Der rasende Twardowski


Die Parodien Twardowskis, die zum großen Teil zuerst in der ›Weltbühne‹ erschienen sind, liegen jetzt gesammelt vor. (›Der rasende Pegasus‹, im Verlag von Axel Juncker zu Berlin.)

Kennen Sie die Verwandlungskünstler, die im Varieté vor einem länglichen Kasten zu erscheinen pflegen, sich mit ein paar blitzschnellen Bewegungen vor einem kleinen unsichtbaren Spiegel mit etwas Bart und Nase bekleben und freundlich grinsend sprechen: »Kaiser Franz Joseph!« Und weils den ja eigentlich nicht mehr gibt und er also auch ganz gut so ausgesehen haben könnte, spielt die Kapelle die weiland k. u. k. Nationalhymne, und alles Volk jubelt begeistert auf. So auch der Dichter.

Seit Gumppenbergs ›Teutschem Tichterroß‹ – vom alten Mauthner zu schweigen – ist das wieder die erste brauchbare deutsche Parodiensammlung. Vorn ein lustiges Vorwort, dann ein paar sehr hübsche literarische Charakteristiken von Moritz Seeler, und dann kommt sie – die Muse mit den sieben Busen und den vielen Gesichtern.

Twardowski macht das so: er nimmt erstens das Kostüm des zu Parodierenden an, seine Gestalt, seine Art, zu sprechen, und vor allem die, zu schweigen – und wenn er das alles mit täuschenden Gesten vorgemacht hat, läßt er den unglücklichen Tichter auch noch eine kleine Frechheit über sich selber sagen. Es sind also keine reinen Parodien: sondern die guten Stücke sind alle sehr witzige kleine Literaturessays kritischen Inhalts, vorgetragen im Ton des verulkten Poeten.

Gleich am Anfang das famose Stück Hofmannsthal, in larmoyantem Ton und mit der entzückenden Pointe: »Und werden nächstens wohl katholisch werden!« Stefan George kann schließlich jedes kleine Kind; die Lasker-Schüler ganz bonbonrosa; Becher genau so, wie sich der ›Simplicissimus‹ die jungen Dichter vorstellt – bei dem stimmts ausnahmsweise! –; dann ein paar feine Sternheims (am besten die ganz kostbare Liebesszene, die wie eine Pyramide gebaut ist); dann der sublime Kasimir Schmid, über dessen Verhohnepipelung ich tagelang gelacht habe – daß der fette Dämoniker noch schreibt, ist nur auf seinen völligen Gefühlsmangel zurückzuführen – ; dann ein kostbarer Werfel (bei dem in einer Zeile ein ganzes Stück seines Wesens aufgehellt ist: »Ich ziehe in Ehrfurcht vor dir kokett meinen Hut«); dann Hasenclever und Tagore und Blaß und Hermann Vollbahr mit einem himmlischen Tagebuch (den 35. April ... ) und Jettchen Hermann und Herwarth Walden und S. J., den er aber leider nur in der Form und nicht im Wesen nachgemacht hat.

Ich will euch was sagen: bin ich vielleicht ein Fremdenführer? Lest das Buch selber!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 29.01.1920, Nr. 5, S. 158.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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