Nebenan, im Schweinestall


Es ist merkwürdig, wie sich die Nationalisten aller Länder gleichen. Man kann viele ihrer Äußerungen einfach verpflanzen – man muß nur die geographischen Adjektiva vertauschen.

»Und dann diese Stücke à la Pirandello, die das Ich verdoppeln und ein Barthaar viermal spalten – und dann die Stücke à la Freud, wo sich die trübe Lüsternheit der germanischen Schweine ausbreitet.« Wer also? Clément Vautel, das Entzücken aller Portiersfrauen von Paris.

Sicherlich hat der Mann niemals Freud gelesen, er weiß wahrscheinlich gar nicht, wer das ist. Und sein Urteil ist gewiß nicht interessant.

Aber interessant ist, wie die kleinbürgerlichen Patrioten aller Sorten den eignen Stall immer für den Stern aller Reinheit ausgeben. Frisch, unverdorben, keusch, mannhaft hat man die eignen Leute. Die andern ... das sind ja ganz verderbte Ekel. Da brütet die Décadence, da rast der tolle Wahnsinn, der entfesselte Eros, in diesem Fall die trübe Lüsternheit. Dabei ist Vautel nicht einmal Franzose – sondern Belgier.

Nichts dümmer, nichts kurzstirniger, nichts ungebildeter als ein Patriot.

Und wenn dich einer fragt, ob du deine Heimat liebst, einfach so für dich – dann antworte ihm mit der schönen Antwort, die Julius Bab einmal gegeben hat: »Kann ich mein Blut, mein Haar, mich selber lieben?« Wenn er dich aber fragt, ob du ein Patriot seist – dann hau ihm eins hinter die Ohren.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 27.07.1926, Nr. 30, S. 154.





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