Der Konsumvereinsteufel


Dies Wort, auf Wedekind gemünzt, stammt von Hofmiller. Stimmts am Ende? Sollte der strengste Kritiker dieses Dichters Recht behalten? Er, der einmal von »sauer gewordener Romantik« gesprochen hat? Damals, anno Dominae Lulu, hatte er sicherlich Unrecht. Wer aber am Sonntag im Hotel Esplanade zu Berlin auf der Wedekind-Matinee ›seinen Tee à discrétion schlürfte‹ – der durfte anfangen, zu zweifeln.

Der Weg von Zürich, von wo die nicht eben schön gedruckten Bändchen von ›Frühlings Erwachen‹ in die Welt geschickt wurden, bis in die Bellevue-Straße ist lang und führt abwärts. Der Krater scheint erloschen. Oben stehen die respektvollen Touristen herum, sehen mit stillem Grauen in die tiefe Öffnung und glauben dem Baedeker: Hier hats einmal Lava gespien. Aber das ist lange her.

Nie haben wir Schwächeres gegen die Zensur gehört als von Wedekind. Es ist eine fixe Idee von ihm, die er sehr langsam vor sich herwälzt. Denn er hat noch mit der zweiten zu tun, die ihm irgend ein fixer Literat in den Kopf gesetzt hat: Kleist und Er. Er und Kleist. Also sagen wir schon: »Ich, der Kleist von 1914. Soll ich vielleicht auch noch an den Wannsee gehen?« Und der diable bourgeois setzt sich hin und weint, dass dem Schutzmann seine Werke nicht gefallen. »Er ist entsetzlich deutsch«, hat Hofmiller gesagt.

Dann hielt ein zukünftiger Literaturprofessor ein Kolleg über den Dämon. Der junge Doktor Lewin, dessen Langweiligkeit zu den schönsten Hoffnungen berechtigt, vermied sorgfältig, den alten stürmischen Wedekind wieder lebendig zu machen. Es hätte vielleicht den neuen blamiert; aber es wäre nicht so stumpfsinnig gewesen. Leider konnte man in die Tische, weil sie gedeckt waren, keine Herzen schneiden, wie in die traulichen Kollegbänke bei Roethe.

Das wundervolle Duo Kayssler-Eysoldt machte das Finale. Hier kann sich doch Wedekind nicht beklagen. Aber trotz diesen beiden hatte man das Gefühl, dass er sich einen tiefen Gang in die Erde gräbt, durch die verzwicktesten Stollen läuft und, wenn er wieder ans Tageslicht kommt, doch nur auf dem Potsdamer Platz, mitten in der dicksten Bürgerlichkeit steht. Es ist alles nicht mehr so schlimm.

Noch einen Schritt, noch diesen letzten – und wir haben auch Wedekind apud Unam sanctam ecclesiam catholicam.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 19.03.1914, Nr. 12, S. 348.





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