Menschenmaterial


Was aus der Maschine Kapitalismus zerbrochen und unnütz durch den Rost auf die Aschenplatte fällt, ist auch »Menschenmaterial«. Um das kümmert sich der Staat nicht allzuviel: denn er will augenblicklich keinen Krieg führen, und die Leute sind auch meist über 45 Jahre, und so ist er denn nicht so ängstlich besorgt um die Gesundheit der Volksgenossen, wie ers in der großen Zeit gewesen ist.

Die Fürsorge, die die Kommune, Bundesstaat und Reich dem untersten Proletariat angedeihen lassen, kann natürlich nur klein sein. Die Finanzen der Allgemeinheit werden ja hierzulande so verwaltet, dass erst einmal satte Posteninhaber und dann verhungerte Kinder an die Reihe kommen. 54 Generale der Reichswehr sind wichtiger als verreckte und verdorrte deutsche Mütter.

Das berliner Asyl für Obdachlose tut alles Mögliche, aber was ist das für so viele? Der Menge nach ist alles, was gegeben wird, natürlich viel zuwenig. Und dem Geiste nach?

Heißes Bemühen eines sozialdemokratischen Magistrats kann keine Weltordnung umstoßen, und wie fast überall in Preußen den Armen gegeben wird, das ist so gar nicht im Geiste des Erlösers, dessen Bild die warm geheizten Stuben der frommen Inspektoren schmückt. Wohltaten empfangen: das ist in Preußen Dienst. Und so empfinden denn auch mit Recht noch die letzten Brüder aus der Palme die warme Suppe und das Stück Brot als einen hingeworfenen Brocken, mit dem eine gewaltige Maschinerie die um ihr Leben Betrogenen abfindet. Das empfinden sie. Wenn sie noch der Empfindungen fähig sind ...

Denn die meisten von ihnen sind schon stumpf und ohne Hoffnung. Es ist eine Frage der Zeit, wann sie in einer Fabrikhofsecke oder in einem eisernen Bettgestell des Krankenhauses verlöschen – bis dahin kommen nur noch Tage und Wochen und Jahreszeiten, in denen es sich darum handeln wird, kleine Happen und etwas Spiritus anderen Unglückskameraden wegzuschnappen.

Und nie allein sein –! Wie soll sich das Wesen eines Menschen, und sei er noch so gedrückt, entfalten, wenn er nicht einmal, in Arbeit oder in Ruhe mit sich und dem Himmel allein ist! Diese kennen nur die große Stadt, ohne die sie überhaupt verhungern würden, und das Brodeln ist um sie her, und ein ewiges Kommen und Gehen ... Aber das ist ihr kleinstes Leid. Viel wichtiger ist, im Winter abends ein Dach über dem Kopf haben, und um in diese Räume hineinzukommen, wo man die Luft nachts durchschneiden kann, stehen sie an, stundenlang von einem Fuß auf den andern tretend, und dann Gedrängel und Essenempfang und hingehauen und geschlafen ...

Manchmal werden ihre Lumpen im Asyl ein wenig in Ordnung gebracht. Es gibt ein kleines Landstreicherbuch von Hans Ostwald – das ist vor dem Kriege erschienen, und in dem sehen die Vagabunden ihrer Kleidung nach wie die Landgerichtsräte aus. Wenn einer damals barfuß ging, lachte man ihn fast gutmütig aus. Was waren denn ein Paar Socken? Die hätte er überall bekommen können. Heute fällt den Leuten die Kleidung in Stücken vom Leibe, und neulich meldete sich auf einer Fürsorgestelle ein alter stellungsloser Schauspieler, der um Himmels willen um ein neues Hemd bat. Seins war schwarz: er hatte es seit sechs Wochen nicht mehr gewechselt. Und immer wieder erstaunlich ist, woher die Leute doch noch ihr letztes bißchen Energie hernehmen, um überhaupt noch die notwendigsten kleinen Lebensarbeiten vorzunehmen. Und die Heiligkeit der Mutterschaft bei diesen Menschen sieht lange nicht so feierlich aus, wie sie in den Weihnachtsnummern der bürgerlichen Presse in Wort und Bild dargestellt wird.

Im großen und ganzen sind es ideale preußische Untertanen. Sie haben zu kommen, sie haben zu gehen, sie haben zu schlafen, und man befiehlt ihnen zu essen. Es gibt ein Wort von der Schriftstellerin Ricarda Huch: »Der Organisator will für alle.« Diese haben keinen eigenen Willen mehr. Wer hat sie soweit gebracht?

Man muß nicht alles mit dem Milieu erklären wollen. Es gibt Entartete des Blutes, auf die Ort, Zeit und Arbeitsgelegenheit ohne Einfluß sind, es gibt Verfluchte und Gescheiterte, die die Natur gezeichnet hat, und wir kennen die Ursachen nicht. Aber Millionen und Millionen gehen unter, weil sie gar nicht die Möglichkeit haben, aufzusteigen. Die heimliche Sehnsucht des Proletariers nach dem Kleinbürgertum ist ganz verständlich – denn da ist gesicherter Besitz, Ordnung und ein einigermaßen garantierter Lebensabend. Was haben diese da? Es ist sinnlos, wie sich so ein mit Lumpen bedeckter menschlicher Organismus von Amt zu Amt schiebt, ißt, schläft, sauft, stiehlt, bettelt, betrügt und betrogen wird – was soll das alles? Die Krise einer einzigen Arbeitslosigkeit: und Hunderte von Leben sind aus dem Geleise geworfen. Es ist eine göttliche Weltordnung.

Daß manches im Asyl für Obdachlose verbessert werden kann, dass man mit diesen schwierig zu behandelnden Menschen nicht immer richtig umgeht, dass Geld und Arbeitskraft der Stadt nicht ausreichen, um ein Elend zu mildern, das nicht sie verschuldet hat: das wiegt dagegen nicht schwer.

Seht euch die Gesichter auf den Bildern an! Kommunisten und andere Verelendungstheoretiker predigen, es könne gar nicht schlimm genug kommen. Je schlimmer, desto besser, und aus dem großen Kladderadatsch werde sich wie der Vogel Phönix aus der Asche der Sieg des Proletariats erheben. Seht euch diese Gesichter an!

Der reiche Mann empfindet heute mehr denn je Haß und Verachtung für die Armen, der Bürger – besonders an hohen Fest- und Feiertagen – weinerliches Mitleid.

Wir wollen Verständnis zeigen und sagen: nicht das Elend kann die Massen zu sozialistischen Kämpfern machen – nur die Einsicht.

 

 

Ignaz Wrobel

Freie Welt, 19.12.1920, Nr. 48, S. 2-3.





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