Bronislaw Malinowski,
›Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien‹


Bronislaw Malinowski ›Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien‹ (Grethlein & Co., Leipzig und Zürich). Das müßt ihr mal lesen.

Wissen möchte ich wohl, wie der englische Titel heißt – denn es ist aus dem Englischen übersetzt. Ob da auch dieses törichte Wort ›Wilde‹ steht? Nach dem Inhalt des Buches sollte man das nicht glauben. Der Mann hat eine vorbildliche Art, fremde Völker zu schildern.

Malinowski ist frei von den zwei großen Fehlern seiner Kollegen: die ältern messen, was sie sehen, nach Bond Street, dem siebenten Arrondissement, der Universität Heidelberg, und alle zusammen halten die verstaubten Grundsätze ihrer metaphysischen Warenhäuser für das einzig Wahre und Mögliche. So kommen sie zu lustigen Resultaten. Die Jüngern spielen ›O Bruder Mensch!‹ und fabeln sich da in Bali oder sonstwo wahre Zauberreiche zusammen, bei denen es einen nur Wunder nimmt, dass die hehren Urwesen, die dort wohnen, überhaupt aufs Töpfchen gehen. Malinowski macht das anders.

Er ist zunächst einmal von wundervoller Bescheidenheit. Er hat sozusagen klein angefangen: er hat jahrelang unter diesen Leuten gelebt, die nach seinen Schilderungen wesentlich weniger wild zu sein scheinen als etwa ein mittlerer berliner Börsenbesucher ... er hat unter diesen Leuten, südlich vom Bismarck-Archipel, westlich von Neu-Guinea, gelebt, hat langsam ihre Sprache gelernt und ist dann allmählich in ihr Leben eingedrungen, soweit das ein Fremder überhaupt kann. Aus der Fülle des Materials heben sich zwei Dinge klar hervor:

Daß es auf der Welt einen Stamm von Menschen gibt, die nicht an die physiologische Vaterschaft glauben. Das heißt, der hier beschriebene Volksstamm auf den Trobriand-Inseln hält die Geburt eines Menschen nicht für die Folge des Geschlechtsverkehrs. Zunächst muß im Leser die Annahme auftauchen: sie haben sich mit dem Forscher einen hübschen Spaß gemacht. Nein, sie haben sich keinen Spaß gemacht. Sie argumentieren allen Ernstes so: Ein Mädchen, das viel Geschlechtsverkehr hat, bekommt oft keine Kinder ... also? Eine häßliche alte Frau, die für uns alle nur ein Gegenstand des Spottes ist, hat ein Kind, sie kann keinen Verkehr gehabt haben ... also? Woher die Kinder kommen? Ein Geist bringt sie. Und das sind doch nun Bauern, Leute, die Vieh haben, wenn auch importiertes, die ihren Hunden zusehn! »Das weibliche Schwein pflanzt sich selber fort.« Es ist ganz erstaunlich. Wir wollen hier nicht den Fortgeschrittenen mimen, wir nicht. Denn sicherlich haben die Melanesier einen Schauwecker oder einen Jünger, der ihnen dartut, dass in diesem Mythos Blut und Erkenntnis zusammenstoßen ... oder was man so sagt.

Der zweite Punkt ist die Bestätigung einer Erkenntnis, die wohl als erster Lévy-Bruhl formuliert hat: dass die Sprache dieser Wilden unendlich kompliziert ist. Wie so vieles von dem, was man auf den Schulen lehrt, falsch ist, so ist es auch die Lehre von den Primitiven. Eine so unendlich komplizierte Sprache, die für alles und jedes ihre eignen grammatischen Formen hat, das soll man sich in Europa suchen. Wir hätten dazu keine Zeit; unsre Sprachen werden ja allesamt immer mehr abgeschliffen, der Genetiv verschwindet, die Auswahl an Tempora wird immer kleiner, der Konjunktiv fängt leider an, leicht komisch zu werden ... diese Leute da haben Verbalformen, die anzeigen, ob eine Tätigkeit schnell oder langsam ausgeübt worden ist, im Laufen oder im Sitzen, gern oder ungern – das beziehen sie ins Verb ein, es ist ganz erstaunlich.

Seht, die Wilden sind doch bessere Menschen ... ? Das nicht. Aber sehr rein und unverdorben sind sie; und das einzige, was in diesem Bilde stört, ist die Existenz christlicher Missionare. Man empfindet es als eine Frechheit, diesen Leuten unsre Moral zu predigen, und das ist es ja wohl auch.





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