Professoren


Er ging durch alte Winkelgäßchen,

im schlappen Hut, in faltigem Rock.

Ein kleines Bäuchlein wie ein Fäßchen

... nicht jung mehr ... graues Stirngelock ...

Vergaß er auch sein Regendach,

man raunte: »Der versteht sein Fach!«

Ein stilles, manchmal tiefes Gewässer:

der alte Professor.

 

Und heut? Im lauten Weltgebrause

bewegt sich der Privatdozent.

Er redet in und außerm Hause

von Politik mit viel Talent.

Beziehungen zur Industrie

sind sehr beliebt, drum hat man sie.

Wild fuchtelnd fordert den Krieg bis aufs Messer

der neue Professor.

 

Man sagt, weltfremd sei er gewesen.

Wie sind sie heute so gewandt!

Man sagt: er konnte nichts als lesen.

Wie wäscht sich heute Hand und Hand!

Der lehrt nicht mehr. Der propagiert.

Und wer erzieht den, der studiert?

Ich kann mir nicht helfen, er war doch viel besser:

der alte, deutsche, zerstreute Professor.

 

 

Theobald Tiger

Die Weltbühne, 15.08.1918, Nr. 33, S. 157,

wieder in: Fromme Gesänge.





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