Potasch & Perlmutter


Das ist der lustigste internationale Brei, der je auf einer Bühne gestanden hat. Galizische Auswanderer haben in Amerika das Stück gemacht – ihr mittelalterlich-deutscher-hebräisch-polnischer Jargon steht im Gegensatz zu einem amerikanischen Englisch; das Stück ist importiert, und hier in Berlin ist nun etwas ganz andres daraus geworden. Man hat nicht gemildert – man hat übersetzt. Also doch gemildert.

Denn das Ghetto am Hausvogteiplatz ist nach allen Seiten hin offen – der kleine Moritz hat zwar das Mauscheln halb verlernt, aber die halbe Klasse mauschelt schon. Jargon wird in der Grenadierstraße gesprochen, wo die Börse auf dem Fahrdamm brabbelt: am Dönhoffsplatz heißt man nicht mehr Potasch, sondern Potter – und wenns Glück gut ist, gibt es Chrimseln unterm Weihnachtsbaum. Das ist ein merkwürdiges Gewächs, der deutsche Jude.

Ein Wagnis, in der herrschenden Ludendorfferei ein solches Stück auf die Bretter zu bringen – und ein gelungenes Wagnis, weil es koscher gekochter Kitsch ist und außerordentlich lustig dazu. So unprätentiös und ehrlich ist man uns im Deutschen Theater lange nicht gekommen. Und die leicht verwaschene Aufschrift: »Unter Aufsicht des Rabbinats« schadete gar nichts: der gute deutsche Mann kann keinen Juden leiden – doch seine Küche ißt er gern.

Was da oben exekutiert wird, ist dem Inhalt nach genauso wichtig wie eine Tanzoperette – aber um wieviel lustiger, leichter und spaßiger ist das alles! Hier und da leuchtet reine, unverfälschte, gequirlte Butter – so etwas von Edelmut war noch gar nicht da, wie ihn diese Kaufleute sofort greifbar ab Herz zur Verfügung haben. Einer überbietet immer den andern, und in all dem Gekakel zweier ständig sich streitender Kopien leuchtet das gute jüdische Gemüt.

Wie sie sich zanken, das ist allerdings ganz herrlich. Ich erinnere mich, als kleiner Junge ein paarmal den Familienskatsonntagnachmittagen meiner Onkel beigewohnt zu haben – so ähnlich müssen die im Geschäft gewesen sein. Es ging so nach der Melodie: »Was spielst du denn da? Das ist ja Bowel! Bowel, sag ich dir! Bockmist! Du kannst spielen – mna! Ich schmeiß die Karten hin – mit so enem Menschen spiel ich nicht!« Und dann der andre: »Also quasseln mer oder spielen mer?«

Wundervoll die unvergängliche Skepsis – das zweite Auge, das immer zuguckt, wenn das eine weint, und noch in der Katastrophe kontrolliert, ob dem Gegner oder Partner auch ja der Schlips sitzt ... Und alles so unaufdringlich – weil ja die dumme Rolle, die der deutsche Jude als »Köppchen« genießt, nur durch die Sturheit der Kassuben, mit denen er Geschäfte macht, zu erklären ist. Am Mittelmeer gibt es viele Stämme, die dem Juden über sind – weshalb Italien keinen Antisemitismus hat –, und nach Amerika muß dieser Geisteszustand auch erst importiert werden. Man haßt den Juden drüben nicht, weil man ihn nicht fürchtet.

Das Publikum lachte sich scheckig. Als der eine der Sozien die große Edelmutskiste aufmachte und rief: »Ich lasse mich für einen Dollar aufhängen – ich mich –, aber nicht einen andem, einen Unschuldigen –!«, da donnerte es Beifall, Beifall in einem Lande, wo immer nur die Schuldigen die andern aufhängen lassen.

Gespielt wurde ganz reizend. Herr Etlinger erinnerte an eine sanfte »Kugel« – butterweich, liebenswürdig und mild betete er seine Rolle vor. Er ist aus Wien, das Stück aus Amerika: aber beiden gemeinsam ist in diesem Falle das Judentum – alles andre sind ja nur Felle und Uniformen. »Schma Jisroel« würde der semitische Araber zum beschnittenen Eskimo sagen, wenn sie einander begegneten.

Paul Graetz habe ich noch nie so leise, so fein und so menschlich gesehen. Er nutzte keine Gelegenheit aus, die jeder Mime normalen Kalibers aber ordentlich benutzt hätte – und er hatte einige ganz starke Momente. Ein russischer Emigrant klagt ihm sein Leid, er steckt ihm zehn Dollars in die Hand, schlägt dann eine bogenförmige Kurve über die Bühne und sagt: »Nebbich!« In diesem »Nebbich« steckte mehr Mitgefühl als in einer ganzen Predigt des Geheimen Konsistorialrats Dr. D. Conrad in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche zu Berlin. Und alle Witzworte Paules schlugen ein, und er machte auch, daß sie einschlugen – aber man merkte es nicht.

Herr Nunberg war so erschreckend echt, dass es einen grausen konnte. Er sah aus – alle eure Schwäger sehen so aus. Frau Kupfer tat, was der geschnürte Busen hergab.

Wenn nur der gute alte Mann von der »Täglichen Rundschau« im Theater war! Sicherlich würde er schreiben: »Sie haben den Nazarener geschändet! Hakenkreuziget sie!«

Und oben, im Himmel, hielt Donat Herrnfeld die Hände gestreckt, öffnete die kugeligen Augenlider von einem kleinen Nickerchen und segnete die Gesellschaft da unten. Und noch einer lächelte Herrn Etlinger Gewährung: Victor Arnold. Und weil diese beiden Genien schauspielerischen Humors es gutheißen, wollen wirs auch tun. Bis hundert!

Nachschrift der Firma: Zu gesund!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 19.05.1921, Nr. 20, S. 564.





 © textlog.de 2004-2018 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright