Joachim der Erste (genannt Ringel)


Die Textmacher der illustrierten Blätter haben den Titel ›Dichter‹ erfunden. Da ist zu sehen: »Der Dichter Heinrich von Torfkopp in seinem neuesten Pebecco-Wagen« sowie: »Bildnis des Dichters Wildfisch in seiner schloßartigen Wohnung am Pietzensee« und so fort. Ich meine, dass diese Betitulierung etwas dümmlich anmutet, und man sollte das fortlassen. ›Die Tänzerin Lore Sellerie‹ ist nicht immerzu Tänzerin, sondern hat nur ein Engagement abgezogen, lasset uns wahrhaftig sein, lieben Freunde! Und was unsern eignen Kreis betrifft, so gibt es mitnichten so viele Dichter.

Ringelnatz aber ist einer.

Es fällt mir gar nicht ein, über ein Pathos, das mir nicht zugänglich ist, Witze zu machen – aber mir sagt Heroisches wenig, Pathetisches wenig, Hymnisches wenig, das ist ein Manko des Aufnahmeapparates. Dagegen sehe ich in manchem Blankverschen Ringelnatzens tiefstes Leid – man kann dasselbe auch sehr ernst sagen, aber dann ist es nicht ganz so wirksam. So ist mir eine seiner Figuren, die nachts, mit durchaus bemachten Hosen durch die Straßen schleicht, immer als wirklicher Gott des Leidens erschienen. Er denkt, nun sei alles aus – eine Wohnung hat er nicht, frische Hosen auch nicht ...

Weil aber der Morgen kommt,

der alle Tränen trocknet –

Das heißt bei Storm:

Dies aber kann ich nicht ertragen,

dass so wie sonst die Stunden gehn;

dass so wie sonst die Uhren schlagen –

und noch viel Größere haben das auszudrücken versucht, welche Affenkomödie darin steckt, dass es weiter geht, dass es immer weiter geht.

Wollte sagen, dass die ›Reisebriefe eines Artisten‹ (bei Ernst Rowohlt in Berlin erschienen) mindestens auf jeder zweiten Seite eine kleine Dichtung zu stehen haben – und das ist sehr viel. Am schönsten da, wo die Form ganz lapidar da steht, wie aus der Sprache gewachsen:

Wie seine eigene Spucke schmeckt,

das weiß man nicht.

Das erinnert mich an eines der konzisesten Gedichte, die es in deutscher Sprache gibt: Konrad Weichberger heißt der merkwürdige Mann, und A. R. Meyer hat ihn einst ausgegraben.

Laß du doch das Klavier in Ruhe,

es hat dir nichts getan.

Nimm lieber deine Gummischuhe

und bring mich an die Bahn.

Wenn in diesen Zeilen nun auch noch etwas drinstände, wäre es ein unsterbliches Gedicht ... Von solchen Versen wimmelt es bei Ringelnatz. Manche haben hier früher in der ›Weltbühne‹ gestanden; so das von den Karpfen in Kassel und andre.

Neben den spaßhaften Gedichten, in denen Ringelnatz den risus interruptus erfunden hat, stehen jene Verse, die wir wohl alle lieben, weil sie unsre, unsre Melancholie enthalten, eine, deren man sich niemals zu schämen hat. Dieses ›Vorbei‹ –

Und die reine Liebe wird vergossen

im Vorbei.

Wie verzaubert die Städte manchmal sind; wie allein der ist; wie er etwas liebt, was es gar nicht gibt; die Privatsprache, die so schön isoliert – manchmal geht er auf die Sprache, wie man auf den Topf geht; und von ›Überalldas a. d. Elbe‹ wird noch sehr ernsthaft zu reden sein. Und dass S. J. ›den Fisch Plattunde‹ nicht mehr hat lesen können ...

Wie schön leuchtet ihm manchmal der Morgenstern! Das schadet nichts. Wenn es eine solche Welt gäbe! solches Land! solche Städte! Gut, dass dem nicht so ist. Denn dann gäbs keinen solchen Ringelnatz.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 25.10.1927, Nr. 43, S. 638.





 © textlog.de 2004-2019 •
Seite zuletzt aktualisiert: 16.05.2010 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright