Das Leben der Termiten


»Dunkle Cypressen – Das Leben ist gar so lustig – Es wird doch alles vergessen.« Zum Beispiel der feierliche Boykott gegen Maurice Maeterlinck, den die deutschen Zeitungsleser ausstoßen mußten, als das Gesetz es – 1914 – befahl. Da hatte jener in nicht angenehmer Weise gegen Deutschland geschrieben; und die Gescholtenen wiederum kreideten ihm jeden Tantièmegroschen an, verlangend, er müsse gefälligst sein Herz an die Leipziger Konten hängen. Und Patrioten seien nur sie alleine. Und nie wieder würden sie ... ! Diese Schwüre sind, neben einigen andern, dahin. Trotz des Pen-Clubs: wir warten auf die nächsten.

Dieser von der deutschen Leserwelt auf ewig ausgestoßene Schuft, Landesfeind und Besudler deutschen Wesens hat im Verlage der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart ein neues sehr fesselndes Buch erscheinen lassen: »Das Leben der Termiten«. Das kleine Werk, in falscher Ausstattung dick aufgepustet, mit außergewöhnlich schlechten Bildern, ist leider nicht gut übersetzt. Es ist nicht möglich, dass ein Sprachkünstler wie Maeterlinck so trocken, so langweilig, so stumpf und so unlockend geschrieben haben soll. Das Deutsch ist das eines in vierzig Dienstjahren gefestigten Beamten. Die Übersetzung stammt von Käthe Illch. (Beiseite: was sich da neuerdings in der Übersetzerei, wie überhaupt in der Literatur, an Frauen breitmacht, das ist wenig heiter. Diese fatalen Dilettantinnen, mit ihrem »Das kann ich auch!« und: »Sie verdient sich auf die Weise noch ein paar Groschen dazu«, sind eine wirkliche Landplage geworden.) Ja, also die Termiten.

Das Buch ist unbedingt lesenswert, obgleich es ein Kompendium ist. Maeterlinck hat offenbar niemals selber die Termiten beobachtet – der Unterschied zu seinem Buch »La Vie des Abeilles« ist offenbar. Da hat er selber mit emsger Liebe, mit zärtlicher Sorgfalt, mit nimmermüder Geduld die Bienen tagaus, tagein beobachtet; hier hat er abgeschrieben, zusammengeschrieben – und so ist, was die tatsächlichen Schilderungen angeht, etwas sehr, sehr Fesselndes, aber recht Unpersönliches herausgekommen. Ist das Buch auf Bestellung gearbeitet?

Immerhin: ich habe bisher nicht einmal gewußt, wie der Singular von »Termiten« heißt (»die Termite«) – und vom wundervoll aufgebauten Leben dieser Tiere noch weniger. Wie sie Hügel von vier bis fünf Meter bauen, was auf menschlichen Maßstab übertragen einer Höhe von sechs- bis siebenhundert Meter entspricht; wie sie vermöge ihrer Darmfauna alles fressen können, was Zellulose enthält: Holz, ihre Abfälle, sich selbst ... ; wie sie systematisch Pilze züchten, deren sie zu ihrer Ernährung bedürfen; wie sie eine »Königin« als Eierfabrik aufpäppeln – und vor allem: wie ihre Arbeit, die von kieferbewehrten Soldaten gegen die Ameisen geschützt wird, den strengsten, den allerrigorosesten Gesetzen unterliegt, die man sich nur denken kann. Sie scheinen sich auch sehr anzupassen, und zwar paßt sich gleich die ganze Gattung an, nicht nur das Individuum, das es im Sinne des Wortes im Termitenhügel nicht zu geben scheint. Und von Verwüstungen wird erzählt: wie sie unhörbar, unsichtbar Häuser unterwühlen, Balken hohl fressen, Flaschen und Glasverschlüsse zernagen – und dabei lassen sie meist die äußere Form bestehen, so dass ein innen hohler Baum erst umfällt, wenn man ihn anrührt ... Es ist ganz herrlich, was es da alles gibt.

Davon erzählt nun Maeterlinck, der es alles fleißig zusammengesucht hat. Seine Fragen nach dem »Warum« sind nicht besonders tief – aber sie werden von ihm sehr vorsichtig, sehr bescheiden gestellt – er ist gleich weit von den scheußlich sichern Automobilbesitzern entfernt, für die es überhaupt keine Rätsel mehr gibt, wie von den kosmisch eingelullten Indern aus Glauchau, die vor lauter Gottesgedanken eine sehr schlechte Verdauung haben, oder umgekehrt. Nein, so treibt es Maeterlinck gar nicht. Sehr fein, wie er die Termiten als Teile eines Gesamtorganismus auffaßt: des Termitenstaates. Seine fast verzweifelte Frage: warum? zu wessen Nutzen? wofür? verklingt natürlich im Leeren.

Das wäre etwas für den alten Schopenhauer gewesen! Eine schönere Bestätigung seiner Lehre ist kaum denkbar, und all das monistische Volk, das ihm heute auf die Schulter klopft und ihn für so banal hält wie die eignen Brillengläser, kommt dagegen nicht auf.

Jedenfalls sind die philosophischen Fragen Maeterlincks sehr schön, weitaus wertvoller als die Schilderung, die uns nur stofflich packt.

Wenn Sie meinen, dass Sie auch einmal etwas über Termiten lesen müssen: dann lesen Sie dieses Buch.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 20.09.1927, Nr. 38, S. 462.





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