Wells, ›Menschen, Göttern gleich‹


Man lebt in Paris, um – daran ist gar kein Zweifel – deutsche Übersetzungen englischer und amerikanischer Romane zu lesen. Herrschaften, seid nicht böse; in blauer Nacht darf man es sagen: mich langweilt die französische Literatur so, dass ich mich ernsthaft frage, ob ich vielleicht die Franzosen gar nicht verstehe. Ach, geht mich das nichts an! Ach, ist das begabt und ›fin‹ und talentiert und gut gesagt und zart psychologisch und haardünn und graziös und gleichgültig. Also richtig: Wells. ›Menschen, Göttern gleich‹. (Bei Paul Zsolnay in Berlin.) Die zweite Nacht –

Eine Utopie. Das Genre ist so alt wie die Welt; denn schon im Jahre 386 vor Christo ... (folgen zwei Seiten abgeschriebener Bibliographie über die Geschichte der Utopie). Abgesehen davon – eine leicht mechanische Utopie. So: die bösen Menschen sind alle böse oder doch sehr unvollkommen und kläglich – und die guten Utopianer sind alle gut und vollkommen und herrlich und überhaupt. Nicht so stark wie sonst, wenn auch, wie immer bei Wells, interessant und lesenswert; es gibt da doch etwas zu lernen. (Kein Vergleich mit der ›Zeitmaschine‹, aus der sich die selige Minna von Harbou, doch: Minna, eine Filmidee abgekurbelt hat.) Manchmal ist dieser Band von Wells wie eine mit Phantastik dünn übertünchte These. »Der richtige Weg, die Dinge anzupacken, ist gefunden worden.« Sehr schön – aber was hat das noch mit Kunst zu tun? Daneben eine Fülle herrlicher Einzelheiten. Der Held ist auf dem fremden Stern nach wundersamen Abenteuern in eine Schlucht geraten. »Ein jüngerer Mann hätte die Einsamkeit in der Schlucht wahrscheinlich sehr schrecklich empfunden, aber Mr. Barnstaple hatte Ärgeres durchlebt: die Enttäuschungen der Zweisamkeit. Er hätte gern eine letzte Aussprache mit seinen Söhnen gehabt und sein Weib beruhigt, aber sogar diese Wünsche waren vielleicht mehr sentimental als wirklich empfunden.« Vielleicht? Sicher. Übrigens wird auch Sentimentalität wirklich empfunden, aber es ist doch schön, zu sehen, wie ein fast weise gewordner Mann männlichen Empfindungen auf den Grund geht, auf dem sie stehen. Und dann ist da allerdings etwas, das mich bewegen würde, gradenwegs auf den fremden Stern zu fliegen, mich als Strahl hinaufsenden zu lassen, oder wie man das nun macht. Denkt doch nur! »Hier gab es kein Gekläff und Heulen müder oder gereizter Hunde, kein widerliches Geschrei, Gebrüll, Gequieke und keinen jämmerlichen Aufschrei ängstlicher Tiere, keinen Wirtschaftslärm, keine Wutschreie, kein Geblöke und Husten, keinen Lärm von Hämmern, Klopfen, Sägen, Schleifen, Sirenengeheul, Pfeifen, Kreischen und ähnlichem, kein Rattern entfernter Eisenbahnzüge, kein Gerassel von Automobilen oder andrer schlecht konstruierter Mechanismen; die ermüdenden und häßlichen Geräusche mancher unangenehmer Wesen waren nicht mehr zu hören. In Utopien herrschte sowohl für das Ohr wie für das Auge Friede. Die Luft, einst von unentwirrbaren Geräuschen verseucht, war jetzt gereinigte Stille.« Ach, Utopien –! Wo liegst du? Wie kann man zu dir gelangen –? Ach, Utopien.

Die Übersetzung habe ich nicht kontrolliert. Ich habe aber zu einem Übersetzer kein Vertrauen, der »moving pictures« mit »lebenden Bildern« übersetzt (S. 221). Dies dürfte ein kleiner Skandal sein. Immerhin hat es sich wohl herumgesprochen, dass diese englischen Wörter ›Kino‹ bedeuten. Wie mag das also wohl mit der Übertragung der andern Anglizismen bestellt sein?





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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