Militaria



Zur Erinnerung an den ersten August 1914


Die Ausführungen, die unter dem Titel ›Militaria‹ in den Nummern 2 und 4 bis 9 dieses Jahrgangs der ›Weltbühne‹ erschienen sind, haben in der deutschnationalen Presse keine ernsthafte Kritik, wohl aber Beschimpfungen hervorgerufen. Der deutsche Offiziersbund zu Berlin hat an den preußischen Kriegsminister die Anfrage gerichtet, ob es nicht möglich sei, gegen mich wegen dieser Ausführungen Strafantrag zu stellen.

Die Aufsätze enthielten folgende Behauptungen:

Die Stellung des deutschen Offiziers zum Mann war etwa die eines Dresseurs zu einem verprügelten Hund. Das Offizierkorps hat sich im Kriege auf dem Dienstwege Verbesserungen in der Verpflegung verschafft, die ihm nicht zukamen. Das Offizierkorps hat von unrechtmäßigen Requisitionen seiner Angehörigen gewußt und hat sie stillschweigend geduldet. Der deutsche Offizier hat in sittlicher Beziehung im Kriege versagt. Der Geist des deutschen Offizierkorps war schlecht.

Meine Gegner wiederholen nun bis zur Erschöpfung ihren einzigen Einwand, aus dem hervorgeht, dass wir uns nicht verstehen: Man dürfe nicht generalisieren, sagen sie. In den vielen entrüsteten Briefen, die der Herausgeber und ich erhalten haben, kehrt das immer wieder. Wenn wirklich, heißt es dort, einige oder selbst viele Offiziere – wie zugegeben sein mag – solche Dinge begangen haben, so ist damit noch lange nicht gesagt, dass das gesamte deutsche Offizierkorps solche Vorwürfe verdient, wie sie hier erhoben worden sind.

 

Den Deutschen ist besonders seit dem Jahre 1870 systematisch eine Hochachtung vor dem Offizier eingebleut worden, die dem schlecht bezahlten Soldatenführer über seinen pekuniären Kummer hinweghelfen sollte, und die an Ehren gab, was der Staat an Geld zu geben nicht imstande war. Der preußische Leutnant wurde wohl angewitzelt, im Grunde aber heimlich bewundert. Seine sogenannten Ehrbegriffe galten Studenten, Beamten und höhern Handlungsbeflissenen als vorbildlich. Kamen Verfehlungen von Offizieren vor, so wurden sie vertuscht; mußte jemand wirklich einmal aus dem Offizierkorps hinausgetan werden, so geschah das in aller Heimlichkeit.

Der Geist des deutschen Offizierkorps war auch vor dem Kriege nicht gut. Um alle die seit Generationen geltenden Vorurteile seiner Kaste aufrecht zu erhalten, wurde der Offizier in künstlicher Isoliertheit gehalten und nahm am tätigen Leben so gut wie gar nicht teil, wenn man von Pferderennen und der Verbindung mit Wucherern absieht. Man glaubte, die Disziplin auf dem Kasernenhof und den Truppenübungsplätzen nur mit der Fiktion aufrecht erhalten zu können, dass man den Offizier für ein höheres Wesen in und außer Dienst, ganz besonders außer Dienst, anzusehen befahl. Der deutsche Offizier war gewöhnt, in dem ›Kerl‹ – anders wurde der Deutsche, der seiner Wehrpflicht genügte, von seinen militärischen Vorgesetzten kaum genannt – ein Wesen minderer Art zu sehen.

Dieser schlechte Geist zog sich bis tief in das Bürgertum hinein und verdrehte auch hier die Köpfe. Er erzog die Leute, nur auf den äußern Erfolg zu sehen, und eine Beförderung galt in diesen Kreisen so viel wie ein Gottesurteil. Sie wußten alle, wie sie zustande kam, kannten den Strebergeist, der seit Wilhelm dem Zweiten das Heer korrumpierte, und kannten die Schleichwege der Schiebung und der guten Beziehungen, auf denen der Erfolg zu erreichen war. All das war aber vergessen, wenn er sich eingestellt hatte, und es wurde das ernst genommen, was man mit unlautern Mitteln jeden Tag erlangt sehen konnte. Es bestand die große kulturelle Gefahr, dass ein schlecht erzogener Soldat seine ganze Familie verdarb. Die Braut stolzierte doppelt stolz am Sonntag mit ihm einher, weil ›Ihrer‹ seine Untergebenen anschnauzen und nachlässig grüßen durfte, die Frau Feldwebel sah wohlwollend auf die Frau Unteroffizier herunter – und dieser ganze kindliche Kasperlkram ragte bis hoch hinauf in die Kreise der Stabsoffiziere.

Die Reserve-Offiziere standen dem nicht nach. Durchdrungen von der erheblichen moralischen Minderwertigkeit ihrer selbst gegenüber den ›richtigen‹ Offizieren, bemühten sie sich wenigstens, ihren unerreichbaren Vorbildern so nahe wie möglich zu kommen, und parodierten und karikierten mit mehr oder weniger Ungeschick den schneidigen Leutnant. Sie erstarrten gleichsam zu Salzsäulen, wenn sie, Oberlehrer oder Juristen, ins Kasino kamen – sie wurden offiziell, und etwas blieb für ihr bürgerliches Leben auf immer haften.

Die Deutschen fühlten sich nicht allzu unwohl dabei. Sie empfanden kaum die unerhörte Erniedrigung, die darin lag, dass ein Kreis mäßig begabter Landsleute, durch den Ring des Standesbewußtseins fest von der Welt abgeschlossen, es unternahm, sie derart zu verachten. Die Gebildeteren unter den Dienenden – die Einjährigen – halfen sich mit Spaß und guten Mienen über das böse Spiel hinweg bis zu dem Zeitpunkt, wo sie selbst die Achselstücke erhielten, und bemühten sich dann, es den aktiven Offizieren in Verachtung ihrer eignen bürgerlichen Standesgenossen gleichzutun.

Das geistige Niveau des deutschen Offiziers aus der Zeit vor dem Kriege ist als kläglich zu bezeichnen. Der Verteidiger den Kaste zieht hier gern den Generalstab und die militärischen Akademien heran. Das ist irreführend. Die Angehörigen dieser Anstalten machten nur einen winzig kleinen Bruchteil des ganzen Offizierkorps aus, und es steht noch dahin, ob auch sie in ihrer Gesamtheit die Ansprüche erfüllten, die man an einen Menschen von universeller Bildung zu stellen gewohnt ist. Vor allem ist der Durchschnitt – also der Linien-Offizier – für den Beurteiler in Betracht zu ziehen.

Vor mir liegt ein Wettbuch aus dem Kasino einer Dragonerkaserne in einer kleinen Stadt Ostpreußens. Es ist im Jahre 1907 angelegt worden und wurde bis zum Jahre 1914 fortgeführt. Die Personennamen im folgenden sind fingiert. Da heißt es:

»Oben stehende Zuckerdose (Zeichnung) steht bei Schackelmann, Mißhusen behauptet: Wenn bei dieser Dose die Stange A grade ist, geht der Deckel genau ebenso weit aufzumachen, als wie es jetzt der Fall ist. Leutnant Wientoch bestreitet dieses. Gegenstand: 25 Flaschen Biesinger.

Mißhusen behauptet, er könne während der Dauer einer Schleppjagd das Monokel im Auge behalten, Schlitz wettet dagegen. Hintertüren sind abgeschlossen, kontrollieren darf jeder Mitreitende. Gegenstand: eine Pulle Biesinger. – Mißhusen gewinnt.

Schempin behauptet, dass Müller Ostermann keinen Kuß geben würde, Müller tut es trotzdem vor Zeugen und gewinnt einen Schnaps.

Wippermann, Hente und Hietschler sitzen im Café. Keine kleinen Mädchen. Musik à la Stadtmusikanten von Bremen. Man zählt die Fensterscheiben der Boxwände. Wippermann behauptet, dass in einer Wand höchstens 80 Scheiben sind. Hente meint: mehr. Gegenstand: eine Drokner. Hente gewinnt, da 82 Scheiben.«

Nimmt man die Zote aus der Gegend des Wirtshauses an der Lahn hinzu, so hat man das Bild einer Kasino-Unterhaltung und hat die geistigen Interessen der Edelsten der Nation.

So wenig es möglich ist, über eine Rasse ein abschließendes gerechtes Urteil zu fällen, weil zu viele Vermischungen, Abschwächungen und Abweichungen vom Typus vorkommen, so leicht ist es, eine soziale Institution sauber zu rubrizieren. Der preußische Offizier stellte als Ideal eine ganz bestimmte Erscheinung auf, und mit dieser Erscheinung gilt es sich zu beschäftigen.

 

Eben das, was man gemeinhin unter einem deutschen Offizier verstand, taugte nichts.

Es wird eingewandt, der deutsche Offizier habe seine Tüchtigkeit genugsam dadurch gezeigt, dass so viele seiner Kameraden im Felde getötet worden sind. Es hat ihm niemand Feigheit vorgeworfen. Kamen Fälle von Feigheit und schlechter Haltung im Feuer vor, so sind sie nicht auf die Erziehung im Korps zu schieben, das in dieser Beziehung auf strengste Pflichterfüllung hielt und sie besonders in den untern Chargen durchsetzte. Der aktive Offizier hat sich einen Beruf erwählt, dessen ganze Erfüllung erst im Kriegszustand möglich war, und der Stand hat nun keinen Grund, sich die letzte Aufgabe des selbst gewählten Berufes als besondere Heldentat ankreiden zu lassen. Mit seinen übrigen Charaktereigenschaften hat das nichts zu tun. Wie es auch nicht der Versicherung bedarf, da es zu selbstverständlich ist, dass eine große Menge Offiziere sich vom ersten bis zum letzten Tage des Krieges untadelig geführt haben. Ich wiederhole immer und immer wieder, dass hier nicht der einzelne Offizier angegriffen wird, nicht einmal achtzig oder hundert Fälle, sondern der Geist des deutschen Offizierkorps.

Es ist nicht richtig, die Gründe des allgemeinen Offiziershasses in einer sogenannten Verhetzung zu suchen.

Die Angriffe gegen den deutschen Offiziersstand, die in so großem Maße eingesetzt haben und nicht verstummen wollen, rühren daher, dass in diesem Kriege zu viel Geistige hinter die Kulissen gesehen haben.

Die ungeheuerliche Machtfülle, die der einzelne Offizier grade im Kriege über Leib und Leben und Gut und Geist seiner Landsleute und der Einwohner okkupierter Gebiete in die Hand bekam, hätte wahrscheinlich auch eine sittlich gereiftere Kaste, als sie der Offiziersstand darstellte, zu Fall bringen müssen. Auch nicht ein Tausendstel der vorgekommenen Ungeheuerlichkeiten ist in die Zeitungen gelangt, aber dieses Tausendstel hätte genügen müssen, um den deutschen Offizier vor gerecht und anständig denkenden Menschen auf das Tiefste bloßzustellen. Ein Regimentskommandeur und Oberstleutnant Bode zu Insterburg gibt in einer Preßberichtigung als ordnungsmäßig und selbstverständlich zu, dass der Silberschatz des Königs Peter von Serbien als Andenken unter die achtundfünfzig Offiziere des Infanterie-Regiments 45 verteilt worden ist. Der General v. d. Borne unterschlug, laut ›Vorwärts‹, mit seinem Stab den ihm unterstellten Erdarbeitern Fleisch und Bier und ließ Hunderte von Leuten monatelang an seinem Privatquartier bauen, dessen elektrische Anlage nach Fertigstellung schließlich den Wert von vierzigtausend Mark erreichte. Was den Offiziersstand so schwer bemakelt, ist nicht die Tatsache, dass sich viele seiner Angehörigen zu solchem Mißbrauch ihrer Dienstgewalt hinreißen ließen, sondern die Indolenz ihrer Kameraden, die jede Verfehlung gegen berechtigte Angriffe von außen deckten. Der Offiziersstand trägt insofern für jede Verfehlung seiner Angehörigen die volle Verantwortung, als er sie nicht geahndet hat. Es ist auch nicht richtig, wie die bürgerliche Presse behauptet, dass nur konservative Offiziere an diesen Ausschreitungen gegen die eignen Leute und gegen die Einwohner der okkupierten Gebiete beteiligt gewesen sind; es waren vielmehr Offiziere aller Parteirichtungen, und mit am schlimmsten haben sich diejenigen Reserve-Offiziere aufgeführt, die aus kümmerlichen Zivilstellungen plötzlich zu ungeahnter Macht emporrückten, unter ihnen besonders die Volksschullehrer. (Es ist in solchen Fällen bei uns üblich, dass die Kollektivität des Standes derartige Angriffe mit Entrüstung zurückweist, statt die Unheiltäter aus ihren Reihen zur Verantwortung zu ziehen: durch diese Ausübung einer falsch verstandenen Ehre macht sich der gesamte Stand mit verantwortlich.)

Wie sehr der sittliche Fonds des Offizierkorps und des Unteroffizierkorps im Kriege versagt hat, gestehen die Verteidiger dadurch ein, dass sie sagen, die lange Dauer des Krieges habe das Offizierkorps verdorben. Das heißt: Es hat dem Ernstfall, für den es da ist, nicht standgehalten. Die gegenseitigen Schuldvorwürfe helfen nichts. Der aktive Offizier schiebt die Schuld auf den Reserve-Offizier, der Reserve-Offizier beschimpft den Aktiven, beide den Unterführer, der die Stabsoffiziere – und so dreht sich der ganze Apparat kreiselnd um sich selbst. Die aber, die unter ihm gelitten haben, kehren sich nicht daran, sondern fassen zusammen:

Es ist im Kriege gestohlen worden – und ihr habt keinen belangt. Es ist im Kriege Unrecht getan worden – und ihr habt kaum einen zur Rechenschaft gezogen. Es ist im Kriege geschoben und gelogen und betrogen worden – und ihr habt bis auf den heutigen Tag aus alter Hochachtung vor dem Idol Offizier nichts getan, um Schuldige zu ermitteln. Um der Disziplin willen? Was ist das für eine Disziplin, die solchen Schutz nötig hat!

Es mag für nationalistisch gesinnte Deutsche eine Schmach bedeuten, wenn Heerführer und Fürstlichkeiten dem Feind ausgeliefert werden sollen. Es stellt aber eine ungleich größere Schmach dar, dass die Deutschen in acht Monaten keine Zeit gefunden haben, Etappenräuber und Offiziersrohlinge so bestrafen zu lassen, dass vor der Welt und vor dem Volk dokumentiert wird, wie wenig Raubritter und Deutsche mit einander zu tun haben. Das ist nicht geschehen, und man kann der feindlichen Welt eine Identifikation leider nicht verdenken. Der Haß gegen das Deutschtum, ein Haß, von dessen Größe die wenigsten bei uns zulande etwas wissen, und von dessen berechtigten Gründen fast niemand, ist ins Maßlose gewachsen.

Was wir hier betrachten, angreifen, bewerten und für ethisch hoffnungslos halten, ist das Treiben, das sich Tag für Tag draußen abgespielt hat, und über das sich kaum einer mehr – bis auf die Leidenden – aufhielt. Nicht die großen Skandale sind es, nicht die Sonderfälle, die sich überall einmal ereignen, sondern der tägliche Wust von Unehrlichkeit, Diebstahl an Nahrungsmitteln, den niemand mehr als Diebstahl empfand, Mißbrauch der Dienstgewalt und brutaler Unterdrückung der fremden Nationen. (Übrigens wurde durch diese Roheit nichts erreicht; die Einwohner der okkupierten Gebiete wurden schikaniert und malträtiert und tanzten den deutschen Behörden, wenns zum Klappen kam, auf der Nase herum.) Der deutsche Offizier wirkte bei diesen Übeltaten mit, war stets durch Befehl gedeckt und sah bestenfalls untätig zu.

Das ist der Grund für den gerechten Haß gegen den deutschen Offizier.

 

Artur Zickler hat (im Firn-Verlag zu Berlin) die Erinnerungen eines Feldwebels herausgegeben, der jahrelang in einem Feldlazarett tätig war. Jeder, der das preußische Militär kennengelernt hat, wird sie als glaublich bezeichnen. Das Buch trägt den Titel: ›Anklage der Gepeinigten‹.

»Im August 1914 wurde das Feldlazarett vom Chefarzt Wacker zusammengestellt. Schon tagelang haben wir an Verpflegung nichts weiter als Brot erhalten. Die Herren nehmen für sich Büchsenfleisch.

Die Kranken verhungern uns, einige laufen uns fort. Jannecki (der Lazarett-Inspektor) sorgt nur dafür, dass der Offizierstisch im Garten reichlich gedeckt ist. Die Verwundeten und Kranken bekommen durch Fahrer zusammengekochten Dreck und sehen von den Fenstern aus auf die reich gedeckte Mittagstafel im Garten.

Die wenige Milch kam fast ausschließlich den Sanitätsoffizieren zugute. Trotzdem Jannecki genügend Spirituosen hat, gibt er nichts heraus, obwohl das Leben der Kranken oft davon abhängt. Nur weil der Chefarzt wörtlich erklärt hat: ›Tee ohne Rum saufe ich nicht!‹

Die Pferde haben denselben guten Tag wie wir, da den armen Tieren alles Futter gestohlen wird. Wenn das elektrische Licht im Orte aussetzt, was oft vorkommt, brennen im Offizierskasino mehr als ein halbes Dutzend Kerzen, aber in den Stallungen ist kein Licht, und die Pferde schlagen sich die Knochen kaputt. Ich mußte gestern deswegen ein Pferd erschießen.

Im Schloß liegt ein Offizier, der sich eines Tages durch Militärkrankenwärter Wolf rasieren läßt und sich dabei über Wolfs schlechtes Aussehen wundert. Da sagt ihm Wolf offen, das käme davon, dass die Herren uns alles unterschlagen; wenn wir das Empfangene alles bekämen, würden wir schon satt werden und nicht so schlecht aussehen. Abends im Kasino trägt der Leutnant unserm Spitzbuben den Fall vor. Der stellvertretende Chefarzt erwidert darauf: ›Diesem Mann dürfen Sie nichts glauben, der ist zu belesen, der schmökert zu viel in den Büchern herum.‹

Ich frage mich wieder und immer wieder, wie lange dieser Schwindel, dieser niederträchtige Betrug noch andauern soll. Wir empfangen täglich 80 bis 100 Liter Milch von der Ortskommandantur, darunter 14 Liter Vollmilch für Schwerkranke (Nierenentzündung, Gasvergiftung), das übrige ist Magermilch. Die Vollmilch wandert sofort in zwei Eimern ins Kasino. Hier werden für die notleidenden Sanitäts-Offiziere Streuselkuchen gebacken, desgleichen Torten. Das geschieht täglich ohne Ausnahme. Unsern Schwerkranken, die mit dickgeschwollenen, aus den Höhlen tretenden Augen liegen und sich vor Schmerzen winden, für die die Vollmilch bestimmt ist, weil sie keine feste Nahrung zu sich nehmen können, gibt man für den ganzen Tag zwei Becher blaues Wasser, genannt Magermilch, davon sollen sie leben und wieder gesund werden.

Wilke fährt heute auf Urlaub. Er nimmt für die Herren Oberapotheker Frühling, den Chefarzt, Jannecki und Rudolf große Pakete nach der Heimat mit. Im Gepäck des Chefarztes ist gestohlenes Fett. Für die Verwundeten empfängt Unteroffizier Schüler, abgesehen von den Liebesgaben, 118 Flaschen Wein und 75 Flaschen Bier. Sie wurden nicht verteilt, weil sich der Chef und der Inspektor darüber einig geworden waren, dass die Verwundeten schon genug hätten. Der Chef sagte: ›Wir wollen hier keine Mastkur aufmachen.‹

In der Offiziersküche hat man den Pudding versaut. Er will nicht fest werden. Unsre Apotheke muß schnellstens sterilisierte Gelatine herausgeben, die man sonst nur Schwerkranken bei Lungenbluten gibt. Auch das so dringend notwendige Olivenöl aus der Apotheke wandert ausnahmslos ins Kasino.

Der uns zugeteilte evangelische Pfarrer Möller fährt den ganzen Tag in der Umgebung herum, um für seine Familie einzukaufen. Heute bringt er aus Etre Opon für 100 Mark Käse an. Wir können keinen Käse kaufen, weil er uns durch die aufkaufenden Offiziere verteuert wird. Die Herren machen den ganzen Tag Postpakete, der Dienst bleibt liegen. Auch der Pfarrer belastet unsere Urlauber stets mit Paketen. Von der Kanzel sprach er vorigen Sonntag: ›Sorget nicht, was ihr essen und trinken werdet ... sehet die Lilien an auf dem Felde ... Herr, wie Du willst, so Dein Wille geschehe!‹ Besteht die Aufgabe eines Pfarrers darin, den Soldaten die Lebensmittel wegzukaufen und obendrein die Soldaten und die Religion zu verhöhnen?«

Wer da sagt, der Feldwebel hätte sich beschweren sollen, der ist ein Heuchler.

Richard Dehmel urteilt in seinem Kriegstagebuch ›Zwischen Volk und Menschheit‹ (bei S. Fischer) sehr hart über die Offiziere und Unteroffiziere. Der Dichter ist im einundfünfzigsten Lebensjahre als Freiwilliger ins Feld gegangen und ist heute noch übervoll von Begeisterung für ein Deutschtum, das es gar nicht mehr gibt. Er sagt:

»1914 war es so bei uns, dass der Offizier, solange wir im Felde lagen, grundsätzlich kein andres Menü speiste als die übrigen Soldaten. Später hat sich leider im ganzen Heer mit sehr wenigen Ausnahmen die Oberschicht immer rücksichtsloser auf besondre Küche verlegt. Die Vorgesetzten wußten recht gut, wie das den einfachen Mann verbittern mußte, versteiften sich aber umso grundsätzlicher auf ihren bequemen Standesdünkel.

Besonders die aktiven Feldwebel und Sergeanten, die mit der Verwaltung und Verpflegung zu tun haben, sind fast durchweg ein übles Pack. Da ich mehrmals mit ihnen zusammenlag, konnte ich sie beobachten und war erstaunt, wie ungeniert sie ihre Durchstechereien betreiben; und aus ihren renommistischen Gesprächen zu schließen, ist es bei den anderen Bataillonen nicht anders. Es hält schwer, sich bei solchen Erfahrungen sein Vertrauen zur deutschen Zukunft zu wahren; diese Leute bilden doch schließlich den Durchschnitt unsres ›kleinen‹ Beamtenstandes. Die Sache wird nicht besser dadurch, dass man sich sagt: der Krieg verwildert die Sitten, Diese Kerls sind doch dazu da, die Entsittlichung zu verhüten. Statt dessen sorgen sie jetzt dafür, dass bei den vielen Beförderungen, die der Krieg grade im Unteroffiziersstand verursacht, möglichst nur Gelichter ihresgleichen aufrückt, der alte biedere Sergeant und Feldwebel, saugrob von wegen des Amtstones, aber im Grunde ein Fridolin, scheint auszusterben; der neue ist ein entsetzlicher Streber, scharwenzelnder Rohling mit einem schleimigen Anstrich von sogenanntem deutschen Gemüt. Und diese Troßknechte werden später ausführende Stellvertreter der Obrigkeit mit einer in ihrem kleinen Amtskreis fast unbeschränkten Machtbefugnis. Aber mögen sie noch so klein sein, alle diese Kreise greifen ineinander und schnüren wie ein großes Netz von eisernen Ringen den Volkskörper ein. Wenn unsre Regierung nicht dafür sorgt, solchen Wachthunden der öffentlichen Ordnung, die in Wahrheit Hetzköter sind, den gebührenden Maulkorb anzulegen, dann sind wir in zehn bis fünfzehn Jahren wieder genau so verbiestert, wie vor dem Kriege.

Sehr bezeichnend die Klage des durchaus nicht rigorosen Majors G., dem das Einquartierungsbüro unterstellt ist, dass fast niemand mehr mit seinem Quartier zufrieden sei; man wolle es womöglich noch komfortabler haben als auf einer Badereise im Frieden. Dabei sind den mehr als 500 Offizieren, die hier in der Stadt beisammen hocken, selbstverständlich die besten Zimmer der wohlhabenden Bevölkerung eingeräumt. Man sollte jeden solchen Querulanten auf ein paar Monate in den Schützengraben schicken, denn die meisten dieser Kanzlei-Offiziere würden das nicht als Ehre empfinden, sondern lediglich als Strafe; man merkt das aus der hundsschnäuzigen Art, wie sie selber mißliebige Mannschaften in die vordere Linie spedieren.

Der neue Kommandant Oberstleutnant Bl. hat sein Amt gleich damit eröffnet, zur Verpflegung der Offiziere von der Einwohnerschaft allerlei Extralieferungen gegen Gutscheine zu erheben, die unter dem vorigen Kommandanten jeder Offizier aus eigner Tasche bezahlen mußte. Und an einem der nächsten Tage veranstaltete er im Rathaushof eine Versammlung der Jagdhunde des Bezirks, um sich den besten auszusuchen. Natürlich gleichfalls gegen ›Bon‹.

Noch schädlicher für den militärischen und kameradschaftlichen Geist sind die Rivalitäten im Offizierkorps, weil sie unter ›Gebildeten‹ nicht mit rascher Handgreiflichkeit, sondern mit dem schleichenden Giftdunst der schlimmen Nachrede ausgekämpft werden.«

Ähnliches findet man in Karl Vetters ausgezeichneter Broschüre: ›Ludendorff ist schuld‹ (im Verlag für Volksaufklärung zu Berlin, Burgstraße 29). Sie behandelt hauptsächlich die letzten Tage vor dem Zusammenbruch, den die Militärkaste verschuldet hat.

Die Fälle lassen sich ins beliebige vermehren. Korrupt war alles: korrupt das Leben eines Standes, der gar nicht mehr empfand, dass schon eine kleinbürgerliche Behaglichkeit im Felde unerhörten Luxus bedeutete; korrupt die Gehaltsempfänger, die Geld sparen konnten, während man den Mann mit einem sogenannten Ehrensold abfand; korrupt der selbstverständliche Brauch, dass jeder, der Materialien zu verwalten hatte, von diesen Dingen in großen Quantitäten unterschlug. Ich habe oft genug im Felde die Redensart gehört: »Er wäre ja dumm, wenn er nicht ... « Korrupt war auch der Ärztestand; zum Teil ließen hier üble Elemente ihrer Roheit und Habsucht freien Lauf. Anzeigen hätten nichts geholfen.

Der Einwand, dass alle diese Übelstände nur in der Etappe zu finden waren, besagt nichts. Auch der Etappen-Offizier war ein Offizier, den die Erziehung seines Korps gegen Laster hätte widerstandsfähig machen sollen. Auch der Etappen-Offizier kam oft genug von vorn und verfiel sofort der allgemeinen Verderbnis, ein Zeichen, dass er sich im Graben nur notgedrungen anständig benommen hatte. Dort konnte er nichts unterschlagen: denn es war nichts da.

Das deutsche Offizierkorps hat seine Rolle bei den denkenden Deutschen, wenn das vielleicht auch wenige sind, ausgespielt. Was so erbittert hat, war der Geist, der durch starre Erziehung dort eingeimpft war: der Geist, der die eignen Landsleute verneinte und verachtete. Der einzelne hatte kein Verantwortungsgefühl mehr: die Kollektivität hatte es ihm abgenommen und schützte ihn.

Die Kollektivität ist aber nun auch schuld an den maßlosen Übergriffen einzelner, die unsre Friedensbedingungen zweifellos verschlimmert haben. Keine Ärzte-Organisation, kein Offizierkorps hat Kollegen und Kameraden öffentlich zur Verantwortung gezogen. Die Straftaten wurden sehr leicht inszeniert und ausgeführt. Ehe aber einer dafür abgestraft wird, stellen sie eine sehr sorgfältige Untersuchung an, die dem publizistischen Ankläger Gefängnis und dem Angeschuldigten in den seltensten Fällen etwas einbringen wird. So subtil kann Justitia manchmal sein.

 

Die Entwicklung des deutschen Militarismus ist nicht als abgeschlossen zu betrachten.

Es handelt sich hier um eine wesentlich kulturelle Frage, und es zeigt sich immer mehr, dass in diesem Kampf zwei Welten aufeinander stoßen, die nicht dieselbe Sprache sprechen. Als auf meine erste Artikelreihe ein pensionierter Oberstleutnant aus Magdeburg an den Herausgeber schrieb, ich solle Material mit vollen Namen veröffentlichen, schlug ich diese Bitte ab. Der Oberstleutnant publizierte meinen Brief in der ›Deutschen Tageszeitung‹, und es hieß dort, ich sei ein Buschklepper und feiger Verleumder. Ich hatte geschrieben, dass es gar nicht auf die acht oder zehn Fälle ankäme, die ich damals herangezogen hatte, sondern auf den Offizier schlechthin, und dass sein Typ zum Wohl unsres Volkes auszurotten wäre. Es stehen in der Tat nicht die einzelnen Fälle zur Diskussion. Die lassen sich heute, wo die Beteiligten in alle Winde zerstreut sind, sehr schwer beweisen, und wenn sie sich wirklich beweisen lassen, und wenn wirklich einer oder der andre – was nicht anzunehmen ist – bestraft wird, so rechtfertigt das in den Augen der Offiziersanhänger immer noch nicht unser scharfes Urteil.

Sie ruhen nicht. Als der Kaiser ausgeliefert werden sollte, hätte man von einem aufrechten Offizierkorps die Abdankung erwartet. Kaum einer ging. Ich will die Beweggründe, aus denen die Herren blieben, unerörtert lassen.

Bezeichnend für die ungeheure Lebenskraft dieser Kreise und für ihre Ungeistigkeit ist das maßlose Erstaunen darüber, dass die kleinen Fortschritte der Republik für sie persönlich etwa Nachteile im Gefolge haben sollten. Sie hielten ihre militärischen Dienststellen aufrecht, und ein Spiel mit Ämtern hub an ganz wie im Kriege. Da gibt es Staffelstäbe und Brigade-Stabsquartiere und Detachements und Korps und Oberkommandos Süd und Nord ... Die zerrüttete Finanzlage des Reiches ist für diese nutzlose Arbeit offenbar kein Hinderungsgrund. Man meinte: Erholungsurlaub – und sagte: Inspektionsreise; man sagt: Verteidigung der Heimat gegen die Bolschewisten – und meint: Stellenversorgung.

Noch arbeitet alles im alten Trott, kein militärisches Amt wird aufgelöst, nichts hat sich geändert. Zu einer Reise in die Schweiz läßt sich das Berliner Polizeipräsidium vom Bezirkskommando die militärische Abkömmlichkeit des Reisenden bescheinigen.

Die Dienstpflicht ›ruht‹. Kein Parlament hat bisher gewagt, sie abzuschaffen, jedes sieht den jetzigen Zustand als ungewöhnlich und nur vorläufig an, von der Voraussetzung ausgehend, dass die allgemeine Dienstpflicht das Ursprüngliche und ihre Nichterfüllung eine Ausnahme sei. Es ist aber umgekehrt. Und es muß um jeden Preis mit dem Grundsatz gebrochen werden, dass im Ernstfall die Machtkompetenzen einer geistig fossilen Kaste ins Maßlose schwellen.

Grade im Ernstfall dürfen sies nicht. Der letzte Akt des Kriegsspiels, das man im Osten krampfhaft fortzusetzen bemüht war, ist aus. Wir werden dafür zu sorgen haben, dass ohne zerschlagene Fensterscheiben und ohne politische Morde in den Köpfen unsrer Volksgenossen eine geistige Revolution entsteht, wie sie bisher gefehlt hat.

Mit Argumenten kommen wir nicht weiter. Hier steht Wille gegen Wille: alles, was zum Nachteil des deutschen Offiziers gesagt wird, trifft den Deutschen von heute ins zusammenzuckende Herz. Er will das nicht hören. Sein Wille verdunkelt die Erkenntnis, und merkt er, wo der Befreier hinaus will, wendet er sich empört ab.

Es führt zu nichts, dem Offizier seine überlebte und menschenfeindliche Sendung klar zu machen und etwa zu versuchen, sie durch einen Kompromiß zu mildern. Wir sprechen nicht zu ihm.

Wir sprechen zu unsern Landsleuten, zu dem Deutschland, das wir lieben, und wir wollen, dass es immer und unter allen Umständen denen den Gehorsam verweigert, die Menschenunwürdiges von ihm verlangen. Menschenunwürdig aber ist eine Disziplin ohne moralische Einsicht, ist die Annahme, einer stehe vermöge seines Amtes auch menschlich über dem andern; menschenunwürdig ist die Unterdrückung sogar innerhalb der eignen Nation.

Wir bekämpfen nicht den einzelnen Offizier. Wir bekämpfen sein Ideal und seine Welt und bitten alle Gleichgesinnten, an ihrer Zerstörung mitzuhelfen. Nur sie kann uns eine neue, reinere Heimat geben.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 14.08.1919, Nr. 34, S. 190.





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