Das ist klassisch!


Nestroy auf der Bühne ... Fritzi Massary erzählte einmal, wie sie nach der modernen Neueinstudierung eines Klassikers einen alten würdigen Herrn aus ihrer Loge aufstehen sah. Er drehte sich zu einem hinter ihm sitzenden heftig applaudierenden jungen Mann um und sagte zu ihm bedeutungsvoll: »Armer junger Herr! Sie wissen nicht, wie das gespielt werden muß!« Und verließ das Lokal. Das ist eine schöne Geschichte.

Die übrigens trefflich auf Nestroy zu passen scheint. Wenn man die raschen Urteile der meisten Theaterkritiker – besonders in Norddeutschland – liest, die Johann Nestroy für einen überlebten Possenreißer mindern wiener Genres zu halten pflegen, dann freut man sich doppelt, dass Egon Friedell die Rosinen aus Nestroys Konditenbäckerei gesammelt hat. (›Das ist klassisch!‹ Nestroy-Worte, Wiener Drucke 1922.)

Karl Kraus, den Friedell natürlich zitiert, hat ja schon früher in einem Sonderheft der ›Fackel‹ diese Aussprüche gesammelt und mit einem wundervollen Vorwort versehen: ›Nestroy und die Nachwelt‹. Da steht zu lesen, welch ein ›Fetzen Shakespeare‹ dieser Mensch gewesen ist, wie – besonders in der fulminanten Sprachtechnik – Wedekind an ihn grenzt, und was er für eine Art Witz gehabt hat. Ein ›geölter Blitz‹ – das Wort paßt hierher: denn es ist Urkraft, mit allen Mitteln eines modernen Gehirns gelenkt.

»Es glaubts kein Mensch, was der Mensch alles braucht, bis er halbwegs einem Menschen gleichsieht.« Und: »Der Radibub bricht auch mit seiner Geliebten, versöhnt sich aber hernach; doch wenn der Mann von Ehre bricht, dann ist der Bruch auf immer gebrochen; dieses ist der Hauptunterschied zwischen dem Manne von Ehre und dem Radibuben.« – »Einen Gang hat s', als wie eine Prozession, die aus einer einzigen Person besteht.« Und: »Beim Iffland, o je, da lamentieren die Familien aktweis, dass man ganz hin werd'n möcht – und um was handelt sich die ganze Verzweiflung? Um 200 Gulden-Schein. Wenns den Bettel im Parterre zusammenschießeten und hinaufschickten, so hätt eine jede solche Komödie im ersten Akt schon ein End.« Kürzer, man kann nicht. (Man denke übrigens an unsre Sexualstücke, wo ein auf die Bühne hinaufgesandtes Bett den gleichen Dienst täte.)

Es sind ein paar reizende Rollenbilder Nestroys in dem Büchlein. Wer kann das heute noch bringen?

»Junger Herr, Sie wissen nicht, wie das gespielt werden muß!« Schade – wir hätten es gern einmal gesehen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 12.10.1922, Nr. 41, S. 399.





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