlich. Ab und zu schickt er, wie er sagt, eine Taube nach Deutschland, »auf dass er erführe, ob das Gewässer gefallen wäre auf Erden«. Die Taube hätte ihm bis jetzt noch kein Ölblatt mitgebracht, sagt er. Ein Ölblatt nicht, aber der Familie immerhin einen hübschen Batzen Geldes, der unsern Kriegsverletzten erheblich an der Rente fehlt!

 

 

Ignaz Wrobel

Welt am Montag, 22.05.1922.





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