Zwei Sozialdemokratien


Das ist einmal unsere Hoffnung gewesen: dass in einem Trubel von fahnendrapierten Geschäften die Opfer der Nationalhymnen: die Arbeiter ein heißes Gefühl und eine kühle Aktivität gegen die Grenzausbeuter entfalten würden. Wir haben uns, scheints, geirrt.

Das Verhältnis der französischen und der deutschen Sozialdemokratie ist so recht bezeichnend für das, was zwischen europäischen Ländern geschieht und nicht geschieht. Meine Eindrücke über die Zusammenarbeit dieser beiden Parteien sind, von Paris aus gesehen, folgende:

Eine wahrhaft internationale europäische Sozialdemokratie gibt es nicht. Die Parteien sind in erster Linie national, empfinden völlig national (nicht immer nationalistisch) und sind in ihrem Fühlen so unsicher, dass sie sich von dem Geschrei der andern Seite stets aufs neue einschüchtern lassen. Von Wolfgang Heine bis herunter zu Wels, von Paul Boncour bis zu MacDonald dominiert dieser verhängnisvolle Satz: »Wir lassen uns in unserm nationalen Gefühl von keiner Rechtspartei übertreffen!« Das hilft nichts: für die Nationalisten bleibt die Partei – leider mit Unrecht – vaterlandslos – und mit dem Verrat der ersten Prinzipien einer ehemaligen Kämpferpartei ist nicht das leiseste erkauft. Dieser Sozialismus gleicht einem Judas ohne Silberlinge.

Die deutsche Sozialdemokratie informiert die französische seit etwa drei Jahren ziemlich regelmäßig über die deutsche Situation. Diese Informationen sind irreführend. Es ist nicht einmal gesagt, dass ein Mann wie Rudolf Breitscheid, dessen persönliche Ehrbarkeit außer allem Zweifel steht, bewußt die Unwahrheit sagt. Aber wenn er auch kein Monokel trägt, so hat doch dieser Typus des kleinbürgerlichen Diplomaten dem adligen Vorbild etwas abzugucken versucht, worauf er unendlich stolz ist: die Taktik, die Strategie, die politische Klugheit. Er wird dir zu jeder Tageszeit erklären, warum man im Ausland gerade heute nicht die volle Wahrheit über Deutschland sagen dürfe; warum man dieses nicht erklären, jenes noch nicht und das dritte überhaupt nie sagen dürfe. Sehen diese Menschen nicht, was vorgeht? Es scheint: nein.

Die französische Sozialdemokratie hat ausgezeichnete Leute in ihren Reihen, und es steht einem Deutschen, der einen Wolfgang Heine, Gustav Noske, Otto Braun, Fritz Ebert an der Macht gesehen hat, nicht an, einer fremden Sozialdemokratie etwas über Opportunismus zu erzählen. Die ›politique de soutien‹, die die Partei in Frankreich gegenüber der Regierungspolitik innezuhalten gezwungen ist, mag ihre innerpolitischen Wirkungen haben, die hier nicht berührt werden sollen. Nach außen hin hat sie jedenfalls dazu geführt, zwischen einem etwas naiven Optimismus und grundsätzlichem Mißtrauen hin- und herzuschwanken. Glaubt Herr Grumbach alles, was ihm sein Freund Breitscheid erzählt? Dann leistet er seiner Partei und seinem Lande keinen guten Dienst. Dieser Dienst bestände in folgendem:

Wir vermissen an der französischen Sozialdemokratie die klare und eindeutige Geste über den Rhein, wir vermissen sie an Herriot, wir vermissen sie an Frankreich. Mit einer Kammerrede ist da nichts getan. Die abergläubische Furcht, ›sich in die Innenpolitik eines fremden Landes zu mischen‹, zeigt, dass hier kein neuer Staatsbegriff aufgetaucht ist. Frankreich spricht immer von ›Deutschland‹. Sähe es schärfer hin, so sähe es:

Eine sehr starke nationalistische Gruppe mit monarchistischem Kern. Die Phantasten, die Kino-Helden, die wilden Männer unter den ehemaligen Offizieren, die unbelehrbaren Gutsbesitzer des Ostens – sie sind innerpolitisch für Deutschland eine Gefahr – außenpolitisch nicht. Zweitens: die sogenannten Republikaner. Auf diese weist die deutsche Sozialdemokratie immer wieder in ihren Berichten an Frankreich hin, immer wieder wird das Reichsbanner ›Schwarz-Rot-Gold‹ angeführt, immer wieder wird den Franzosen beruhigend versichert, es bestände keine Gefahr, diese Leute seien eine Gewähr des Friedens. Das sind sie nicht.

Es besteht gar kein Zweifel, dass der Revanchekrieg – im Osten oder Westen – unter den Farben Schwarz-Rot-Gold geführt wird. Diese jungen Leute, die heute voller Stolz als Unteroffiziere mit umgekehrten Vorzeichen die Absperrung von Eberts Trauerzug vorgenommen haben, werden unsere strammsten Nationalisten von morgen sein. Kratze den Republikaner – und du findest den Untertan Wilhelms. Die Frage ist überhaupt nicht mehr: Republik oder Monarchie – das ist eine Frage von gestern. Die Frage heißt: Imperialismus oder nicht. Deutschland antwortet: Imperialismus.

Der deutsche Durchschnittskaufmann von heute glaubt noch absolut an die Notwendigkeit und Rechtlichkeit des kaiserlichen Systems: sich mit Waffengewalt Absatzgebiete zu verschaffen. Dieser dreiviertel entwickelte Kapitalismus, der sich noch nicht ganz offen zu seinem wahren Internationalismus bekennt, glaubt immer noch, die Verschiebung der politischen Zollgrenzen sei für das Wohlergehen des ›Vaterlandes‹ bedeutungsvoll und einzig maßgebend.

Die Gefahr für den europäischen Frieden, die deutsche Gefahr für Frankreich heißt nicht: Schwarz-Weiß-Rot. Die große Gefahr sind jene Republikaner, die da glauben, nach einigen matten Konzessionen in Vereinsreden, die zu gar nichts verpflichten, in genau dasselbe System wie ehemals fallen zu können und fallen zu müssen. Bewilligung der Heeresbudgets, unaufrichtige Außenpolitik, die in dem andern Volk nur den Geschäftspartner sieht, der hereinzulegen ist, Verlegung der Toleranzgrenze über die ungefährlich gewordenen Sozialdemokraten vor die Kommunisten –: diese schwarz-rot-goldenen Republikaner unterscheiden sich in nichts von den berüchtigten Liberalen unter einem Herrscher, der in Wahrheit der erste Commis Voyageur seine Volkes gewesen ist.

Das sollten die deutschen Sozialdemokraten ihren französischen Freunden sagen. Die hören das nicht gern. Es ist leider so, dass ein gewisser Teil der französischen Nationalisten Deutschland besser kennt, klarer sieht, tiefer urteilt als die Linke. Das ist bedauerlich, aber wahr. Es ist auch in Frankreich dasselbe zu beachten wie in Deutschland: dass außenpolitische Probleme nach innenpolitischen Erwägungen beurteilt werden, und dass es hier als ›politisch unklug‹ gilt, die volle Wahrheit zu sagen. Der ist nicht gern gesehen in Frankreich, der allzu pessimistisch über Deutschland urteilt – es paßt nicht in das politische Programm.

Ob man die Wahrheit sagt oder nicht: sie besteht. Und gegenüber dieser Wahrheit gibt es nur eines:

Radikalste Klarheit und klarster Radikalismus. Solange deutsche und französische Sozialdemokraten so miteinander verhandeln wie die Schüler, deren Lehrer gerade einmal herausgegangen ist, so lange haben wir nichts zu hoffen. Die unsagbare Kommunistentaktik in Westeuropa hat einen guten Gedanken kompromittiert: diese Vaterländer nicht anzuerkennen, die niedrigen Interessen des Patriotismus (Roheit und Lust an der Gruppenbildung) so zu schildern wie sie sind; eine höhere und reine Idee als einen schlecht funktionierenden Staatsmechanismus als bindend anzuerkennen. Keiner dieser Kaufleute würde mit einer Firma verhandeln, die so miserabel, so unproduktiv, so unmodern verwaltet wäre wie ihr Staat, den sie allemal vorschieben, wenn sie ihre dunkeln Geschäfte machen wollen. Die Dummen sind die Arbeiter. Die französische Sozialdemokratie hat allen Grund, den ›staatserhaltenden Kräften‹ der deutschen Sozialdemokratie zu mißtrauen, ihren ›gesunden nationalen Aspirationen‹, ihren gemäßigten Rückzügen, ihrer langsamen Aufgabe aller Positionen. Sie ist heute der Idee nach völlig besiegt und steht ziemlich da, wo die andern sie haben wollen. Sie braucht die Unterstützung einer wahrhaft internationalen fremden Sozialdemokratie, die auch ihrerseits nicht mit den eigenen Landesfarben prunken darf. Verzweifelt ist der Arbeiter der großen europäischen Industriezentren in das kommunistische Lager übergelaufen, suchend, unsicher hoffend, enttäuscht. Beugt er nicht vor, so wird ihm der nächste Krieg die gleichen Massengräber bauen wie der vergangene.

Es ist eine Tragik, dass Frankreich und Deutschland nebeneinander liegen. Sie könnten sich ergänzen, und sie kennen sich nicht. Ihre Arbeiterklassen haben nur einen Feind, den gleichen: sie kennen sich nicht. Wie weit sind sie voneinander: zwei Seelen, zwei Landesfarben, zwei Sozialdemokratien.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Menschheit, 03.04.1925, Nr. 14, S. 89.





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