Warum eigentlich? ...


Kleine Dinge, die in der ganzen Welt gleich sind

Vor dem Kriege ist in Paris ein sehr merkwürdiges Buch erschienen: ›Les Petites Choses‹ von Émile Berr, bei Bernard Grasset, Paris. Es beschäftigt sich mit Dingen, die so klein sind, dass man sie kaum wahrnehmen kann; es ist gewissermaßen eine Zeitlupenbeobachtung des Lebens, eine Mikroskopie des Lächerlichen.

Der Verfasser hat weiter nichts getan als einmal aufgepaßt, was so Leute alles machen, und dann hat er sich gefragt, warum sie es machen. Warum, fragt er, hat man vor Leuten Respekt, die sehr früh aufstehen? Warum sitzt das Monogramm im Taschentuch, wenn man es sucht, immer in der vierten Ecke? Diese Fragen sind nicht rein rational zu beantworten – es bleibt ein Rest, ein ganz winziger Rest von Irrationalem, von einer Art leichtem Irrsinn übrig, der nicht ausdeutbar ist. Daß sich zum Beispiel Leute freuen, die bei einem Glücksspiel gewinnen, ist recht begreiflich; dass sie sich aber noch dazu geschmeichelt fühlen, das rührt an die tiefsten Tiefen des Gemüts, an Urgründe von Götterglauben, Furcht, Sehnsucht nach himmlischer Bestätigung der Existenz und Freude an solcher Bestätigung. Warum es Leuten ein Hochgefühl verleiht, wenn sie einen andern durch ihre Brille gucken lassen und dieser andere sagt dann: »Ach, sind Sie aber kurzsichtig!« – das hat noch kein Mensch herausbekommen. Berr bekommt es auch nicht heraus – er stellt es nur fest, er wirft, vorsichtig lächelnd, die Frage auf ...

 

WARUM?

Warum schneidet man sich meistens die Nägel, wenn man es sehr eilig hat?

Warum ärgert einen das Schnarchen eines andern, wenn man allein ist – und warum muß man lachen, wenn man es mit mehreren hört?

Warum ist das illustrierte Blatt im Wartezimmer eines Zahnarztes immer vom vorigen halben Jahr?

Warum hat die plötzlich eintretende Stille an einem Tisch, an dem gegessen wird, etwas Beängstigendes?

Warum ist einem die Person, die ins Abteil einbricht, zunächst – bis sie sich hingesetzt hat – unsympathisch?

Warum fühlt man sich leicht geschmeichelt, wenn einen ein Hund wiedererkennt?

Warum kann kein Mann mit Papier und Bleistift einem noch so interessanten Redner zuhören, ohne im Verlauf von fünf Minuten kleine Männerchen zu malen?

Warum schlägt es nachts immer halb, wenn man aufwacht?

 

KLEINE SACHEN, DIE SPASS MACHEN

Zu wissen, wo man sich erkältet hat.

An der immer geringer werdenden Zahl der Blätter eines Redners zu merken, dass er nicht mehr lange reden wird.

Auf dem Bahnsteig seine Koffer vorbeifahren zu sehen.

In ein Trauerhaus zu kommen, wo die Leute ganz gefaßt sind.

 

Diese winzigen Lächerlichkeiten sind nicht an Land und Zeit gebunden. Bekanntlich trennt uns von den Vorkriegsjahren eine viel größere Zeitspanne, als sie der Kalender anzeigt, es ist immerhin seitdem allerhand geschehen. Ebenso ist bekannt, dass die Franzosen in tausend kleinen Dingen des Lebens anders fühlen als etwa eine germanische Rasse. Und doch ... Und doch sind die Ähnlichkeiten so verblüffend, die Gefühlchen so genau dieselben wie unsere, die haardünnen humoristischen Lichterchen so kongruent den unsern, dass der Leser einen kleinen Schreck bekommt und sich sagt: »Also muß es doch etwas ganz Gleiches bei allen Menschen geben, die denselben Zivilisationselementen unterworfen sind.« Das muß es wohl auch.

Soweit sich überhaupt ein Sinn aus den Ungereimtheiten, die hier nun folgen, herauslesen läßt, so ist es der der grenzenlosen Eitelkeit des Menschen – sein immerwährendes, auch auf die kleinsten Nebenumstände ausgedehntes Bestreben, sich, sich und sich herauszustreichen, dem andern überlegen zu sein, sich zu betonen, sich zu fühlen, der erste, der allererste zu sein. Aber damit ist die Sache nicht ausgedeutet. Es bleiben eine Menge dieser kleinen Lächerlichkeiten, – und niemand kann sagen, warum.

Und wenn man dann zu grübeln beginnt, aus welchem Grunde das so ist, dann wird man »Tja – « sagen und gegen eine dünne Wand gelaufen sein, an der es nicht mehr weitergeht.

 

KLEINE SACHEN, DIE UNANGENEHM SIND

Während des Essens von einem beobachtet zu werden, der nicht ißt.

Einen Regenschirm zu finden, der ein kleines bißchen zu hübsch ist, als dass man ihn anstandshalber behalten könnte.

In einen Salon einzutreten, wenn grade alles still ist.

Auf einer sehr feinen Gesellschaft den Blick der Nachbarin auf sich zu fühlen, die beim Dessert grade sieht, wie man nicht weiß, welches das Käsemesser und welches das Obstmesser ist.

Sich von einem hochvornehmen Diener in einen Mantel helfen zu lassen, dessen Ärmel schon ein bißchen abgeschabt sind.

 

WAS EINEM SO SCHMEICHELT

An der Spitze einer alphabetischen Liste zu stehen.

In einem billigen Hotel vom Portier, nach einem kurzen Blick, das teuerste Zimmer angewiesen zu bekommen.

Neben einem Haus zu wohnen, in dem ein Mord begangen worden ist.

Auswendig eine Adresse zu sagen, derentwegen sich alle den Kopf zerbrechen.

Auf einem internationalen Bankett einen Redner zu dir gewendet sprechen zu sehen, von dem du kein Wort verstehst, und der dich gewissermaßen als Zeugen seiner Ausführungen nimmt.

Ein schlechter Schüler gewesen zu sein.

 

 

Peter Panter

Uhu, 01.04.1928, Nr. 7, S. 24.





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