Alte Verse


Es gibt von Hermann Hesse, dessen Prosabücher in über hundert Auflagen verbreitet sind, ein Gedichtbuch, das sehr unbekannt ist. Es ist bei Grote erschienen, und von den hundertneunzig Seiten Gedichte sind vielleicht nur zwei oder drei wirklich schön. Eins davon ist auch in der ›Herbstwanderung‹ (des Bandes ›Diesseits‹). Es heißt: ›Im Nebel‹. Aber sonst ...

Die Gedichte sind rührend schlecht. Sie stammen aus der Zeit, da Hesse noch Hermann Lauscher hieß und sehr jung war. Heute hat man leicht lächeln. Aber was hätte man damals gesagt, wenn einem das Manuskript vorgelegen hätte? Es ist viel schwerer (Goethe zu Eckermann), aus einer mittelmäßigen und nicht ganz gelungenen Sache sich das Richtige herauszuschälen, als einen Diamanten zu agnoszieren. Dies ist so eine halbe Angelegenheit: vieles ist nicht gekonnt, manches schief, und doch bricht hier und da eine Flut Licht durch die unbeholfenen Verse ...

Kein Wort gegen Hesse. Die alten Verse mußten so sein, und es liegt kein Grund vor, heute großmütig dem Dichter auf die Schulter zu klopfen. Der Brunnen, der Mondschein auf glitzernden Giebeln der Kleinstadt, der Wind – vor allem der Wind, nachts, und der leise Hauch am Mittag und alle Winde der Jahreszeiten ... Man kennt das. Und glaubt ihm nun, da er mehr und besseres gegeben hat, die Echtheit und Tiefe der alten Verse. Aber damals! Man soll vorsichtig sein, wenn einer kommt und einem solche Verse zeigt. Daß zu viele geschrieben werden, ist sicher. Daß nicht so leicht einer auf die Dauer verkannt wird, auch. Aber manchem jungen Menschen mag der Weg erleichtert werden, wenn sich die Rezensenten der Mühe unterziehen wollten, diese Verse sorgfältiger zu lesen, Klischee von Inhalt, Phrase vom Wort zu trennen. Denn immer wieder bricht ›es‹ durch: das Ingenium.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 27.11.1913, Nr. 48, S. 1182.





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