Die Ufa sucht Dichter


Erich Pommer, ein Produktionsleiter der Ufa, hat neulich den großen Notschrei ausgestoßen: Wir suchen Dichter! Für den Tonfilm suchen wir Dichter! Na, da sucht man.

Ob sie sie finden werden? Mitnichten. Denn selbst wenn da welche kommen, die mit der Ufa arbeiten wollen, so könnten sie das nicht, weil dort ihr Werk in einzelne kleine Stücke zerschlagen werden wird. »Sie wollen«, sagte mir einst ein großer Schriftsteller, »einen Film mit meinem Namen und mit dem Inhalt von der Courths-Mahler.« So ist es.

Und wie sollte das bei einer Kunstgattung anders sein, die unter derartigen Bedingungen hergestellt wird!

Was ein Kollektiv an Kunst herstellt, kann gut sein. Was ein Kollektiv beeinflussend kritisiert, muß schlecht werden. Da kann ein großer Tonfilmdichter kommen, ein Kerl, der das Wort meistert und die Anwendung der Geräusche, einer mit Phantasie und mit Gestaltungsgabe –: was soll er bei der Ufa? Was soll er bei diesen großen Filmgesellschaften? Oberregisseure, Regisseure, Hilfsregisseure und Dramaturgen, Generaldirektoren, Direktoren und Produktionsleiter werden ihm so viel und so lange in seine Arbeit hineinreden, bis sie wiederum aufs Haar genau dem gleicht, was man dort schon immer hergestellt hat.

Und sollte durch einen Zufall etwas übrig bleiben –: dann wird es die Zensur kaputtschlagen.

Man bedenkt niemals, dass wir keinen freien Film haben, während wir eine in gewissen Grenzen freie Literatur haben. Man stelle sich vor, wie die Literatur eines Landes aussähe, wenn man sie vorher der Zensur: diesem Gremium von Beamtenanmaßung, protestantischem Muff, katholischer Propaganda und allgemeiner Ängstlichkeit gebildeter Kaffern überantwortete. Schön sähe diese Literatur aus ... Im Buch können wir wenigstens, wenn man von gewissen politischen Beschränkungen und dem Strafgesetz absieht, alles sagen, was wir wollen – und vor allem: wie wir es wollen. Im Film ist das nicht möglich. Er ist noch lange keine Kunstgattung. Er ist eine Industriegattung unter Zensur.

Und das eben scheint mir das Verlogene zu sein, eine Verlogenheit, die durch so viele Branchen des Kunstgeschäftes hindurchgeht: dass die Unternehmer immer so tun, als ob. Sie suchen Dichter. Sie wollen ›Niveau‹. Sie prätendieren Bildung, Kunst, Geschmack, Historie. Wenns dann aber zum Klappen kommt, dann wird das in hundert Sitzungen, in Regiewinken, in direktorialen Telefongesprächen abgewürgt. Stück für Stück, Meter für Meter, Einzelheit für Einzelheit – bis nichts mehr vom Dichterischen da ist.

Lügt doch nicht so. Laßt doch die Dichter ungeschoren. Sie haben bei euch nichts verloren – heute noch nicht. Spielt nicht immer die feinen Leute – in euern Zeitungsartikeln, am Sonntag; wochentags handelt ihr mit faulen Fischen. Sagt doch die Wahrheit.

Mag sein, dass die Ufa einen Dichter findet. Armer Dichter; sie wird ihn reich machen, wie zu hoffen steht. Der Film aber wird heißen:

 

Ein Honved-Husar am Rhein

     oder:

   Frack und Abendkleid

     oder:

Fridericus an der Katzbach

 

Ihr dichtet so schöne Bilanzen ... was braucht ihr noch Dichter –!

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 18.11.1930, Nr. 47, S. 766.





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