Wedekind in Berlin


 In voriger Woche gab Wedekind in seinem berliner Gastspiel sein Bestes: »Erdgeist«. Frau Tilly Wedekind spielte die Lulu, und es gibt wohl keine bessere Lulu als sie. Sie tat nichts, was Schauspielerinnen in dieser Rolle wohl sonst zu tun pflegen: sie war nicht dämonisch und nicht hysterisch und gab nicht durch bedeutungsvolle Seitenblicke dem Parkett zu verstehen, dass sie gewillt sei, alle ihre männlichen Partner zu verderben. Diese Lulu war das Weib schlechthin, meisterhaft, in welch naivem Ton sie auf die hastig hervorgestoßenen Fragen: » ... aber du hast doch schon einmal geliebt? – Wen hast du geliebt? – Ja, glaubst du denn überhaupt noch an jemanden?« antwortete, ruhig, selbstsicher, gleichgültig: »Ich weiß nicht.« – Sie war das Weib in Reinkultur (Reinunkultur?) – sie lag auf dem Sofa und ließ sich von einem fremden Mann küssen, sie goß lächelnd in der Wohnung ihres Mannes Strolchen die Schnapsgläser voll – und man fühlte, wie alle Einwände an dieser lächelnden Selbstverständlichkeit der Natur versagen würden ... Wedekind spielte den Dr. Schön, schlagsicher, ohne Gefühl für die Kontraste, die es da auf der Bühne gab. (So soll die Groteske sein: ohne Rücksicht auf Gegensätze, und seien es die wahnsinnigsten.) Es war der stärkste berliner Theaterabend des Jahres. Wir sind das gar nicht mehr gewöhnt: die Kulissen waren nur Kulissen und spielten nicht mit – ein Spiegel war durch angestrichnes Blech angedeutet, ein Paar Soffitten, Wände – aber in den Worten war Blut und Leben, und jede Handbewegung dieser Frau, ein Stocken im Gespräch war Erlebnis. Als Prolog erschien Wedekind in rotem Frack als Zirkusdirektor, knallte mit der Peitsche, schoß einen Revolver ab: »Hereinspaziert!« – Er pries sich an, er würde feine Bestien zeigen, ein Theaterarbeiter trug auf seinen Schultern Tilly Wedekind im Pierrotkostüm heraus, »die Schlange« – und als Clou vermaß sich Wedekind, einem Untier den Kopf in den Rachen zu stecken. Es beiße nicht, es sei zu feig ... »Wißt ihr den Namen, den dies Untier führt? – – Verehrtes Publikum!! —— Hereinspaziert!« Aber unser berliner Publikum ist kein Untier, – es ist nur dumm. Denn nach wie vor erregten Worte des banalen Lebens und die Tatsache, dass sich jemand hinter einer Gardine versteckt hielt, freudige Heiterkeit. Oben standen Komödianten, aber dahinter war eine Stadt aufgebaut, grau, riesig, vielgestaltig, mit hohen Häusern, in deren Dachgeschossen wer weiß was geschehen mochte, Paris, das Paris des zweiten Kaiserreichs. Leben ... Damals wie immer: über die Denkenden schritt die Frau als Siegerin.

 

tu.

Dresdner Volkszeitung, 18.06.1912.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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