Es lebe die Gleichheit


Der Mond flirrt durch die Gassen,

er kann es nicht fassen.

Warum nur hängt denn ganz Berlin des Nachts die Fenster zu?

Der Mond schickt seine Strahlen,

die hellen und fahlen,

durch Jalousie und Spitzenstore und sagt dann nur: Nanu?

In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

Mit den Röllchen und der Miederschnur

fällt die ganze Tagespolitur ...

In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

Börse und die Politik, o Graus,

wie sehn die all im Nachthemd aus!

 

Herr Ebert prustet nächtig,

sein Bauch stört ihn mächtig,

er nimmt sich die Bandagen ab, die ihm der Arzt empfahl ...

Und wenn die Herrn Kollegen

zu Bette sich legen,

dann träumt das ganze Kabinett in Ängsten von der Wahl ...

In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

Mit dem Gehrock und dem Schappoklapp

fällt die ganze Reichstagswürde ab ...

In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

Ebert! Menschenskind, du altes Haus!

wie siehste bloß im Nachthemd aus!

 

Der schwarze Balkanschieber

im Adlon im Biber

an seines Königs Namenstag, da wäscht er sich gar sehr.

Das Mädchen seiner Lüste

sieht abends die Kiste,

seit der da keinen König hat, da wäscht er sich nicht mehr ...

In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

Mit dem Gehpelz und dem Kuttaiwaih

bricht gar oft der schöne Wahn entzwei ...

In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

»O mein werter Herr!« so spricht die Maus,

»wie sehn Sie bloß im Nachthemd aus!«

 

Der große Filmdirektor,

des Abends, da steckt er

den Schlüssel in der Diva Tür, die nimmts nicht so genau –

Doch unter ihren Decken,

da sagt er voll Schrecken:

»Na, wenn ich so was haben will, geh ich zu meiner

Frau!« In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

Abends werd'n die Menschen weich und schlapp,

das hängt alles von der Dame ab ...

In der Nacht, in der Falle weich, Falle weich,

in der Nacht sind sie alle gleich, alle gleich!

Gehn sie heute abend nun nach Haus:

wie sehn sie all im Nachthemd aus!

 

 

Theobald Tiger

Drei-Masken-Verlag, Berlin 1920, S. 3.





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Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
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