Wenn Ibsen wiederkäme ...


Er kommt ja natürlich nicht wieder. Und käme einer mit seinen Kräften, seiner Blutmischung, seinen Gehirnzellen – er würde heute anders schreiben. Andre Kämpfe würde er gestalten, andre Menschen, andre Zwiespalte ...

Aber nehmen wir einmal an, so einer käme wieder. Meinethalben auch wieder aus dem Norden. Käme wieder und versuchte, auch in Deutschland durchzusetzen, was im Norden geboren wurde.

Was würde geschehen?

Ich glaube: nichts. Ich glaube, dass Ibsen der Zweite ein lebender Leichnam sein würde – nur würde man ihn nicht bei Reinhardt aufführen. Zu denken, so einer käme wieder: in diese Zeit des Raffens, des übereilten Tempos, des Spektakels käme einer und verlangte stilles Zuhören und Meditationen, die sich nicht darauf bezögen, wie einer Baisse in Kanada abzuhelfen sei. (Zwischenbemerkung des Lesers: »Übrigens, Scherz beiseite – das ist wirklich eine Sache mit Kanada!«)

Letzten Endes mögen es ja immer die Fuggers gewesen sein, die die Welt regierten. Man müßte ein Goethe-Philologe sein, um anzunehmen, dass in der Zeit der ›Zweiten Blüteperiode der deutschen Dichtkunst‹ das Städtchen Weimar in einem Glanz gestrahlt hätte. Natürlich nicht. »Im eigentlichen Volk blieb alles still.« Natürlich. Aber:

Nie hat Industrie und Kapital so frech behauptet, Kultur zu spenden, wie heute; nie ist ihnen das so geglaubt worden, wie heute. Das Kino ist nur eine Figur auf diesem Schacherbrett, wo jeder matt gesetzt wird, der nicht den König dem Bauer vorzieht.

Nehmen wir an, so ein Stück wie die ›Nora‹ käme herunter zu uns. Wie schon gesagt: anders. Zeitgemäßer. Mit irgend einer Frage, die uns bewegt, die über Rücksichten, Kontobücher, Prinzipien hinweggeht, wie man über totes Laub geht. Denken wir an den Zusammenstoß des Einzelnen mit dem Portemonnaie der Gesamtheit. Oder an die böse Geschichte mit der Kindesliebe, die zu fordern niemand berechtigt ist ... Was würde geschehen? (Ich sehe hier ganz von den kunstkritischen Fragen ab.) Was würden die ›Leute‹ sagen?

Pfeifen würden sie. Wir sind zurückgegangen. Früher wehte ein kräftiger Wind, und wenn einer kämpfen wollte, so wurde ihm das nur vom Gegner übel genommen. Heute? »Ach, gehen Sie mir damit ... « Sie wissen alles. Sie haben alles gelesen. Sie sind über alles orientiert und lieben die Stille, unangenehm berührt, wenn einer vor Hunger ächzt. Man ächzt nicht. Und wir fragen uns vergebens, für wen dieser Riese gearbeitet hat, für wen alle die von 1880 gearbeitet haben, gelitten und gekämpft. Dafür?

Daß heute der kleinste Kommis wohl unterrichtet die Achseln zuckt, wenn man ihm zumutet, zu kämpfen? Er hat die Phrase von der ›positiven Mitarbeit‹ erfunden und nimmt es Vorwärtsstrebenden persönlich übel, wenn sie nicht auf Schutt bauen wollen, sondern niederreißen und aufräumen.

Gewiß: sie haben Interessen. Sie scharen sich um die Theosophen und beschäftigen sich in guter alter deutscher Weise mit Definitionen der letzten Seelenprobleme. Und ihre großen Füße stehen nicht mehr auf dieser Erde. Oder sie erkennen durch Vereinsbeschluß dem Menschen die Seele ab und teilen dem lieben Gott mit, dass sie vom ersten dieses Monats bedauern, seine Dienste weiterhin nicht in Anspruch nehmen zu können.

Und zu diesen Menschen sollte Ibsen sprechen? Zu den einen, die überhaupt kein Kunstwerk mehr hören und sehen wollen, und zu den andern, die es nicht voraussetzungslos tun können?

Und es bliebe nicht beim Pfeifen. Sie würden ihn heruntertrampeln, sie würden nicht ruhen, bis sie ihn tot gemacht hätten, bis er sich nicht mehr rührte. Oder sollten sie nicht einmal dazu die Kraft haben? Würde auch hier dieses faule und flaue Schauspiel einsetzen, dass man eine Begabung nicht anerkennt, nicht bekämpft, sondern mit einem müden Kopfnicken gewähren läßt, bis sie in Gleichgültigkeit erstickt ist? Wenn der Bürger auch sonst stets der Meinung ist, ein ihm vorgehaltenes Spiegelbild sei ein fremdes Porträt – bei einem Ibsen von 1913 würde er sich wiedererkennen. Oder doch fühlen, dass hier sein Heiligstes auf den richtigen Stand gebracht, also heruntergesetzt wird. Er wird das nie zugeben. Er wird sich rächen und sagen, die Situationen seien unmöglich und die Charaktere entsprächen nicht der Wirklichkeit – denn das hat er gelernt, sein realistisches oder neuromantisches Sprüchlein aufzusagen.

Berlin ist kein Maßstab, ich weiß. Denn was diese Stadt an eigener Geistigkeit produziert, geht auf die Haut einer Kuh des Paläh de danx.

Aber auch das Reich ist matt. Der Osten ist versulzt, und nur im Westen sind sie freier. Merkwürdig: dort ist die Industrie stärker, aber sie erdrückt nicht die Geistigkeit. Auch scheint mir drüben am Rhein und am Main das Gefühl für die herrschenden Faktoren des Wirtschaftslebens subtiler zu sein; man weiß immer, dass es letzten Endes die Großbanken sind (als eine Institution, bei der Konsumenten und Produzenten zusammenlaufen und so deutlich den Stand der Dinge angeben), die die Voraussetzungen eines Familienlebens, einer Stellung, eines kleinen Glücks schaffen. Sie beherrschen all die Dinge, die ja artistisch nicht kompliziert sein mögen, die aber, wie wir immer mehr erkennen, nötig sind. Denn die Kunst setzt eine gewisse Sicherheit der pekuniären Existenz voraus. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Der Osten und seine Zentrale, Berlin, ist anders. Hier würde man nie dulden, dass jemand das Geschäft nicht in den Mittelpunkt setzt. Wir sind keine Amerikaner: drüben schätzt man den Dollar um seiner selbst willen und hat ihm niemals einen Geist beigelegt. Unser Kapital aber hat sich die Köpfe gekauft, und der gilt als rückständig, der nicht in einem Bankenkonzern eine Idee sieht. Die Schriftsteller beginnen, von der Romantik des Geschäftslebens zu erzählen; und was die Geste betrifft, so haben sie recht. Wir sind schlimmer als Amerika: sie beten den Dollar an – wir den Mann, der ihn hat.

Nun stelle man sich vor, der alte Ibsen kümmerte sich auch um diese Dinge. Über die tiefen Rätsel unsres Lebens haben sie ihn schreiben lassen, denn das störte keinen, und das hinderte auch nicht – wenigstens nicht unmittelbar – das Geschäft. Aber es sollte einmal gewagt werden, direkt die Beherrschung (oder wenigstens den Versuch dazu) der Börse über den Geist in den Mittelpunkt einer Handlung zu setzen!

Es ist doch kein Zufall, dass der Ibsen von damals mit offenen Armen empfangen wurde. Die es mitgemacht haben, schreiben heute noch immer und immer wieder: es sei eine kampfesfrohe Gesellschaft gewesen; sie genierten sich nicht, und wohin sie hieben, da wuchs nichts mehr – am allerwenigsten dieses grüne, dichte, feine Gras, das heute bei uns über alle nicht unbedingt lieblich anzusehenden Dinge wächst. Nur Ruhe! Nur nicht immer mäkeln! Nur endlich einmal Ruhe! Man könnte das Streben jener alten Jahre in die Worte fassen: »Laß nicht!« und das der unsern: »Laß schon!«

Mau. Flau. Wenn Ibsen wiederkäme ... Wenn doch einer käme! Aber gleich darauf möcht man den Wunsch im Busen gern bewahren. Was nützte es uns? Was nützte es, wenn ein Gigant allein gegen alle stünde? Wenn keiner, keiner ihm beispränge? Die Alten sind müde. Die Jungen haben wichtigere Sorgen: sie müssen sich bespeien wegen eines falsch gesetzten Adjektivs und einer nicht korrekt adhibierten Weltanschauung; oder sie haben Vereine gegründet, Lobesversicherungsgesellschaften A.G. (auf Gegenseitigkeit), die darüber wachen, dass einer den andern und der andre den einen fördert, druckt und belobt.

Ibsen aber ist am dreiundzwanzigsten Mai 1906 in Christiania gestorben und wird nie mehr auferstehen.

 

 

Kurt Tucholsky

Die Schaubühne, 28.08.1913, Nr. 34, S. 795.





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