Varieté und Kritik


Über die berliner Theaterkritik kann man mancherlei Böses sagen – nicht, dass sie bestechlich ist. Die Kollektivität war es nie, und die ihr Schande machten, sind stets ausgemerzt worden. Inwieweit die berliner Kritiker beeinflußbar sind, steht dahin. Objektiv ist kein Mensch: die von Deutschen so oft geforderte Oberlehrerobjektivität ist Subjektivität, die sich hinter irgendwelchen amtlichen Formen verkriecht – zum Beispiel sind unsre Staatsanwälte so objektiv –, und die Stärke eines wertvollen Kritikers wird in vielen Fällen grade seine Persönlichkeit, seine Subjektivität sein. Die berliner Kritiker von Geltung sind durch die Gewährung privater Vorteile nicht zu beeinflussen. Namen wie Karl Strecker, Julius Hart, Arthur Eloesser und andre leisten für reine Spiegelung des künstlerischen Ereignisses Gewähr. Ja, es gibt sogar Kollegen, die mit den Objekten ihrer Beurteilung nicht einmal gesellschaftlich verkehren wollen, aus Furcht, ihre Objektivität könne darunter leiden. (Dieser auf den ersten Blick sympathisch anmutende Zug scheint mir der Unsicherheit zu entspringen: wer sich stark weiß, hat solche Selbstabschließung nicht nötig.)

Wer macht nun den Versuch, zu beeinflussen? »Natürlich die Künstler!« wird man antworten. Ich denke, dass es da noch ein andres Element gibt. Und dieses Element ist der Zeitungsverlag.

Ob und wann einmal an den ersten Theaterkritiker einer Zeitung vom Verlag das Ansinnen gestellt worden ist, sich hier etwas zu mäßigen und dort etwas scharf zuzupacken, weiß ich nicht. Ich habe aber zu den nennenswerten der berliner Theaterkritiker das Vertrauen, dass sie eine Zumutung dieser Art ablehnen würden.

Wie ist es nun mit jenen, die Filme, Varietés, Cabarets und die kleinen Vergnügungstheater zu rezensieren haben?

Inwieweit diese Journalisten, die sich zum Teil aus Reportern oder nicht einmal berufsmäßigen Schreibern rekrutieren, mit den Objekten ihrer Referate Fühlung haben, ist nur von Fall zu Fall zu entscheiden. Wie verhält es sich aber mit ihrer prinzipiellen Stellung zu ihrem Verlag?

Da ist zu sagen, dass sich keine berliner Zeitung den Luxus gönnt, diese Unterhaltungsstätten objektiv besprechen zu lassen. Ich weiß nicht, wie das in andern deutschen Städten ist, und glaube, dass Peter Altenberg an der ›Wiener Allgemeinen Zeitung‹ eine Ausnahme war, wie Hans Reimann am ›Leipziger Tageblatt‹. Bei uns gönnt sich diesen Luxus jedenfalls niemand. Denn es ist ein Luxus.

Erfahrungsgemäß beantworten fast alle Theater zweiten Ranges, Kinos, Varietés und ähnliche Etablissements eine dauernde unfreundliche Behandlung durch eine Zeitung nicht nur mit Entziehung der Freikarten – was nicht schlimm wäre –, sondern auch – und das wiegt viel schwerer –: mit Abbestellung der Inserate. Und da hört der Spaß auf, und das Geschäft beginnt. Und weil eine Zeitung einzig und allein ein Geschäft ist und – vom Verleger aus gesehen – kein Kulturfaktor (mag sie auch so wirken und aufgefaßt werden): so wird sich der kleinere Verleger gar nicht erst auf solch ein Experiment einlassen, und der wirtschaftlich etwas stärker fundierte Verleger wird den Kampf, wenn er ihn je angefangen hat, bald, müde oder gelangweilt oder besiegt, aufgeben. Die drei oder vier berliner Blätter, deren Vergnügungsanzeiger ein so fest stabilisierter Markt ist, dass kein Inserent ihn jemals entbehren könnte, sind aus unerklärlichen Gründen zu feige, in diesem Ressort die Wahrheit schreiben zu lassen. Schade!

Kein Zweifel, dass es an sich gänzlich belanglos ist, ob der Clown Charly oder die Koloratursängerin Adelaide Pietzchen ›ihre Aufgabe voll bezw. ganz‹ erfüllt haben oder nicht. Davon fällt die Welt nicht um. Aber das Programm der Vergnügungsstätten könnte, beaufsichtigt durch eine ernste und ernstgenommene Kritik, allmählich besser werden. Auch dies sind Kulturfaktoren, und keine kleinen – und eine Kritik beeinflußt oft genug das Publikum, seine Amüsements anderswo zu suchen als da, wo es, laut Leibblatt, furchtbar langweilig ist. Es ist wirklich schade: man könnte Geschmacklosigkeiten verhindern und die Qualität durchsetzen helfen. Ein unter allen Umständen gespendetes Lob kompromittiert.

Sieht man von diesen bedingungslos lobenden Waschzetteln der Zeitungen ab (uncharakteristisch, sachlich oft falsch und wurschtig werden mit immer denselben Redensarten Baggesen und die fünf Brüder Pimm und Chaplin und Herr Humorist Pumm gleich hoch in den Inseratenhimmel gehoben) – sieht man von diesem groben Gewäsch in Petitdruck ab, so muß gesagt werden, daß, zum Beispiel, dem deutschen Varieté wie dem Film noch viele Qualitäten fehlen, die man anderswo längst hat. Über den Film mögen sich sachverständigere Leute äußern, als ich es bin – obschon ich mir den Eindruck schwer verkneifen kann, dass die deutsche Film-Industrie nicht grade die besten ausländischen Schöpfungen ins Land bringt, weil sie noch immer nicht weiß, dass die Konkurrenz nicht tötet, sondern aufstachelt und das Gesamtinteresse für das Gebiet hebt, also allen Teilen zugute kommt –: über das Varieté getraue ich mich mitzureden. Haben wir eines?

In Berlin sehen – alle guten Einzelleistungen zugegeben – die Varietés oft genug wie die Kaffeepausen eines Kriegervereins aus.

Zunächst wird auf unsern Varietébühnen viel zu viel gesprochen. Da gibt es Humoristen und Vortragskünstler und dramatische Sängerinnen mit Rezitativen und eine ganze Literatur, deren Minderwertigkeit nur noch von der Unverfrorenheit ihrer Interpreten überboten wird. Grade wir Deutschen haben aber eine Förderung der Körperkultur so verdammt nötig – und ich glaube, dass in der geringelten Bewegung eines großen Clowns und den Tellerkunststücken eines großen Jongleurs mehr Geist und Esprit stecken können als in den furchtbaren und geschmacklosen Radauliedern unsrer Humoristen.

Leider Gottes ist überdies noch das ††† angewandte Kunstgewerbe aufs Varieté gerutscht, und was da getrudelt wird, das geht auf keine gebatikte Kuhhaut. Fast alle Etablissements leisten sich den Luxus von ›lebenden Statuen‹, die, wären sie wirklich aus Porzellan, jeder Schmeißküche zur Zierde gereichten. Da steht, als meißner Püppchen aufgemacht, so eine alte mehlbepuderte Terrakokotte, dass dich die Erinnerung an die Nippes deiner möblierten Zimmerwirtin wie ein Albdruck befällt. Abschießen –!

Jetzt kommen langsam wieder die Ausländer zu uns. Bei der Valuta sicherlich nicht die besten. Aber man soll doch einsehen: das mit Einstein können wir vortrefflich. Auch über die deutsche Stickstoffindustrie läßt sich reden. Aber die bessern Clowns haben die andern.

Von alledem steht in den Zeitungen keine Spur. Der Unternehmer, gewohnt, die Presse nur als Stimulans oder Retardantum seiner Geschäfte anzusehen, betrachtet Tadel als Geschäftshinderung, Enthusiasmus als Reklame, Überzeugung auf alle Fälle als unberechenbare Störung der Bilanz. Der Zeitungsverlag gibt dem nach. Überflüssig, zu betonen, dass die Beeinflussung nicht immer in der plumpsten Form stattzufinden braucht – nachweisliche Tatsache ist, dass sie stattfindet. Der Kritiker wird stets einwenden: Beweise mir, dass ich anders geurteilt hätte, wenn ich nicht beeinflußt worden wäre; eben dies ist meine Überzeugung.

Gut. Aber in dem sonst so raschen, schnellmäuligen, harten und flinken Berlin wären in der zweiten Garnitur der Kritik lauter liebevolle Greise tätig? Auf einmal? Auf einmal ist aller Idiom, wie er sonst an der Spree üblich ist, vergessen – und milde, weich träufelnd und segnend schwebt ein Heer von Landaus über den Gewässern? Das glaube, wer mag.

Wenn ein ernstes Theater auf den Einfall käme, sich wegen absprechender Kritiken von Herbert Ihring an dessen Verlag zu wenden, so würfe der Verlag den Beschwerdeführer hinaus, und Herbert Ihring würde sich eine Pression niemals bieten lassen. Für eine Filmkritik, für eine Varietékritik, für eine Cabaretkritik weiß ich keine Parallelfälle. Schon, dass ein solches Etablissement überhaupt wagen kann, an den Verlag heranzutreten, bezeichnet die Sachlage. Es weiß ganz genau, dass es sich keinen Stoß mit dem Stiefelabsatz holt; ganz im Gegenteil. Der Stiefelabsatz tritt allerdings in Aktion – aber gegen den unbequemen Schreiber. Die Vergnügungsstätten spielen alle ausgezeichnet: auf der Presse.

Ich glaube, es ginge ganz gut anders. Dazu gehört die Besetzung der zweiten Garnitur von Kritikerstellen mit rückgratkräftigen Leuten und die Belehrung der Zeitungsverleger, dass manche von ihnen gefahrlos sofort und viele sanft beginnend das Experiment wohl wagen dürften: das Experiment einer vom Inseratenteil unbeeinflußten Varietékritik.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 27.07.1922, Nr. 30, S. 88.





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