Notschrei


Lieber Gott! Beschere uns doch nur einmal in Berlin ein »Soupertheaterchen«! Eine kleine oder große Bühne, die mich unterhält, ohne mein Gehirn in Anspruch zu nehmen. Ist das nicht aufzutreiben? Es scheint, dass es nicht möglich ist.

Was gibt es denn jetzt? Ein einziges Varieté. Aber, wenn ich nun nicht ins Varieté gehen möchte, wenn ich nun einmal etwas andres zu sehen gewillt bin?

Dann muß ich mir »Lustspiele« betrachten, deren erster Akt ... Er enthält eine sorgfältige Disposition, endlose Erzählungen alter Jugendfreunde werden durchgenommen, langsam macht man uns mit den Eigentümlichkeiten der in Betracht kommenden Schwiegerväter und -mütter vertraut, und schließlich spitzt sich nach mühevoller Arbeit die Situation so weit zu, dass sie für die große Verwechslungskomödie im zweiten Akt reif ist. Heiliger Vater! Und was die weibliche Hauptrolle betrifft, so hat dieses Mädchen schon auf der Schule immer ihre Gedichte so schön aufgesagt.

Oder ich muß in die Theater gehen, in die die jungen Mädchen sooo gern einmal gehen möchten, aber doch nicht dürfen – und was sehe ich dort? Eine lächelnde Kokotte mit großen Vorderzähnen und viel Busen, ein Bett und viele Umschreibungen für medizinisch interessante Vorgänge.

Wir wollen aber gern ganz etwas andres sehen. Wir wollen uns angenehm unterhalten an kleinen anspruchslosen, witzigen Dingen, die gegen kein Ethos verstoßen, die voraussetzen, dass man ein anständiger Mensch zu sein hat, und uns auf dieser Basis zum Lachen bringen. Denn es ist ein großer Unterschied, ob man auf Provinzschlächtermeister und Schieber wirken will oder auf Herrschaften, die über alles zu lächeln bereit sind und auch selbst nicht geschont werden wollen. Wo sind die kleinen Einakter, die mir mein Abendbrot verdauen helfen? Die Kunst im Leben des Bürgers. Gewiß. Aber Unterhaltung ist keine Schande, und ich mag lieber einem Kasperletheater zusehen als einem schwerfälligen Schwank. Wo ist der Pierrot, der mit irrsinnig weit geöffneten Augen in das schwarze Zimmer Colombinens tritt? Seine Hände sind schief und beschwörend nach vorne gestreckt, weil ihn der Flügel irritiert. Der große schwarze Flügel, auf dem die Obertasten weiß und die andern schwarz sind. Oben aber, auf der polierten Ebenholzfläche, liegt eine weiße Puderquaste, ein großes flaumiges Ding – und beginnt zu tanzen. Und ist Colombine.

Solche grausigen und lächerlichen Sachen will ich sehen. Nicht immer auf Viertelstunden selig entschlummern. Öffne ich aber die Äuglein, siehe, dann ist noch immer der Briefträger auf der Bühne und hat zum Gaudium aller seine Schuhe nicht an, weil er dieselben nicht finden kann.

Ist es denn gar nicht möglich? Sollten sich denn wirklich nicht soviel Leute finden, die sich abends auf geschmackvolle Weise unterhalten wollen? Unterdrücken denn die Kaffern auch hier, indem sie uns zwingen, uns bei ihren Belustigungen zu langweilen?

Eine neue Bühnengründung? Um Gottes willen. Wir wissen doch, wie so etwas in Berlin endet. Von der Reklamenotiz bis zum Konkurs ist nur ein Schritt.

Aber eins könnt ihr tun: wenigstens dies eine. Versagt diesem unangenehmen Abendamüsement euern Beifall. Verreißt sie, wo ihr könnt. Sie sollen unter sich bleiben. Sie sollen sich nicht einbilden, das sei Witz oder Grazie. Sie sollen erkennen, dass es eine Art Abendtotschlag à la bourgeoise ist.

Wir aber wollen warten, bis unsre Zeit gekommen ist. Und da können wir lange warten.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 09.10.1913, Nr. 41, S. 984.





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