Le Brelan de Joie


Vor mir liegt die 157. Auflage des Buches von Marcel Arnac: »Le Brelan de Joie« (bei Bernard Grasset in Paris, 61 rue des Saints-Pères). Der Titel ist unübersetzbar, übertragen heißt er etwa: Zum vergnügten Kümmelblättchen. Das ist eine sehr lustige Sache.

Geschrieben in dem verschnörkelten und altertümelnden Stil verschollener Schwarten, aber so modernisiert, dass kein philologisches Kunststück, sondern ein guter Spaß entstanden ist, schildert es die Erlebnisse dreier Saufkumpane auf einer Reise durch alle Kneipen des Landes. Der Verfasser muß sehr viel und sehr lange in dieser heute verschollenen Literatur der Bauernspäße, Eulenspiegeleien, Farcen und Historien gearbeitet haben, denn da steht ihm eine erstaunliche Fülle von Wörtern, Redewendungen, Schnurren, ohnanständigen Witzen und Rüpeleien zur Verfügung. Für jeden in das Gebiet der Völlerei fallenden Begriff weiß er hundertunddrei Worte, für jeden saftigen Witz anderthalb neue, für jede kleine Ferkelei eine große Moral, und das Ganze schäumt über von Laune, von einer angenehm unprätentiösen Spaßigkeit. Vielleicht ist das Buch um fünfzig Seiten zu stark; aber es ist an keiner einzelnen Stelle zu stark. »Ich weiß nicht ... « sagt ein Bauernmädchen zu den drei Kumpanen, die sich als Gaukler verkleidet haben, »ihr wißt doch alles ... Ich glaube, ich fühle mich Mutter. Was wird das werden –?« – »Seit wann ?« forschen die Männer der Jahrmarktswissenschaft. »Na«, sagts Mädchen, »jetzt ists halb elf: seit Viertel –!« In diesem Stil.

Es wimmelt von lustigen Wortspielen, von Anekdoten – »Dabei fällt mir die Geschichte von dem Mann ein, der ... « –, die drei Kerls begehen die unglaublichsten Streiche, und keiner ist ganz naiv, weil immer ein Zwinkerer verrät, dass Autor und Gesellen wohl wissen, was sie da anrichten. Es wird ein bißchen viel gesoffen, geschlungen, geküßt, auf nackte Hintern geklopft, den Weibern unter die Röcke geguckt, in Chausseegräben gefallen, um –, aus- und angezogen, gelogen und geschimpft, geschrien und wieder von vorn: gesoffen in diesem Buch. Manchmal erwischt einer das große Thema des Lebens an der Stirnlocke: Ehe oder Glück oder Wein – und dann gibt es Monologe wie in Büchners Stücken oder wie bei Papa Shakespeare, seitenlange, kreuzbesoffene und nachdenkliche Kollegs, nach denen man nur Luft schnappen kann. Auch die witzige Technik, einen Begriff mit zwanzig Wörtern aufzurollen, wird oft angewandt.

Das Buch ist illustriert; die kleinen Zeichnungen erinnern merkwürdig an die von Uzarski, einem Bücherschreiber, der in Deutschland als Humorist verkauft wird.

Dies aber ist ein angenehm unterhaltsames Buch, mit seinen tausend Mottos (darunter eins aus dem Kleinen Witzblatt) und einem selbstgeschriebenen Waschzettel, auf dem alle Größen der französischen Literatur – auch die toten – dem Verfasser sein Talent und ihr großes Vergnügen attestieren, dieses »livre de bonne foy« haben lesen zu dürfen. (Während ich schreibe: 200. Auflage.)

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 24.02.1925, Nr. 8, S. 295.





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