Paul Paschen


Halten Sie Ideenassoziationen für sinnlos? Ich nicht. Die Kettenglieder werden wohl immer durch ein gemeinsames Drittes gehalten – hier gibt es keine Sprünge.

Das war im Sommer, da fuhr ich mit der Post von der Bahnstation in Mecklenburg durch staubige Waldwege und Chausseen an die See herunter. Ich saß vorn auf dem Bock und schnackte mit dem Kutscher, dessen breites Platt meine Sommerferien eröffnete. See und Tanggeruch und Platt: das gehört dazu. Wir sprechen so von allerhand, schon blitzt das Meer auf, und bald werden wir da sein. Unten – in einer Bodensenkung – lag die Stadt, die kleinen Häuser ertranken in einem Meer von Bäumen. Der Kutscher erzählte von seinem Bruder, der früher beim Militär gedient habe. »So?« sagte ich, »wo denn da?« Der Kutscher deutete mit der Peitsche nach Südwest: »Dor henner in Wismar!« In diesem Augenblick fiel mir Paul Paschen ein, der Schauspieler Paul Paschen. Es kam ganz blitzartig, ich besann mich, ihn in allerhand Rollen gesehen zu haben, und ob es der Tonfall war, in dem der Kutscher grade sprach, seine gewölbten Lippen, die Stimme: ich mußte an Paschen denken, der mich in Berlin nie außerhalb des Theaters beschäftigt hatte.

Es scheint mir nicht nur der heimatliche Tonfall zu sein, der noch immer – kostbarstes Gut der Sprache – unter den Versen, unter gut hochdeutschen Reden durchkommt: es ist wohl das ganze Land, der deutsche östliche Norden an der See, der Erinnerungen wachrief, wenn Paschen spielte. Diese wirkliche Treue, diese Echtheit, diese zwei festen Beine, der ganze Kerl, der immer zu helfen, immer die Dinge einzurenken bestrebt und bereit ist: das stammt nicht aus der großen Stadt. Er hat seitdem viel gespielt: einmal den Arzt in »Gabriel Schillings Flucht« – ah! wie er dazu kam, in den Skandal, in die Schlacht, in den Krawall, und mit kräftiger, ruhiger Stimme begütigte, abwehrte, energisch die kakelnden Weiber zurechtwies! Und wie so etwas in der Erinnerung haften bleibt; so ein paar einfache Worte: »Na, es kommt auch mal wieder anders, Schilling! « Das war nicht der Schauspieler, das war das Land, das ganze Land, das sprach. Gutmütigkeit, Bedauern, Hilfsbereitschaft – nicht den letzten Schritt tun wollen: Mecklenburg.

Und dann noch einmal, als Gerichtsrat im »Zerbrochenen Krug«. Gewiß keine geniale Leistung, aber wie einfach, wie menschlich! Richtig ein Beamter, von dem man sich so schön vorstellen konnte, nein: mußte, dass er nun auch wiederum Vorgesetzte habe und da antichambrieren müsse und eine Frau und Kinder, zu denen er sich herabbeugte. Und wie klug und amüsiert blitzten die Augen, als Adam Tiedtke sich abhaspelte, um seine Unschuld, seine völlige Unschuld zu beweisen! Paschen nahm eine Prise, und es war so behaglich; er setzte sich, und man mochte denken, dass er sich so bequem-gemütlich auch in der kleinen Weinstube in Utrecht hinsetzen mochte, wenns ans Trinken ging. Daß man dies alles eben denkt – daran ist nicht eine Bühnenpose schuld oder eine Technik: das ist die Wirkung des Menschen, des Norddeutschen Paschen.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 26.03.1914, Nr. 13, S. 378.





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