Krankheit und Besserung


»Wenn wir Berliner eine Lust entfachen, Dann jehn wir feste ran (Verschtehste: Schwung!)«


Die Worte, die Hans Landsberg über die neuberlinische Unkultur vor einiger Zeit an dieser Stelle sagte (»Berliner Tageblatt« Nr. 460 vom 30. September 1919), waren, wie sich aus zahlreichen Zuschriften ergab, vielen Menschen, denen es vergönnt ist, in dieser Stadt zu leben, aus der Seele gesprochen. Sie gelten natürlich nicht für alle Berliner; es gibt zum Glück noch immer eine, auch der Zahl nach, sehr anständige Minderheit. Die andern aber, die sich nicht mehr Spreeathener, sondern Pankeleute nennen sollten, lieben nicht zufällig den Kino heiß und innig: auch bei ihnen ist es gleich, was gespielt wird, wenn nur die Aufmachung schick ist. Gut braucht sie nicht zu sein.

Bei ihnen ist alles auf das Roheste, auf das Dickste, auf das Simpelste gestellt. Auf Geld. Auf öffentliche Anerkennung. Auf weite Bekanntschaft. Auf »Beziehungen«. Und was das schlimmste ist: jene Unsicherheit, jene Unsolidität, die früher Schieberkreise auszeichnete, die man kannte und mied, hat sich heute tief in das Bürgertum hineingefressen; das alleräußerlichste Leben, das keine Flecken meidet, findest du heute zuweilen in Familien, die noch vor zwanzig Jahren dergleichen weit von sich gewiesen hätten. In diesem Falle haben die Großmütter recht.

Wären die Enkel lasterhaft! Sie sinds nie und nimmer. Sie sind bestenfalls unanständig, in Charakter und Lebensführung, aber immer von einer Bürgerlichkeit, die doppelt übel anmutet, weil sie nur an Sonnund Festtagen getragen wird. Über den Bürger läßt sich diskutieren – der verdorbene Bürger ist eine üble Erscheinung.

Die Stadt ist krank. Alle haben das erkannt, fühlen ihr den Puls, geben ihr kleine Pülverchen ein oder belächeln die Krankheit, die sie im Grunde sehr reizvoll finden. »Der gnädigen Frau kleidet das Blaß so nett!« – Ich kanns nicht finden.

Die Person wird anämischer von Tag zu Tag. Denn es ist ja kein Kraftüberschuß vorhanden, der die Leute toben läßt und uns vergessen macht, in welcher Zeit und in welchem Jammer wir eigentlich hierzulande leben. Es ist der Rausch einer nervösen und körperlich heruntergekommenen Person. Und Hans Landsberg und Hunderte mit ihm rufen nach dem Doktor.

Ihr habt ihn im Haus. Mit Plakaten ist das nicht getan und nicht mit lehrhaften Predigten und nicht mit moralischen Entrüstungsstürmen und nicht mit Traktätchen. Mit denen schon gar nicht. Fangt bei euch selber an! Ihr habt den Arzt im Haus.

Es muß sich ermöglichen lassen, dass eine Reihe guter alter Familien sich von dem Krankheitsdunst frei macht. Es muß sich ermöglichen lassen, dass sie sich, in deren Salons eine alte, feine Geistigkeit früher einmal zu Hause war, auf ihre Vergangenheit besinnen und grundsätzlich alles von ihrem Umgang ausschließen, »wat mit Schwung« Betrieb macht. Es geht. Aber es muß einer den Anfang machen.

Besäße heute ein kleiner, aber einflußreicher Kreis den Mut, sich bewußt von der berlinischen Riesenschaukel loszumachen, auszusteigen, nicht mehr mitzutun – vielleicht könnte er den Grundstein zu einer bessern Kultur legen. Aber ein Verein darfs nicht sein, kein Klub, keine snobistische Gründung. Derlei kann aus einer starken Familienfreundschaft zweier, dreier Geschlechter wachsen, die ihren Einfluß weite Kreise ziehen lassen. Sie müßten nur erbarmungslos sein.

Sie müßten nur sagen: Wir wollen keine Schieber in unsern Zimmern haben. Keine Leute, die morgen nichts und übermorgen viel und überübermorgen alles haben. Keine, die die Scheinkultur einer größenwahnsinnig gewordenen Äußerlichkeitswelt anbeten und danach ihr Leben regeln. Keine, die sich geschmeichelt zur Ehre anrechnen, mit irgendeinem »Star« verkehren zu dürfen; keine, die spielen; keine, die nicht wissen, was ein stilles Buch und eine stille Stunde bedeuten.

Freilich, man kann sich damit nicht »zeigen«. Man wird nicht fotografiert. Man kommt nicht in die illustrierten Zeitungen. Man ist, mit einem berlinischen Wort, überhaupt keine »Nummer«. Haltet ihr das aus –?

Wers aushält, mag vorangehen. Wers aushält, mag einmal seinen Freunden zeigen, dass es auch ohne diesen ganzen Lärm und Schwindel geht, dass man besser, gesünder, billiger, vernünftiger und vor allem menschlicher lebt als das Rudel Spektakelmacher, die heute den Ton angeben – und was für einen Ton!

Gute Hausmusik, um ihrer selbst willen ausgeführt, Freude an Bildern, die nicht der letzte Expressionisterich gemalt hat, stille Freude an aller Kunst – und vor allem Freude an edelm Menschentum der andern: sie mögen solche Dinge pflegen.

Kennt ihr das stille Schmunzeln, das einen im Kino ergreift, wenn wir sehen, wie sich der Berliner erwähnter Sorte die Welt vorstellt? Wie er sich die vornehme Welt vorstellt, die großen Damen, das Leben auf Schlössern, in Sälen, am Badestrande? Es ist immer wieder die Panke – laßt mich die einzelnen Gegenden an ihren Ufern nicht näher bezeichnen. Aber Panke bleibts.

Macht einen Anfang. Geht in euch. Tut keine Buße – aber beginnt wieder zu leben. Und denkt an das schöne Wort des gefallenen Hermann Löns: »Die Füße fest auf der Heimaterde, aber die Gedanken darüber: so soll es sein.«

Es wird an uns sein, diese Heimaterde sauber zu erhalten.

 

 

Peter Panter

Berliner Tageblatt, 03.11.1919, Nr. 521, S. 2.





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