Kritik als Berufsstörung


Auf meinem Nachttisch lag einmal ein Buch von O. Henry, das hatte Paul Baudisch übersetzt. Mir gefiel die Übersetzung nicht, ich tadelte sie, und Baudisch erwiderte. Von zwei Seiten kam ihm Rekurs, beide Male von Schriftstellern, deren fachliche Kenntnis sie dazu berechtigten. Stephan Ehrenzweig erwiderte im ›Tagebuch‹, mein Rat an die Verleger, sich hinfürder einen andern Übersetzer auszusuchen, ginge etwas weit, »weil dieser Rat sozusagen aus der jeder Erörterung zugänglichen beruflichen in die keiner Erörterung zugängliche geschäftliche Sphäre« vorstieße; zum andern protestierte brieflich ein von mir sehr geschätzter Dichter, Hans Reisiger aus München, der schrieb, es ginge doch nicht an, einem hochbegabten und gewissenhaften Übersetzer mit ein paar allgemeinen Worten so von oben her das Geschäft zu verderben.

Über Paul Baudisch läßt sich diskutieren: ich glaube, damals an Beispielen gezeigt zu haben, dass er seine Sache nicht gut gemacht hat, doch lasse ich mich da gern eines Bessern belehren; auch weiß ich, dass es wesentlich schlechtere Übersetzer als Baudisch gibt. Worüber sich aber gar nicht streiten läßt, das ist die Auffassung, Kritik dürfe keine Berufsschädigung hervorrufen. Das ist ein ernstes Kapitel.

 

Die Industrialisierung der Literatur ist wie die aller Künste nahezu vollkommen – Außenseiter haben es sehr, sehr schwer. Was die deutsche Buchkritik anlangt, so ist sie auf einem Tiefstand angelangt, der kaum unterboten werden kann. Das Lobgehudel, das sich über die meisten der angekündigten Bücher ergeußt, hat denn auch zur Folge gehabt, dass die Buchkritik kaum noch irgend eine Wirkung hervorruft: das Publikum liest diese dürftig verhüllten Waschzettel überhaupt nicht mehr, und wenn es sie liest, so orientiert es sich nicht an ihnen. Die einzige sichtbare Wirkung, die wir noch ausüben, ist die Wirkung auf den Kommissionär: auf den Verleger. Der wiederum beachtet die Kritik, von der er doch weiß, wie sie in den meisten Fällen zustande kommt, viel zu sehr, er läuft den gelobten Autoren nach und den getadelten aus dem Wege. Die unmittelbare Wirkung dieser Kritiken auf den Absatz der Bücher veranschlage ich nach meinen Erfahrungen als sehr gering: ein Reisebuch von mir hat eine sehr gute Aufnahme bei den Kritikern gefunden und geht nicht, und das Buch, über das die meisten meiner Kritiker wie die Wilden hergefallen sind, ist einer meiner größten Erfolge.

Ich glaube aber, daß, wenn sich Absatzwirkungen zeigen, sie dann eben Wirkungen der Kritik sind, die mit der Besprechung auf das innigste zusammenhängen und von leidenschaftlichen Kritikern mit vollem Recht beabsichtigt werden. Der Kritiker will eine bestimmte Literaturgattung fördern, also bearbeitet er Publikum und Verleger; er will eine andre Gattung schädigen, dann tadelt er sie. Warum also soll es einem Kritiker verwehrt sein, sich auch unmittelbar an denjenigen zuwenden, der erfahrungsgemäß seine Kritiken am meisten zu beachten pflegt? Ich kann darin nichts Unerlaubtes sehn.

Doch sind wir leider soweit gediehn, dass Kritik nur noch als Berufsförderung oder Berufsstörung angesehn wird, und so wird denn auch der Kritiker gewertet. Lobt er, ist er für den Belobten ein großer und bedeutender Kritiker; tadelt er, so ist er für den Getadelten ein Ignorant und taugt nichts. Besonders die Schauspieler haben es in dieser Kritik der Kritik zu einer großen Virtuosität gebracht: derselbe Kritiker gilt ihnen heute als allererster Meister und morgen, weil er getadelt hat, als letzter Murks.

Die Verfilzung in der Literatur ist schon groß genug; wir wollen wenigstens ein paar Inseln beibehalten. Die Literaturkritik ist sehr oft korrupt, bestechlich ist sie nicht. Sie gibt das billiger.

Die Herren Tadler sind noch Lichtblicke im literarischen Leben. Aber die Hudler des Lobes ... Ich habe mich oft gefragt, was denn diese Leute bewegen mag, jeden Quark mit dem Prädikat ›bestes Buch der letzten siebenundfünfzig Jahre‹ auszuzeichnen. Ich glaube, einige Gründe gefunden zu haben.

Es ist bei den meisten eine Art Geltungstrieb, der sich da bemerkbar macht. Fast jeder Kritiker hält sich in der Viertelstunde, wo er seine Kritik aufpinselt, für einen kleinen Herrgott. Ein besonders übles Exemplar dieser Gattung hat einmal gesagt: »Ich wollte ja die Buchkritik längst aufgeben. Aber –« er sprach Dialekt, »aber man gibt doch nicht gern 's Peitscherl aus der Hand!« Es ist der Machttrieb. Ich habe ihn nie begriffen. Was ist denn das für ein Cäsarentum, das sich darin sonnt, wie hundert junger Autoren gelaufen kommen und um eine Besprechung bitten; wie sie den großen Meister, dessen Werke man so bewundere, anflehen ... und die ganze türkische Musik. Und dann also setzt sich jener hin und verleiht kleine Nobelpreise, sehr von oben herunter – er nennt das: fördern.

Der Geltungstrieb hat auch gesellschaftliche Ursachen.

Es gibt eine Menge von Literatur-Kritikern, die mit den in Frage kommenden Autoren gesellschaftlich verkehren; es ist ja so schwer, jemand zu verreißen, mit dem man öfter zu Abend gegessen hat. Man trifft ihn doch wieder ... Und diese Kritiker wollen sich durch einen Verriß ihre Salonkarriere nicht verderben – sie möchten nun einmal dazu gehören, sie wollen dabei sein, eingeladen, umschmeichelt werden ... und so loben sie denn den gewaltigsten Quark, wenn ihn eine wohlhabende Frau geschrieben hat; wenn der Autor ein Auto hat; und vor allem: wenn er Beziehungen hat. Und hier sitzt das Grundübel der literarischen Verfilzung.

Neulich hat sich in der ›Frankfurter Zeitung‹ ein Verleger über den Typus des Mittelsmanns beklagt, der durch seine Hin- und Herträgerei zwischen Autor und Verlag Geld schlucke, die Autoren verdreht mache und überhaupt viel Unheil anrichte. Tatsächlich ist die industrialisierte Literatur ein großer Klub, und es liegt im Geschäftsinteresse fast jedes Autors, dazu zu gehören, dabei zu sein, mitgezählt zu werden. Dem kann man sich nur sehr, sehr schwer entziehen, dazu gehört viel Unabhängigkeitssinn. Die meisten haben ihn nicht. Ich will gar nicht einmal von den Wanzen des literarischen Hotels sprechen; von den Leuten, die eine Idee haben (»Ich sage bloß: Lindbergh«), und die nachher furchtbar kreischen, wenn irgendwo irgendwann von irgendwem ein Buch über Lindbergh erscheint. An dieser Börse will keiner fehlen. Und um sich zu legitimieren, lobt er – wahllos, unterschiedslos, alles durcheinander, und es ist ein Jammer, wie selbst tüchtige Schriftsteller dieser Seuche zum Opfer fallen. Wobei der freundliche, kleine Trick erwähnt sein mag, die Freunde der nähern literarischen Umgebung oder den Autor des sonst zu lobenden Buchs als bereits anerkannte und wichtige Großen so zu zitieren, dass sich der geängstigte Leser denken muß: Und diesen offenbar doch weit bekannten Mann kenne ich noch nicht? Eine unmittelbare Korruption ist in solchen Fällen niemals nachzuweisen; beweisen Sie einmal, dass der Kritiker anders geurteilt hätte, wenn er auf seine Beziehungen nicht solchen Wert legte. Das kann man nicht beweisen.

Und da meine ich: wenn getadelt wird, dann mag jedes Argument gegen den Tadler gelten: du hast den Autor nicht verstanden; du hast den Übersetzer unterschätzt; du bist nicht legitimiert, zu tadeln – alles, alles. Aber ein einziges Argument gilt nun mal bestimmt nicht: deine Kritik kann dem Getadelten wirtschaftlich schaden, ja, du hast gradezu seine Auftraggeber aufgefordert, ihn nicht mehr zu beschäftigen – er hat aber Frau und Kind ... Also das geht nicht. Ich will dem Mann schaden, wenn ich ihn tadele. Ich will die Leser vor ihm warnen und die Verleger auch – ich will aus politischen, aus ästhetischen, aus andern offen anzugebenden Gründen diese Sorte Literatur mit den Mitteln unterdrücken, die einem Kritiker angemessen sind. Das heißt: ich habe die Leistung zu kritisieren und weiter nichts. Aber die mit aller Schärfe.

Hätte mein Lob unmittelbare wirtschaftlich erfreuliche Folgen für den Gelobten: es wäre mir gleichgültig. Das ist eine für jenen angenehme Folgeerscheinung. Aber schließlich ist ja der Kritiker nicht dazu da, der Frau des Romanverfassers Piepenbringk die Anschaffung neuer Schlafzimmervorhänge zu ermöglichen. Lasset uns denn weiterhin unbeeinflußt von der Klüngelei kleiner Gruppen, die den Salon reicher Börsianer für einen Salon halten, und außerhalb jener Lobesversicherungsgesellschaften auf Gegenseitigkeit das sagen, was wir über die Bücher zu sagen haben.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 17.11.1931, Nr. 46, S. 749.





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