Pariser Tage


Vorgestern.

Anatole France über Léon Daudet ... Also, Léon Daudet, das ist ... Denken Sie sich einen literarisch sehr begabten Ludendorff mit einem ausgesprochen bösartigen Charakter, gefährlich, zu jeder Erpressung bereit, stets voll von Stänkereien und »Affären«. Hat seinen jungen Sohn vor einem Jahr durch einen geheimnisvollen Unglücksfall verloren (Mord? Selbstmord?) und klebt nun alle Tage die Abbildung dieses Sarges sozusagen als Plakat in die Action Française. Dieser Mortimer starb ihm sehr gelegen ... Und nun Anatole France über Léon Daudet:

Léon Daudet – das ist guter alter Burgunder, serviert in einem Nachttopf.

 

Gestern.

Gestern war ich bei dem Schwedischen Ballett, das unter Jean Borlin im Februar 1922 in Berlin gastiert hat. Sie haben die unangenehme Eigenschaft, sich sehr ernst zu nehmen – sonst sind es lustige Leute. Sie führten auf »Relâche« (geschlossen, vom Theater im Sommer gesagt) – ein sehr spaßiges Ballett, junge Herren im Frack tanzen um eine Tänzerin, ziehen sich auf der Bühne aus, hopsen in weißen Trikots, mit Monokeln bepflastert, weiter umher, die Bühnendekoration besteht aus lauter Lampen, die aufglühen und verlöschen – und in dem Tohuwabohu stolziert ein Feuerwehrmann, den das Ganze überhaupt nichts angeht. Er ist durchaus Feuerwehrmann, raucht (was sicher verboten ist, aber die Feuersgefahr angenehm hebt), sieht sich sehr gleichgültig das Ballett an und gießt immerzu Wasser von einem Feuereimer in den andern Feuereimer. Das tut er während der fünfzehn Minuten, in denen das Ballett läuft, und er ist beschäftigt und repräsentiert mit seinem nichtigen, aber geschäftigen Tun durchaus das Wesen manchen Staatsbegriffs. Hegel hätte ihn nicht sehen dürfen ...

In dem Ballett läuft inmitten ein herrlicher Film. Francis Picabia hat ihn gemacht, und Herr René Clair hat ihn gedreht. Ein brillanter Atelierscherz. Der Film, der sicherlich eine Menge Geld gekostet hat, erfüllt endlich einmal alle Ansprüche des Unsinns, die der gequälte Vernunftmensch an eine Stunde der Entspannung stellen mag. Sinn hat er überhaupt nicht – aber ein herrliches Tempo. Jean Borlin stirbt und wird begraben: der Leichenzug steht feierlich da – der Leichenwagen, von einem Dromedar gezogen, dahinter das Gefolge ernster Herren und Damen. Die ernsten Herren fangen vor Langerweile an, die Kranzblätter am Wagen aufzufressen. Dann geht es los. Und zwar mit Zeitlupe geht es los – so dass es aussieht, als ob alle Welt gravitätisch in Watte geht, die Beine gar nicht mehr aus dem Luftmeer herausziehen kann, das Andante eines Trauermarsches in unerträgliche Traurigkeit gesteigert und damit in einem lachenden Nichts aufgelöst. (Politischen Gegnern könnte man wohl keinen größeren Tort antun, als ihre Filmaufnahmen mit der Zeitlupe abrollen zu lassen – dagegen kann kein General und keine Zylinderwürde an.) Schließlich wird es dem klugen Dromedar zu dumm, es setzt sich in Trab, die Zylinder auch, die Damen auch, der Wagen auch – hopp! hopp! hopp! Und nun wird der Film völlig idiotisch: Chausseen rutschen, Bäume klettern, der Wagen rollt, das Gefolge stürzt vorwärts, über Dächer und Regentraufen und Chausseegräben, Zeitlupen, Zeitraffer – die Musik hetzt, schließlich geht es auf eine Lunapark-Rutschbahn, der Aufnahmeapparat steht vorn auf dem Wägelchen, und man kann sich vorstellen, wie einem zumute wird, wenn man die gewunden schiefe Bahn vor sich sieht ... Der ganze Zuschauerraum quiekt. Der seekranke Sarg fliegt schließlich auf ein Feld und bleibt liegen. Die Bestürzten eilen hinzu. Die tote Leiche erhebt sich aus dem Sarg – im Frack, versteht sich, sieht das Gefolge an, nimmt einen Zauberstab aus der Brusttasche und zaubert einen nach dem andern weg. Pfit – weg! Pfit! Sieht sich selbst an, nimmt den Stab und zaubert auch sich hinweg. Schlußschnörkel, Gelächter, aus.

Am nettesten war, dass an einer bestimmten Stelle immer wieder in den Film hineinapplaudiert wurde: sie hatten nämlich eine Ballett-Tänzerin von unten – durch eine dicke Glasplatte hindurch – aufgenommen, und das noch mit der Zeitlupe. Genußsüchtig folgte das aufmerksame Publikum jeder Drehung und Wendung. Tänzerinnen tragen übrigens Strumpfbänder. Es war sehr schön.

Nachher gaben sie einen gespielten Film. Es war seine erste und letzte Aufführung in Paris – deshalb bin ich hingegangen. Es war ein Kino-Sketch, gleichfalls von Picabia und über die Maßen lustig. Die Bühne war durch zwei Wände in drei Stücke geteilt, die man im Querschnitt sah: Küche, Korridor und Zimmer der Gnädigen. Begleitung: The Georgians, ein Traum von einer Jazzband. (Die Jungens machten zwischen den Akten eine kleine Nachtmusik, darunter Zwiegespräch zweier Saxophone. – – Symphonien, Schubert, Wagner, Schreker, auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!) Die Bildtexte, da doch keine Leinwand da war, wurden durch einen Lautsprecher gebrüllt: »Le mari!« – »Qu'est-ce que vous faites ici?« – Inhalt? Inhalt keiner, war nicht. Der Einbrecher schleicht sich – immer unter der aufreizenden Jazzbandmusik – in den dunklen Korridor – das Licht im Korridor blendet ab, Zimmer blendet auf, die Gnädige erschrickt, sie reden, man hört kein Wort, der Mann kommt dazu. Kampf mit dem Einbrecher, Revolver – nun wie? Revolver? Es darf doch nicht knallen. Es knallt auch nicht: der Mann schießt mit einer Spritze für Insektenpulver – sie stäubt den Schuß, wie im Kino. In der Küche wird getanzt. In der Küche stehen plötzlich Adam und Eva unterm Apfelbaum, soweit ich sehen konnte, sie splitter –, er fasernackt, scheußlich anzusehen, alles hopst umeinander herum, der sergeant de ville auch, als sich einer gar nicht mehr vor dem bösen Feind zu helfen weiß, gibt er ihm Bilder von Picabia zum Ansehen. Der Feind fällt tot um – schließlich löst sich alles in einem verdrehten Tanz. Vorn an der Bühne saß, um die Illusion vollzumachen, der Kinobesucher mit Hut und Stock; man hatte seine Silhouette immer im Bild.

Schade, dass die Schweden nun daraus wieder eine »Richtung« machen wollen, eine Schule mit Meistern, Lehrern, Oberlehrern und Schülern. Ach, Unsinn. Es ist neu, bunt, heiter – – was will man mehr. Die Jazzband spielte auf dem teilweise zugedeckten Podium, unten ballten sich die Orchestermusiker des alten Ritus zu einem Klumpen und sahen belustigt-verärgert zu ihren ratternden Kollegen hinauf – eine freundliche Allegorie.

 

Heute.

Heute habe ich etwas Hübsches gesehen. Überall kleben hier Plakate: »Ne gaspiliez pas le pain!« (Unsere Regierungsassessoren stilisieren dergleichen so: »Kein Brotgetreide verschwenden!«) Auf einer Métrostation hat einer dazugeschrieben: »Wer das Unglück hat, sich sein Brot verdienen zu müssen, verschwendet es nicht!« Komm an mein Herz, Bruder.

 

Morgen.

Morgen will ich zu einer Ausstellung Foujitas gehen. Das ist ein merkwürdiger Geselle, ein japanischer Maler, der den Albrecht Dürer auf den Fudschijama gesetzt hat, das große Rasenstück auf Nippon, abendländische Exaktheit mit dem schwingenden Pinsel und dem Hauch der Väter des Impressionismus. Bluff? Wohl auch ein bißchen. Sein Selbstporträt mit dicker Brille, einem Haarkopf, wie unter einem Topf geschnitten, und ein paar kleinen Zahnbürstenbarthaaren, die aussehen wie japanische Zwergbäume. Und wundervolle Katzenstudien: böse Tiere, auf deren Fell jedes Haar einzeln gemalt scheint, böse Tiere, gefährliche Tiere, aus manchen strahlt die Wildheit und die grausamste Grausamkeit, manche sind gerade dabei, sich in die milden Haustiere zurückzuverwandeln, die schnurren und am Tag von der Nacht nichts wissen. Ganz mutige Menschen lassen sich von Foujita porträtieren.

 

Übermorgen.

Übermorgen werde ich hinausfahren, ich weiß noch nicht, wohin. Nach Saint-Germain-En-Laye oder nach Villers Cotterêts oder nach Melun. In der Bahn werde ich die französischen und die deutschen Zeitungen auseinanderfalten und werde lesen: »Paschitsch ist vom König mit der Regierungsbildung beauftragt und bildet ein neues Ministerium.«Solange ich denken kann, steht das in der Zeitung. Paschitsch hat einen weißen, langen Bart und hat von Anbeginn der Welt an Ministerien gebildet. Das ist so auf dem Balkan, anderswo auch. »La circulation à Paris.« – »Die neue Straßenordnung in Berlin.« – Dann – wenn das Wetter sehr schön ist – will ich auch lesen, wie es in Paris zugeht, das erfahre ich am besten aus deutschen Blättern. Ich lasse mich gern belehren: man erfährt da doch mancherlei. Zum Beispiel: wie die Snobs jede Kleinigkeit in Paris aufblasen und damit vor den erstaunten Landsleuten antreten, mit Eigennamen lässig um sich werfen, imponieren, imponieren. Kein Geld, keine Geduld haben, wirklich in dieses so gastfreie und so zurückhaltende Land einzudringen, ein bißchen an der Oberfläche entlangfingern und ein Rad schlagen. Leider ist es verboten, gefährliche Gegenstände auf die Strecke zu werfen. So wird das ganze Zeitungspaket im Coupé liegenbleiben müssen. Ein Taschentuch will ich mir sticken lassen, wie mein Freund, der Bediente von Raimunds Menschenfeind, ein großes, rotes Taschentuch, und wenn mich irgend einmal jemand ärgert, an mir zweifelt, mich nicht genügend bewundert: ich das Taschentuch gezückt, mich umständlich geschneuzt, und dann mag er die Inschrift lesen:

»Ich war zwei Jahre in Paris!«

 

 

Peter Panter

Vossische Zeitung, 18.01.1925.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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