Im Tollhause


Nicht das große, jenes Deutschland aus den Mordjahren 1914-1918. Sondern ein kleines Tollhaus wird hier beschrieben – in einem Büchlein von Artur Zickler, das so heißt: ›Im Tollhaus‹ (und im Verlag der Buchhandlung Vorwärts zu Berlin erschienen ist).

Zickler hat etwas getan, wozu den Meisten – auch mir – der Mut gefehlt hat: er hat in der großen Zeit einfach nicht mehr mitgespielt. Er hat, was sittlich vollkommen gerechtfertigt ist, die Verpflichtung, sich für die falschen Ideale andrer Menschen – Menschen ist leicht übertrieben – totschießen zu lassen, nicht anerkannt, hat nicht geglaubt, deshalb Menschen töten zu müssen, weil irgendwelche Wehrartikel das verlangen. Er stellte sich ›rammdösig‹, wurde von den Soldaten fort, aus der Kaserne in ein andres Irrenhaus getan und verbrachte da bis zur völligen Entlassung seine Tage. (Wozu, liebe Nationalisten, mehr Mut gehörte, als mit der Kompanie in den Graben zu kriechen. Zickler war allein.)

Die Schilderungen des Heftchens sind erschütternd. Vieles ist originaliter aus dem Leben übernommen, und aus welchem Leben!

Die kurzen Beschreibungen des Ausbildungskrams beim Militär sind prächtig, fast so bunt wie eine Leutnantsfriedensuniform. Fabelhaft erfaßt ist der Kernpunkt der Seuche: das Kollektivitätsgefühl. »Dann wurden wir, vom Zusammengehörigkeitsgefühl der Korporalschaft beseligt, nach unsern Stuben geführt.« Und: »Wir neuen zweihundert Mann wurden nach Größe ausgerichtet, in Korporalschaften eingeteilt und hießen nun ›Kompanie‹. Ein Hauptmann war plötzlich da und sprach von der Ehrentafel der 5. Kompanie, deren Glanz wir reinhalten sollten.« Schneidend die paar Bemerkungen über die ekelhafte Unkultur der deutschen Kasernenkaschemmen: die schlechte Luft, die Schweinerei, die gegenseitigen Diebstähle. (Wir sind keine alten Weiber: aber dies war nur ekelhaft.) Und dann kommt das Tollhaus.

Wer einmal so eine Anstalt gesehen hat, hört die Klagen und die Laute, die hier aufgezeichnet sind. Hört, wie in diesen armen verrotteten Gehirnen die große Zeit selbständig weiterarbeitet, obgleich sie für die Besitzer längst aus sein sollte – sie wähnen sich noch immer im Graben, machen noch immer ihre Wendungen, ihre jämmerlichen Griffe, fortläuft die Romantik des Tempelhofer Feldes. Sie bekommt nicht jedem. In drei Strichen sind die üblichen Vorgesetztentypen eingefangen, ohne dass viel Aufsehens davon gemacht wird. Und das Leiden. Und das Leiden. Und das Leiden.

Wißt ihr, wer da alles – still und erstickt – draufgegangen ist? Wißt ihr, wen alles es gefaßt hat? Trommelfeuer und Feldwebel haben gleichmäßig gewütet, und sie sind nicht jedermanns Sache.

Wer aber mit so viel Kraft und Mitleid, mit so viel Haß und Liebe leben und schreiben konnte – der sei gepriesen. Wie schließt das Buch? »So werden einst, fest entschlossen, die Ungezählten in die Heimat fahren, und schneller als die Räder werden die heißen, heißen Herzen schlagen. Kameraden!« So werden einst ... Die Saboteure der Revolution haben diese Hoffnung zunichte gemacht. Wir müssen sie vertagen. Aber vielleicht doch eines Tages?

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 26.02.1920, Nr. 9, S. 282.





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