Leerlauf


Es ist wunderbar. Sie lesen Bücher wie den ›Untergang des Abendlandes‹, sie hören Vorträge und halten die Zeitungen und sprechen täglich davon, wie eine Welt zerbröckelt ist: aber das Lebensgefühl der Leute ist von diesen Erkenntnissen gänzlich unberührt geblieben. Sie meinen, wenn sie so daherreden, das Wirtschaftliche. Aber sie, ihr eigner Haushalt, ihre Familie – das läuft weiter. Das hat damit wohl nichts zu tun, meinen sie.

Nun wird es ja wohl immer so gewesen sein, daß das Kleine fröhlich weiterlief, während das Große sich auflöste und neugestaltete – es ist wohl immer so gewesen, dass Weltereignisse den Hauskram des täglichen Lebens nicht erstickten, und dass die angebrannte Milch das Erlebnis ›Napoleon‹ bei vielen verdrängte – für den Tag. Große Dinge ereignen sich nicht mittags um zwölf Uhr zehn. Sie wachsen langsam.

Aber welche Lemuren –! Korpsstudenten, Reichswehrbehörden, Festivitäten, Kaufmannsreisen – man müßte glauben, alles sei quicklebendig wie zuvor. Und wenn auch Bayern tobt und durch Straßenspektakel ein Lebensgefühl vortäuscht, das ebenso wirblig wie unwirksam nach außen ist –: merken sie nichts? Merken sie nicht, wie all das unaufhaltsam versinkt, was sie angebetet haben, ein Leben lang? Wie ganze Betrachtungsweisen sachte untergehen, nicht mehr wirksam sind, wie wir geliebte Bücher nicht mehr lesen können, weil die Voraussetzungen nicht mehr stimmen, und wie Maupassant hölzern und tot und gestreckt wirkt, weil alles anders geworden ist unterdessen. Merken sies nicht –?

»So läuft ein Rad noch, wenn der Antrieb gehemmt wird«, steht im ›Gänsemännchen‹. Der Antrieb ist gehemmt, aber sie erfreuen sich am Lauf des Rads. Schnurrts nicht –?

Krampfhaft produziert die Provinz ein Deutschtum, dessen Basis längst dahin ist; krampfhaft faseln sie von der Wiedergeburt eines deutschen Geistes, den die deutschen Gründerjahre nach Siebzig schon zertrampelt hatten; sie aalen sich noch in den alten Formen, in den alten Liedern, in den alten Wegen. Und es ist doch aus, aus, aus.

Ibsen wird stockfleckig; keine Philosophie, die nicht zerdacht wäre – aber noch spielen sie Berlin gegen die Provinz aus, belachen Leichen und bejubeln Leichen. Es ist alles nicht mehr wahr.

Erschauernd fühlt mans alle Tage. Ein Vers, eine Erzählung, die Art, das Meer rauschen zu hören. Naturgefühl und Menschenbeurteilung, Ethos und Satire, Form der Liebesanknüpfung und staatliche Strafe – dahin, dahin. Es ist, wie wenn die Dinge den Pilz im Leibe haben. Noch stehen sie – aber sie sind schwammig und weich geworden. Und was nun –?

Was nun –? Viel wäre gewonnen, wenn sich die Erkenntnis Bahn bräche, dass Mitropa (du guter Schlafwagenkontrolleur Naumann!) ein Balkan geworden ist, ein teurer Balkan, ein belächelnswerter Balkan, ein beweinenswerter Balkan.

Hakenkreuz und Landgericht –: trumpft immer auf. Das völlig mißleitete Lebensgefühl eines Volkes, trügerisch orientiert, hat den Instinkt verloren, weiß nicht mehr, was es sich zutrauen darf, und spielt nun ein Stück weiter, zu dem das Publikum längst nach Hause gegangen ist. Jäh gähnt das hohle Theater – oben stehen weiß geschminkt die Puppen und spielen, spielen ...

Untergang? Ein Volk geht nicht unter. Es verlaust oder gruppiert sich anders. So wie auf den dünnen Blechen, wenn man sie mit dem Violinbogen anstreicht, die Sandkörnchen sich nur anders gruppieren. Ihre Menge bleibt konstant. Aber aus dem Fünfeck wird ein Rhomboid und aus dem Stern ein Kreuz.

Und aus uns –?

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 30.09.1920, Nr. 40, S. 373.





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