Kritik der tausend Nasenlöcher


Als ich noch dem dicken Napoleon des Cabarets: Rudolf Nelson Texte für seine kleinen Revuen schrieb, da war ich noch jung und hatte an manchen Abenden nichts zu tun. Und da ging ich denn in sein Theaterchen.

Oben, im ersten Rang, gleich links neben der Bühne war immer eine kleine Loge frei; in der saß nie jemand, man konnte nämlich von dort überhaupt nicht auf die Bühne sehen. Wenn man sich so weit über die Brüstung beugte, dass man um ein Haar herausfiel, dann sah man grade noch ein paar lange, schlanke Beine. Und die Rampenlichter. Sonst nichts. Auf diesem Platz saß ich viele, viele Abende – und da habe ich mehr über das Wesen des Theaters gelernt als in mancher wichtigen Premiere, über die ich nachher referieren mußte. Ich sah nicht die Bühne, das ist wahr. Aber ich sah etwas anderes: ich sah das Publikum.

Wenn man einmal den Standpunkt wechselt und im Theater das als Theater ansieht, was zusieht und nicht, was gesehen wird, dann sieht das ganz anders aus. Auch im Parkett sitzen Akteure – und was für welche! –

Da ist zunächst die Wirkung des Stücks. Wenn man es halb auswendig kennt – sei es nun ein klassisches Stück oder so ein Revuespaß – wenn man schon immer weiß, was kommt, dann ist es lustig, das Publikum zu beobachten: es ist wie im Zoologischen Garten: was wird der Bär tun, wenn man ihm eine Banane durchs Gitter reicht? Er wird sie fressen ... nicht immer ... manchmal wird er sie beschnüffeln und dann verächtlich liegen lassen – manchmal stellt er sich brummend auf die Hinterbeine, wie wenn er Danke sagen wollte ... weiß Gott, wovon das abhängt. So auch das Parkett.

Es ist durchaus nicht alle Tage gleich. Manchmal ›sitzen die Herrschaften auf ihren Händen‹ – sie klatschen nicht, ums Verrecken nicht – niemand weiß, warum. Manchmal gibt es bei jedem Effekt ein Riesenhallo – Pointen, Auftritte, Abgänge, die noch am Abend vorher wirkungslos vorübergegangen sind, entfesseln nun ein Theater im Theater – kein Mensch weiß, warum. Das Merkwürdige ist, dass diese unwägbare ›Stimmung‹ sich fast immer sofort, schon zu Beginn des Abends einstellt – und so bleibt sie auch meistens. Daß das Publikum sich abkühlt, kommt oft vor: dass es im Verlauf des Abends auftaut, sehr selten. Kein Mensch weiß, warum.

Aber es ist nicht nur die Wirkung. Es ist da noch etwas anderes.

Da sitzen sie mit hochgezogenen Brauen ... Nun, ich sehe gewiß nicht geistvoller aus, wenn ich da so sitze – aber von der anderen Seite her gesehen, reizt es zur hemmungslosen Freude. Das erste, was du siehst, sind lauter Nasenlöcher. Viele hundert schwarze, kleine Nasenlöcher. (Manchmal sind sie durch einen Finger besetzt. Ist selten, kommt aber vor.) Und wie beim Boxen sich die Temperamente hemmungslos entfalten, das wirkliche Seelengerüst des Boxers ganz freilegend, so sind hier, im Halbdunkel des Theaters, die Leute im Parkett ganz sie selber.

Einer frißt die Bühne mit den Augen auf – dann kann man darauf schwören, dass die Schauspielerin da oben ihre Ur-Rolle erfüllt, jene, die sie von Anbeginn der Welt an gehabt hat: den Männern Lust zu bereiten. Jeder solcher augenfressenden Zuschauer ist in diesem Augenblick der Held des Stücks; er umwirbt jene; besitzt sie; verliert sie ...

Einer sitzt da, zurückgelehnt, bedächtig. »Na, wollen mal sehen, was sie mir hier alles vormachen ... « Er ›gibt sich nicht hin‹ – er ist und bleibt Herr Direktor Kleinschmidt, hat sich keine Spur verwandelt, ist Bürger, gezahlt habender Zuschauer oder Freiberger – und will nun für seine Eintrittskarte: Ware. Das ist ein sehr gefährliches Publikum. Einen Schritt weiter und wir haben jenen, der bei der Premiere, als sich der Vorhang über einem Zimmer erhob, zu einem Nachbar vernehmlich murmelte: »Schon faul –!«

Einer schläft. Doch, das gibts. Es gibt Leute, die, müde von der Tagesarbeit, überlastet, gehetzt, durch diesen in Deutschland üblichen unsinnig frühen Theateranfang – vor dem Abendbrot! – im Theater ein kleines Nickerchen machen ... wie sie so sanft ruhen ... Beifallsklatschen läßt sie aufschrecken, und da merken sie erst: sie haben es überstanden. Dergleichen ist häufiger, als man denkt.

Daß sich Liebespaare, eng ineinander verschränkt, furchtbar streicheln –: das trägt man wohl in den besseren Theatern nicht mehr. Natürlich kam es vor – aber es ist nicht die Regel. Gott sei Dank.

Wunderbar ist zu sehen, wie Mama und Onkel Erich und Fritzchen und Doktor Kalkbrenner – wie sie ihr Ich dem Stück entgegenstemmen, ohne es zu wissen; wie sie doch ihre ganze Welt mitgebracht haben, denn ohne sie könnten sie ja nichts aufnehmen, sie verständen gar nichts. Daher man bei einiger Kenntnis dieser vielen ›Ichs‹ einigermaßen genau vorhersagen kann, was als ›peinlich‹ empfunden wird, was als ›urkomisch‹ (Klischeeausruf: »Sieh doch bloß mal sein Gesicht – –!«), was als tragisch und was als rührend. Das weiß jeder Theaterkenner ganz genau. Am Abend kommt es dann ganz anders.

Das berliner Publikum ist ein gutes Publikum und ein schlechtes Publikum.

Gut: weil es (auf die Dauer) unerbittlich ist, es läßt sich nicht sehr lange bluffen – diese Stadt ist nicht sehr dankbar, aber sehr frisch, und sie verlangt etwas für ihr Geld. Mit Recht. Man muß hier kämpfen, um oben zu bleiben – in Wien genügt es, einmal nach oben zu kommen – da bleibt man dann. In Berlin nicht.

Es ist ein schlechtes Publikum, weil es viel naiver ist, als es glaubt, und sich dieser Naivität schämt. Franzosen kann man noch in den kleinsten Theaterställchen mit ganz einfachen Dingen hinreißen – der Berliner will ›was Neues‹ – er will oft Nervenreiz, nicht immer Nervennahrung. Daher diese verkrampfte Hetze der berliner Theater nach der neuartigen ›Wirkung‹, die sich oft bald totläuft.

Da sitzen sie.

Da sitzen sie und stecken die Nasen in die Luft, wittern, schlürfen ein, lauern, wollen packen, mit den Zähnen zerreißen, das fremde Leben in sich einsaugen, Publikum und Schauspieler ergänzen sich zu einer Einheit (weshalb es nichts Wahnwitzigeres gibt als eine Theaterprobe am Vormittag, bei der man stets glaubt, in einem braven Irrenhaus zu sein – ): Theater ist eine Zweiheit. Der eine Teil macht vor.

Der andere sitzt da, sieht, hört, nimmt auf, streckt die Saugfäden aus, reißt die Nasenlöcher auf, fühlt sich: Masse, stöhnt mit dem Helden, tanzt mit den Girls und ist allemal der wahre Inhalt jeden guten Theaterstücks.

 

 

Peter Panter

Magdeburger Generalanzeiger, 26.03.1930.





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