Ein neuer Zeichner


Eines Tages zeigte mir der ungarische Zeichner Boris Erotica. Über die Ausgeschöpftheit dieser Gattung brauche ich hier nichts zu sagen: Boris aber hatte neuen Wein in alte Schläuche gegossen. Die Blätter waren frech, amüsant, idyllisch, feixend, alle Schattierungen waren abgewandelt, und es gab keine Situation der erotischen Ringkämpfe, die der junge Herr nicht ebenso frech wie überlegen abkonterfeit hätte. Er läßt jetzt bei Friedrich Dehne in Leipzig drei Mappen Radierungen erscheinen: ›Erste Liebe‹, ›Das Geld‹, ›Das Theater‹. Die hingehauchten und in der Bewegung famos erfaßten Radierungen sind eine wahre Freude.

Dies ist meine Einleitung zu der Mappe: ›Das Theater‹


Die Illusion ›Theater‹ ist in Deutschland so ziemlich dahin; aber es ist ja ganz gleichgültig, wie man das nennt: Kino; oder Varieté; oder Ballett; oder Modeballett – das da, das andre. Denn diese Welt ist anders – anders, trotz aller Bestrebungen wackrer Organisationen, die Mimen in beamtete Menschendarsteller zu verwandeln, anders als die bürgerliche, leichter, so leicht wie ein Whiskyrausch. Beschwingt, hemmungsloser, ohne Schwergewicht ist das alles. Obgleich wir doch wissen, dass es Gagen gibt, Liebhaber, ausgehaltene Direktoren – grade deshalb ist es so ohne Gravitation.

Man muß diese Welt begriffen haben, um sie zeichnen zu können. Boris hat sie begriffen. Er glaubt an sie und glaubt doch nicht daran – er hat sie durchschaut und liebt sie doch – höchstes Geheimnis bissiger Satiriker, pathetischer Witzemacher, lächelnder Desillusionierer. Ein Blick – und die Puppen stehen im Hemde.

Man kann das Wesen und das Problem der Schauspielerin, die Heinrich Mann in allen ihren Verkleidungen immer gereizt hat, nicht kondensierter und schlagender darstellen als hier. Sie: nackt. Und auf sie gezückt, auf sie durchbohrend, die Armee der – sagen wir: Operngläser, der verlängerten, gestielten Augen der Männer. Und sie: nackt.

Der fette Kloß, der da hinter dem Schreibtisch sitzt, beherrscht und herrschend, satt und doch ewig gierig: welch ein Bild!

Die schwebende Fettigkeit, der Busen, der sich schminkt – denn dieses Weib ist durchaus und nur Busen –, die Kleine, die die davonrauschende Große fassungslos beneidet: das ist neuartig und doch ewig alt. Mit welcher Keckheit ist es gesehen, hingesetzt und komponiert! Seht selbst!

Eine Figur des Herrn Boris liegt im Bett und ist mit sich beschäftigt – phallusgekrönt ist das Bett, phallusgekrönt das Mädchen.

Der Parkettbesucher (mein Lieber, zur Menge gehört immer einer mehr, als jeder glaubt!) guckt so begeistert-eifrig der Ballettmaus unter die Röcke, daß ich den sehen möchte, der da nicht lacht – so hingegeben ist er, der gute Kerl. Und müde, ausgepreßt wie eine Apfelsine, berauscht und ganz unglücklich sitzt jener neben jener – der Durstige neben dem Quell, der Jüngling neben dem Mädchen, die er nicht bezahlen kann, und die er doch so liebt.

Für mich das Glanzstück dieser Sammlung aber ist das Blatt, auf dem eine alte Frau der Jugend mit dem runden Popo nachsinnt. Sie ist alt und ausgemergelt und durchaus von vorgestern. Was vorgestern war – wer weiß es? Die sind tot, die es wissen, oder verkommen, oder sie haben vergessen. Und jetzt ist die dran, die andre. Jetzt ist sie oben, und die Alte sitzt unten. Und stumpfsinnig, den Unterkiefer tierisch vorgeschoben, kauert sie da und weiß: Es ist aus.

Der diese Blätter gesehen und gemacht hat, ist ein junger Mensch, und es ist eigentümlich, woher in einem jungen Kopf so viel Resignation und Lebenserfahrung und Hohn und blanker Spott gekommen sind. Mag manches von den Franzosen – besonders im Strich – übernommen sein: das ist immer noch besser als ein Narr auf eigne Hand.

Die Zeit der ›Valeurs‹ ist vorbei – und die Zeit, wo jeder Linoleumschnitt als Offenbarung primitiver Negerkunst galt, wird ja wohl, wenn alle Anzeichen richtig sind, auch bald passe sein. Dies bleibt. Denn beim jungen Herrn Boris ist mehr als Valeur und Primitivitätsspielerei.

Die Zeichnungen werden nicht veralten, weil Luft um die Menschen weht, einmal erkanntes und dann verneintes Menschentum und eine gefrorene Herzenskälte, die man wohl akquiriert haben muß, um dieser lieblichen Zeit so beizukommen, wie sies verdient.

Nun blättert in dem Album ›Das Theater‹.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 02.12.1920, Nr. 49, S. 648.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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