Die Verwandtschaft


Wenn man auf Verwandtschaft zu sprechen kommt, trifft man bei den meisten Leuten auf ein trübes Kopfschütteln, das einen resignierten Seelenzustand ahnen läßt. Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung werfen ein klagendes Echo zurück: »Wem sagen Sie das!« Aber so wie die Dantesche Hölle mehrere Stationen des Leidens hat, so gibt es Verwandtschaft und Verwandtschaft. Die Grundzüge sind überall gleich – die Nuancen lokal verschieden.

Bei Eugène Fasquelle in Paris (11 rue de Grenelle) ist in diesem Jahre eine kleine Anti-Verwandtschaftsbibel erschienen: ›Les Familiotes‹ von Jean Rostand. Der Titel ist nicht recht übersetzbar, der ganze Inhalt auch nicht.

Das Buch ist aus zwei Gründen ungemein interessant: einmal wegen der darin enthaltenen Schilderung der französischen Bourgeoisie und dann wegen eines kleinen Kapitels, das von Satire strahlt. Es ist in einem angenehm leichten Stil geschrieben, französische Bücher sind für Deutsche zur Zeit billig, ich kann es nur bestens empfehlen, wir können Auffrischungen aller Art gut gebrauchen.

Der einleitende große Essay ›Les Familiotes‹ befaßt sich also mit dieser Landplage, mit der Familie. Was er nicht enthält, ist jenes panische Entsetzen, das einen anständigen Menschen erfaßt, wenn er sehen muß, wie sich unangenehme Mitmenschen in seine Angelegenheiten mischen, (Karl Kraus hat einmal auf die tiefe Bedeutung des Wortes ›Familienbande‹ hingewiesen.) Diese profunde Einmischung erscheint dem französischen Autor selbstverständlich, und da nichts für den Menschen so charakteristisch ist wie das, worüber er gar nicht spricht, so muß es in dem bürgerlichen Frankreich ganz munter auf diesem Gebiet zugehen.

Aus dieser Schilderung, die übrigens nur einer geschrieben haben kann, der alle Stationen passiert hat, geht zunächst hervor, dass die Sippenbindung in der haute bourgeoisie des Landes viel enger geblieben ist als bei uns. Wer an seinem raunzenden Onkel und an der ewig geschwätzigen Tante eine wahrhafte Rache nehmen will, der lese Müller-Lyers ›Die Familie‹, darin er über den Untergang dieses Stücks Abendlandes erbauliches Material finden wird. So weit sind sie in Frankreich noch nicht. Die Schilderung schmeckt nach einem Hamburg vor dem Kriege – wie ich überhaupt die Parallele: Hamburg – Paris niemals ganz loswerde, hier wie dort die enge gesellschaftliche Geschlossenheit, derselbe Stolz der großen Familien, die nur sich kennen, und in die man so unendlich schwer eindringt ... An Berlin darf man dabei gar nicht denken: eine solche Gesellschaft besitzt Berlin nicht mehr, diese Kreise sind zu schmal, als dass sie satirisch zu erfassen wären.

›Les Familiotes‹ sind Leute, denen es gut geht – es sind die Leute, die eine parlamentarische Laufbahn vorbereiten, durchführen, beenden, wenns not tut; der Name hat Zauberkraft, da gibt es noch ein Bürgertum, das sich scharf, wenn auch nicht sehr selbstbewußt, gegen den Adel (in der Republik) abgrenzt. Lustig wird die Sache erst, wenn Rostand den Anachronismus dieser Institutionen aufzeigt, ein leiser Knacks geht durch alle diese Gebilde, es stimmt da etwas nicht mehr. Immerhin spielt sich diese Lächerlichkeit nicht auf dem Niveau unserer Kleinstadtromane ab – diese Familien sind sozusagen von großzügiger Kleinlichkeit. Vieles ist nicht übertragbar, weil es so diffizile Finessen bei uns nicht mehr gibt – hier und da entschlüpft dem Leser – und dem Autor – der unhörbare Ausruf: »Ihre Sorgen möchte ich haben!« – und man lächelt sich leise durch diesen amüsanten Essay.

Es folgen sehr reizvolle kleine An- und Aufsätze über den Reichen, über den Armen und über das Verhältnis zwischen ›Herrschaft‹ und Personal. Der Mann, der diese letzte Schublade am treffendsten und witzigsten auf der Welt ausgeräumt hat, ist nicht Shaw (der ja halb so gefährlich ist, wie er sich vorkommt), sondern der dicke Chesterton, ein Schriftsteller, dessen Witz an Dimension sogar seinen Bauch übertrifft. So viel darf man hier nun nicht verlangen. Aber Rostand hat doch die böse Spannung zwischen arm und reich sehr gut erfaßt, wenngleichen auch hier für unsere Augen eine Holzschnittgemütlichkeit herrscht, der sanften Rührung vergleichbar, mit der man sich etwa vielerlei Postkutschenmodelle ansieht: es ist alles sehr gut und schön, aber wir fahren schließlich heute mit der Bahn ...

Mir fällt auf, dass selbst die verwegensten französischen Schriftsteller niemals von einem Hilfsmittel Gebrauch machen, das uns stets so nahe liegt: so wie die Anwendung medizinischer Terminologie die Liebe tötet, so tötet ein gutes nationalökonomisches Vokabular die Verbissenheit aller Standesromantik. (Die Nationalökonomie gibt es natürlich nicht; man kann seinen Doktor darin machen, aber sonst ist sie etwa mit dem Hexenaberglauben des Mittelalters zu vergleichen. Als Mittel zur Diagnose unvergleichlich, hat sie für die Therapie etwa denselben Wert wie die Medizin.) Aber hier finden sich lautere Töne, schärfere Waffen, hier wird ein kleines bißchen Figaro lebendig, Figaro, der unter vielem Seifenschaum eine Bewegung macht, bei der unter dem Gewand leise etwas klirrt. Die Formulierungen sind nicht so ulkig wie bei Georg Hermann, dessen herrliche »Steht doch das Stück in der Küche und wascht sich!« bisher unübertroffen ist, sie sind auch nicht so endgültig wie bei Wells, der einmal von einer Dame und ihrem Gärtner sagen läßt: Mister Soundso war für die Gnädige das Ideal der unteren Klassen – fleißig, dumm, nicht ganz ehrlich und der Verantwortung ganz und gar unfähig – aber auch in diesen Kapiteln, in denen das Huhn im Topf der pariser Arbeiter in und nach dem Kriege zu einem revolutionären Symbol wird, wo die Perlenkette zum wahren Wappen der Familie wird, steht viel Gutes und Treffendes über die moderne französische Gesellschaft, die übrigens mit dieser wenig schmeichelhaften Kritik nicht gerade zufrieden gewesen ist.

Und dann folgt ein Kapitel, das man Satz für Satz nachschmecken kann, und dessentwegen Sie nicht versäumen sollten, in die rue de Grenelle zu schreiben. Das Kapitel heißt ›Les petites fleurs du langage quotidien‹. Vor dem Kriege ist einmal ein kleines Buch in Frankreich erschienen, ›Les Pourquoi‹ von Émile Berr: das enthielt merkwürdige, fast idiotisch anmutende Beobachtungen aus dem täglichen Leben, die einen schon damals mit erschreckender Deutlichkeit darüber belehrten, wie diese Epoche mechanisiert und egalisiert ist. Da hieß es: »Warum schlägt es immer halb, wenn man nachts aufwacht?« – »Warum macht es Spaß, wenn man seinen Koffer auf dem Bahnsteig an sich vorbeifahren sieht?« und ähnliche tiefgründige Wahrheiten mehr. Darin war auch unter der Überschrift ›Ça et là‹ aufgefangen, was einem so an Gesprächsfetzen auf der Straße entgegenfliegt: »Ich behaupte nicht, dass es Gespenster gibt, ich konstatiere nur ... « Und: »Sie rasieren sich selbst? – Sie habens gut –!« und so. Das hat Rostand aufgenommen, und weiter unten habe ich versucht, ein paar Proben zu geben.

Man wird daraus einen eleganten modernen Schriftsteller kennenlernen, man wird ersehen, wo Frankreich hält, oder doch, wo gewisse Kreise der Oberschicht des Landes halten, und man wird daraus ersehen, dass wir das Land nicht kennen. Wir fangen an, es kennenzulernen. Eine Flut französischer Übersetzungen prasselt auf Deutschland hernieder, sogar Proust will man übersetzen, ein Unterfangen, das ich mir nicht vorstellen kann, denn alles, was sich übersetzen läßt, ist noch, nicht übertragbar, und ich werde nicht müde werden, darauf hinzuweisen, dass ein Snobaustausch zweier Länder noch nicht zum gegenseitigen Verständnis beiträgt. Es scheint mir zur Zeit auf dem Gebiet einen einzigen Kenner moderner französischer Literatur zu geben, einen, der wirklich vermittelt: das ist Curtius, der einzige, der Bescheid weiß, und in dessen Stimme nicht jener fatal näselnde Tonfall des Snobs zu finden ist, der nicht unterrichten, sondern imponieren will. Der große Rest macht sich und den andern etwas vor.

Zurück zu Tante Jenny, Onkel Max, den Herrschaften und den Dienstboten. Hier die Proben:

 

Die Herrschaft

»Das kann ich Ihnen sagen: was meinen Sie, wie sie arbeiten, wenn es für sie selber ist!«

»Also da kann man nun sagen, was man will: wenn sie zur Kirche gehen, stehlen sie weniger!«

»Ich bin mit meiner sehr zufrieden: anständig, wie sich das gehört, denkt nur an das, was sie zu tun hat – es ist eine Wohltat, ihr bei der Arbeit zuzusehen.«

»Lassen Sie Ihrer den Schlüssel zu ihrem Zimmer?«

(Unterbrechung des Übersetzers: Selige Zeiten! Ach, gnädige Frau, besinnen Sie sich noch auf diese herrlichen Unterhaltungen über die Dienstboten, wo ›sie‹ als Feind, Freundin, Gesprächsstoff, Mittelpunkt fungierte – und wo man sie noch bezahlen konnte? Weiter:)

»Und wenn ich so dran denke, was ich alles für sie getan habe! Jedesmal, wenn der Bruder auf Urlaub kam, habe ich erlaubt, dass sie ihn einladet!«

»Diese schlechten Manieren hat sie bei einer alten kranken Dame angenommen – die hat sie zu freundschaftlich behandelt.«

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 28.03.1925.





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