Plädoyer gegen die Unsterblichkeit


Der felsenfeste Glaube, mit dem sich jeder Autor eines Durchfalls auf die Nachwelt beruft, hat etwas Rührendes: der Fuß stiefelt in dicken Pfützen, aber das Auge sieht mit kälbernem Ausdruck in die Sterne einer neuen Zeit. So ist es immer gewesen.

Nie wird es einem gesunden Menschen einfallen, sich etwa nach einer ausgezischten Premiere auf die Vorwelt zu berufen – und täte ers, so schämte er sich vor sich selbst. So unverrückbar ist in jeden Mitteleuropäer der Glaube an den Fortschritt eingehämmert. Immerhin hat die Rechnung doch ein Loch. Wir, wir selbst, sind Nachwelt, Nachkommen, achtzehnte Generation, nächstes Jahrhundert. Und was tun wir –?

Sind wir Calvinisten oder Anticalvinisten? Haben wir uns für Wallenstein oder gegen ihn entschieden? Tobt bei uns ein erbitterter Streit über Lavaters Physiognomik?

Weltfragen werden nicht beantwortet, sondern vergessen. Große Probleme werden nicht entschieden, sondern liegengelassen. Für einen erwachenden Toten dürfte es schwierig sein, sich in der neuen Umwelt von heute herauszufinden: vergeblich suchte er die alten Parteien, das alte Feldgeschrei, die alten Gruppen. Wohl sieht er welche – aber es sind andere, er versteht sie nicht mehr.

Und wir können ihn auch nicht mehr verstehen – denn was wissen wir von seiner Zeit –? Was ist uns denn überkommen. Es ist ein schwerer Irrtum, zu glauben, dass sich das Wertvollste erhält oder dass das Wertvolle nach Jahrhunderten zu neuem Leben und endgültiger Wirkung auftaucht. Erhalten bleibt: wer am lautesten geschrien hat. Oder: was man später noch einmal gut brauchen kann, als Flicken, willkommenen Zeugen, neu aufzunehmendes Fridericus-Schlagwort. Erhalten bleibt alles durcheinander: ein Tagestrottel, ein Talent, vielleicht das Genie, viele gute Mittelstandsleute. Erhalten zu bleiben ist kein Zeichen von Wert.

Wir leben in einer günstigen Zeit: wir können genau kontrollieren, was ›Unsterblichkeit‹ ist. Wir können kontrollieren, wie wir auf die Nachwelt kommen; die ersten Ansätze zur Geschichtsschreibung der Jahre 1914–1920 sind vorhanden. Man lese nun einmal diese verlogenen Schilderungen, diese parteilichen Fälschungen, die ganze würdige Statistik und Archivwissenschaft, die sechzig Jahre später unbesehen und fast ungeprüft übernommen werden wird. Wer hat von den Forschern Zeit, Gelegenheit, Möglichkeit und Geld, sich darum zu kümmern, wie solche offiziellen Berichte zustande gekommen sind? Wer Philologie und Geschichte studiert hat, weiß, wie da immer einer auf den andern aufgebaut hat, wie dieselbe Lüge, derselbe Fehler sich durch zehn Werke hindurchziehen – unabsetzbar, unverbesserbar, als ›Material‹. Wir kommen würdig auf die Nachwelt, durch Retouchen derart zugerichtet, dass wir uns schon heute nicht mehr erkennen und dem bärtigen Geschichts- und Geschichtenschreiber dauernd zurufen mögen: »Nein! So war es ja gar nicht! Schwindel!« schon heute ist das schwer. Wir sterben. Der Wälzer bleibt in den Bibliotheken liegen. Und lebt.

»Noch mit Schauer werden sich Generationen nach Ihnen erzählen ... « Ach, erzähl uns doch nichts. Das Verhältnis der Nachwelt zur Vorwelt ist ziemlich respektlos: bei Parlamentseröffnungen, bei Denkmalsweihen und Schulaufsätzen erinnert sich der Gehrock wohl gern der Unsterblichkeit – im großen und ganzen ist jede Nachwelt viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als dass sie Zeit und Lust verspürte, nun auch die Sorgen der Gräberinsassen auf sich zu laden. Haben Sie einmal die alten Jahrgänge der ›Vossischen Zeitung‹ gelesen? Sie sollten das nicht versäumen. Jede Zeit ist in sich befangen – die verständliche Gier, dieses eine Mal voll auszukosten, diese souveräne Verachtung der Vorwelt, die völlige Gleichgültigkeit gegen alles, was gewesen, – treiben wirs nicht geradeso –? Wir wären schön weise, wenn wirs anders machten. Nur manchmal, an Klassikerabenden oder zur Konfirmation oder bei der Einführung eines neuen Steuergesetzes, da haben wirs mit der Nachwelt, dass es nur so hallt. »Die Nachwelt wird ... « – »Die Nachwelt hat ... « Sie wird euch was blasen.

Es gibt noch fünfzig Schriftsteller vom Range Wielands – die sind vergessen. Es gibt noch zwanzig chinesische Napoleons – die kennen wir nicht. Noch acht Edisons – sie besaßen keinen Patentmusterschutz. Walther von der Vogelweide hatte neben allem andern: Glück. In dem großen Papierkorb der Vergangenheit kam er obenauf zu liegen, und da liegt er nun – bis auf weiteres.

Werke leben. Und zeugen Kinder. Und dass französische Emigranten einmal nach Berlin gekommen sind, zeigt heute noch manch Wohnungsschild, manches Buch, manche Frauengrazie (und der ganze Fontane). Ein Werk tun, die Welt ändern, mit den Beinen auf der Erde stehen und diesseitig sein – das kann eine anonyme Unsterblichkeit ergeben. Aber schiele nicht nach vorn – da ist für dich nichts zu holen. Als vielleicht ein bißchen Denkmalsstuck oder eine Doktordissertation. In fünfzig Jahren ist alles vorbei – und spätestens in hundert. Unsterblichkeit ... ? Glaubs nicht. Schwör sie ab. Laß sie unsterblich werden, alle miteinander. Für dich gibt es nur ein Wort, wenn du weise bist, es richtig auszusprechen.

Heute.

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 17.06.1925.





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