Alfred Polgar, ›Ich bin Zeuge‹


Die dritte Nacht. Es kann nicht alles auf meinem Nachttisch liegen. Erstens ist er dazu zu klein; zweitens bin ich nicht der praeceptor Germaniae, und drittens ist Schweigen nicht immer Kritik in der Melodie Nietzsches, die S. J. zuletzt so sehr geliebt hat: »Schweigen und Vorübergehn«. Manchmal ist Schweigen auch: Zeitmangel, Ignoranz, Überbürdung, Mangel an den letzten, entscheidenden zehn Karat Interesse ... Aber da ist ein Buch, das kommt mir nicht vom Nachttisch und nicht vom Tagtisch herunter, ein kleiner hellgrüner Band in sanfter, grauer Antiqua gedruckt. Alfred Polgar: ›Ich bin Zeuge‹ (bei Ernst Rowohlt in Berlin). Hätte ich einen Degen, ich senkte ihn. So bleibt mir nur übrig, die Schreibmaschine dreimal auf- und wieder zuzuklappen. Den Daumen nach oben! Er hat gesiegt.

Ihr kennt das alles: seine Zartheit und seine bezaubernd starke Schwäche: seine Skepsis und den Glauben an diese Skepsis, welcher aber wiederum leicht an sich selbst zweifelt, das kann man bis in die tausendste Windung fortsetzen, und er tut es auch; seine Tapferkeit und seine Unbedingtheit, wenn er vom Kriege spricht – da hat es nie, niemals eine, auch nur eine einzige Zeile gegeben, die zum Lobe der Schlächterei ausgesprochen wurde, jeder Aufsatz, der aus dieser Zeit stammt, und die vorher und die nachher sind eine einzige Verhöhnung, Verspottung, Verneinung der niedrigsten Geistesverfassung, die es gibt: der militärischen – dazu zuckt es in dem Buche von Antithesen, die funkeln, ohne dass man je die Lichtquelle entdecken könnte. Es ist ein Spiel von Nordlichtern, etwas ganz und gar einzigartiges.

Man lese etwa die Geschichte der ›Nichtbegegnung mit einer Frau‹ – das ist von einer Zartheit, dass man die Seiten streicheln möchte, auf denen das steht; einmal: »Liebe: ein privates Weltereignis« – und jeder Scherz ist von einer warmen Güte durchzogen, die ganz unverfälscht rein und süß schmeckt. »Kunst«, hat Polgar einmal geprägt, »kommt von Sein.« Gut – aber das Sein allein tuts nicht; es ist ihre Grundbedingung, – doch ohne Können ist sie nichts. (So, wie Kunst ohne Sein nicht ist.) Und der kann –! Ich kann das handgreiflich kontrollieren: wir haben nämlich einmal alle beide über dasselbe Thema geschrieben – eine Beeinflussung ist ausgeschlossen, ich bin sicher, dass Polgar meine Arbeit überhaupt nicht kennt, und ich habe die seine erst jetzt im Buch gelesen. Das Thema lag übrigens auf der Straße; nein, es ging auf der Straße. Das Thema: ›Der Herr mit der Aktentasche‹. Was er da gemacht hat: das kann ich nicht.

Wie da der Ernst des Lebens feierlich-heiter genommen wird, mit einer leisen Angst, mit einem Scherzando, in dem im Baß ganz leise die Paukenschläge rummeln ... Der Mann mit der Mappe sitzt im Restaurant und ißt. »Zu Suppe, Fleisch und Süßspeise hat er die Beziehung eines Vorgesetzten zum Untergebenen ... Er ist der strikte Gegensatz zu dem andern Stammgast, der ein bescheidener Untergebener seiner Mahlzeit, den vorgesetzten Braten wie den Vorgesetzten empfängt, das Auge treu und stark auf ihn gerichtet, Messer und Gabel, faustumklammert, als ehrenbezeugende Schildwachen auf den Tisch gepflanzt.« Und dann, ein Donnerschlag an ernstem Witz: das Fazit. Was ist der Mann mit der Mappe? »Er ist die Schule. Er ist das Abiturium. Er ist die Kaserne. Er ist der Richter, der die Gesellschaft vor den armen Sündern schützt. Er ist das Amt. Er ist das Büro. Er ist der Aufseher in der Katorga und der Mustersträfling in ihr ... Er ist das tätige Leben, dessen Rhythmus den Unmusikalischen alle Musik ersetzt. Ich möchte aus seiner Haut eine Aktentasche haben.«

Und da erinnere ich mich, dass Polgar ›notre maître à nous tous‹ neulich von Berlin geschrieben hat: »Hier bibbert noch, wer stille steht«, und da stehe ich in meinem schönsten Pyjama auf und schwenke das Buch über meinem Kopf und rufe dreimal Hurra! Wenn es eine Gedankenübertragung gibt: der Meister wird nachts nicht schlecht aufgefahren sein. Wir sind Zeuge, wie einer Zeuge ist. »Ich schwöre ... « Filigran aus Stahlfäden, Taue aus Gold und die feinste Hand unsrer Zeit.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 17.01.1928, Nr. 3, S. 92.





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