Die ägyptische Königstochter


Mechtild Lichnowsky war in Ägypten. Lassen wir einmal die Dame beiseite, und sehen wir, was sie schrieb. Sich. Allemal sich.

Denn das ist bei allen Reisebüchern so, die jetzt in Massen geschrieben werden: der Schreiber sieht nicht das Land, nicht die Leute – er sieht nur sich. Nicht so, wie der Schmock, der Indien mit seinen uninteressanten Augen bereist – sondern instinktiv sieht wohl jeder von uns doch immer nur mit seinen Augen; und wenn man das nicht übermäßig betont, sondern nur ab und zu die Subjektivität aller Beobachtung zugesteht, dann kommt schon das Richtige heraus. So war es ja auch bei den Büchern, die Fischer schreiben ließ.

Die Lichnowsky sieht – ein Ägypten, zwei Ägypten, viele Ägypten. Erstens das Cook-Ägypten, zweitens das erlernte Ägypten, drittens ... und so fort, und so jeden Tag ein neues Land, für das sie ihrem Schöpfer immer wieder aufs neue dankt.

Außerdem aber kann sie schreiben. Und denken. Und sehen. Kurz: keine Frau. Sie erinnert sich an ihre Jugendzeit – vermutlich in Arco-Zinneberg, Tirol, am Inn. »Mein persönlicher Mond, der sich im Inn gespiegelt hat ... « Es ist die rührendste Stelle des Buches, für mich – und ihr werdet gewiß jeder eure rührendste Stelle herausfinden.

Sie hat ein eigenes Verhältnis zu all den Dingen, sie überläßt die andre Welt den Kellnern und schließt doch einmal im Tempel die Augen und sagt: Liebe, liebe Menschen ... ! Und liebt das Leben und ihre alten Geschichtszahlen und die Käfer und ist doch keinen Augenblick sentimental. Sondern sehr klug und liebenswürdig, und läßt immer soviel ungesagt, wie nötig ist, um einen Kulturmenschen noch interessiert zu erhalten.

Und ob es nun Assuan ist oder die Antiquare in Kairo oder der Abschied: wir sehen doch, dass einer nur Kultur hat, wenn er irgendwo wurzelt, nicht klebt; wenn er jederzeit fühlt, nicht gefühlvoll ist; wenn er immer bewundert, nicht sich wundert; wenn er ein Mensch ist mit einer Krone, ohne sich als die Krone der Schöpfung zu fühlen.

Lichnowsky – Frauennamen ohne Artikel klingen so schön männlich – würde nun sagen: Also ein Grund, mein Buch, das bei Rowohlt in Leipzig erschienen ist, zu kaufen. Und damit hätte sie recht.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 28.08.1913, Nr. 34, S. 826.





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