Typographisches


Zur Zeitungslektüre gehört viel Phantasie. Die hat vor allem der Leser nötig, um sich vorzustellen, wie die Nachricht, der Artikel, die Notiz, die er da liest, in Schreibmaschinenschrift auf einem Bogen Papier aussieht. Man muß sich stets die Aufmachung wegdenken.

Der Metteur in Deutschland, der Redaktionssekretär in Frankreich – sie klassifizieren die Ereignisse, und wir haben Fett- und Mager–, Groß- und Kleingedrucktes zu lernen. So gruppiert sich leicht die Welt. Und weil seit dem Kriege der alberne Unfug der Schlagzeile besonders da aufquillt, wo es gar nichts zu schlagen gibt, so muß man sich den Tratsch, der drunter steht, immer mager und grau ausmalen, um seine Unerheblichkeit zu empfinden.

Wie weißer Raum um einen Titel die Bedeutung von Autor und Arbeit hebt! Wie Perlschriften ganze Welten aus der Welt drängen! Wie Großgedrucktes sich einhämmert und dritte Beilagen Bedeutung absprechen!

Dagegen hilft nur eins: vielerlei Zeitungen lesen. Da wird die mühevolle Arbeit der Arrangeure recht deutlich: wie das gleiche Material, vom gleichen Nachrichtenkaufladen geliefert, in verschiedenen Blättern verschieden aufgemacht ist; wie hier auf der ersten Seite brüllt, was dort auf der vierten flüstert; wie sich hier versteckt, was sich dort spreizt; und wie da gar nicht vorhanden ist, was hier den Verkaufswert als Schlagzeile erhöht.

An der Tomatensauce ist ihre rote Farbe nicht unwichtig: farblos schmeckte sie wahrscheinlich halb so schön.

Wenn aber alle wie die Wilden schreien, hört man zum Glück gar nichts mehr, das Ohr wird heiser, und von der lächerlichen Wichtigmacherei der Inseratenkaufleute bleibt ein verworrenes Geräusch.

Zum Schluß fängts die Geschichtschreibung auf, und so kommen wir ins Lachkabinett der Nachwelt.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 05.10.1926, Nr. 40, S. 551.





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