Massary und Roberts


In einem Tal bei armen Hirten erschien mit jedem jungen Jahr, sobald die ersten Austern schwirrten, ein Mädchen, schön und wunderbar ... Für jede Frau ist eigentlich ein ganz besonderer Laut charakteristisch, den sie und nur sie hat: Manche müssen keifen, um ganz sie selbst zu sein, manche trällern und manche leise seufzen. Wenn man an die Massary denkt, stellt sich gleich diese Vorstellung eines tiefen Kehllauts ein, der alles Mögliche bedeuten kann: vor allem so viel Ironie. Es wäre ein Hauptspaß, einmal mitanzuhören, wie dieses Bündel überlegener Nerven auf acht verschiedene Liebeserklärungen reagiert ...

Aber ›Prinzessin Olala‹ soll weniger uns Vergnügen als dem Berliner Theater volle Häuser machen – und es ist sehr viel, dass sich streckenweise beides vereinigen lassen wird. Bei den Operetten muß ich immer an das alte Wort des nunmehr zu seinen Vätern versammelten Portiers des Deutschen Theaters denken: »Man hat sich so viele Mühe damit genommen gehabt!« Ein paar Mal glaubte ich die Meisterhand Rudolf Bernauers zu spüren, und wenn der liebe Gott klug ist, läßt er ihn am Auferstehungstag den Chorgesang der Engel textieren. Dann bleibt keiner liegen.

Ja, also die Massary kann alles, macht alles – und mit welcher Leichtigkeit macht sie es! Einmal hebt und senkt sie die Schultern und wackelt im Lied so ein bißchen mit – eine entzückende Parodie auf allen Operettentanz der Welt. Wofür man ihr immer wieder zu danken hat, das ist ihre Diskretion, die nie, nie über die Rampe haut. Was hätten Soubretten mittlerer Gattung mit dem durchaus auf Freud fußenden Chanson: ›Auf der Höhe der Situation‹ angefangen! (Das heitere Liedchen behandelt in populären Versen die Divergenz der Lustkurven bei den Geschlechtern. Na, lassen wir das.) Sie ist, wie stets, das Beste, was es in diesem Genre augenblicklich gibt – und der ihr so oft Kränze geflochten hat, möchte auch diesmal nicht verfehlen, ihr so viel gelbe Rosen zu überreichen, wie er nur kaufen kann ...

Sonst versank in solchen Stücken alles neben ihr. Da sie nicht schwächer, sondern eher stärker geworden ist, muß einer schon ein Kerl sein, dass man den ganzen Abend zwei Menschen auf der Bühne sieht. (Das ist übrigens ein Vorteil des Stücks und der Besetzung – welche Schauspieler mögen das wohl einsehen!) Dieser andre ist Ralph Arthur Roberts.

Eine solche Vereinigung guter Schauspielkunst und grotesker Körperkomik war noch nicht da. Man hat ihn oben am Schnürboden an Fäden aufgehängt, seine Gelenke sollten in Kollegs vorgezeigt werden, und wo er am Abend sein Schwergewicht läßt, ist noch nicht heraus. Einmal glitschte er über eine Apfelschale, mit einer Handbewegung entschuldigte er sich bei ihr, gab gleichzeitig zu verstehen, es sei gewissermaßen peinlich, dass Apfelschalen auf der Welt sind ... Die besten englischen Exzentriks haben keine ausdrucksfähigere Mimik in den Knochen. (Und das ist ein Lob. Wenn nur alles, was sich bei uns literarischer Schauspieler nennt, so viel Witz, so viel Begabung, so viel Ausdrucksfähigkeit hätte!) Auch er von bewundernswerter Diskretion – man hat noch im tollsten Überschwang den Eindruck: Ein Chevalier, der sich herbeiläßt. Ulk zu machen – ein Ruck, und er fällt wieder in die Menschlichkeit zurück. Man lacht über ihn nur, wenn er will. Auch ihm ein Sträußchen: aus Petersilie und edel geflochtenem Sellerie.

Am Schluß gab es eine boshafte kleine Monarchenverulkung – hier und da im Publikum stiegen leise Bedenken auf: Darf man auch darüber lachen? Nun, der Lehrer war grade mal herausgegangen, und so amüsierte sich die Klasse – wenngleich mit einem leisen Anflug von Gewissensbissen – erheblich.

Auch eine Musik kommt in dem Stück vor.

Die beiden aber ... Sie teilten jedem einen Zippel, dem Komik und dem Grazie aus – der Jüngling und der Greis am Knüppel, ein jeder ging beschenkt nach Haus!

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 29.09.1921, Nr. 39, S. 330.





 © textlog.de 2004-2019 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright