Holzapfel und Schlehwein


›Einfältige Gerichtsdiener‹ nennt sie der Zettel von ›Viel Lärm um Nichts‹. Nun, das sind sie immerhin. Den Holzapfel macht Waßmann. Er sieht so dumm aus wie ein Huhn; die blauen Knopfaugen glotzen in die Welt; in dieses Hirn geht nichts mehr hinein – das ist gewiß. Er steht auf zwei entzückend krummen, ausgestopften Damenbeinen, filzbeschuht, gar nicht elegant. Aber er hat nicht nur zwei Schuhe: er hat auch eine Stimme. Eine Stimme! Die brüllt Heyses Fremdwörterbuch, für Gerichtsdiener bearbeitet, in die Lüfte, knarrt, säuselt und verhaucht. Er schnappt die entferntesten Komplimente auf, die gemacht werden – denn wer anders kann gemeint sein als er. Seiner Hoheit prostituiertester Gerichtsdiener? Oder war es ein andres dieser vermaledeiten Fremdwörter? Sie hören sich aber reizend an. »Du Autodidakt!« – wenn das kein Schimpfwort ist! Bei aller Gelehrsamkeit ist er bescheiden. Flatterien verbittet er sich mit einem entzückten Aufblick zum lieben Gott, dem er diese Gaben schließlich verdankt, und vor lauter Humilität ist er sich nie bewußt, dass die blumigen Floskeln seine Reden stets in das Gegenteil verkehren. Das System des Lebens ist nicht schwer: die Klingel ist zum Klingeln da, die Wache muß rechtlich belehrt werden, die Malefikanten brüllt man an, und im Protokoll wird nachher schon alles stehen. Dafür sorgt der Schreiber: Herr Holzapfel geben sich mit dergleichen nicht ab. Er ist rein repräsentativ. Und nur ab und zu, in Momenten der Rührung, streicht er seinem Trabanten, dem guten alten Schlehwein, über das schüttere weiße Haar. »Der gute alte Schlehwein« sagt er aufschnupfend und in einer Silbe, und freut sich triumphabilim, dass er noch nicht so alt ist wie der, sondern ein respektabler Bursch mit eiergelben Borsten, weltgewandt, forsch und überhaupt ein Kerl.

Der gute alte Schlehwein ... Arnold ist von jeher rührend, wenn er komisch ist – so komisch, so rührend war er noch nie. (Das sagt man immer, wenn man ihn gesehen hat.) Diesmal hat er eine große, schwarze Hornbrille auf, zwei mächtige Greisenschuhe an, und er ist wirklich der gute alte Schlehwein. Aber was bedeutet er ohne ihn, den maulgewandten Holzapfel? Ein Stückchen Malheur. Er spielt die zweite Stimme, die sonst stets verschwindet – und diesmal eine rührend weiche Cellostimme ist. Der Mund arbeitet unaufhörlich, die Hände zittern, und wir atmen auf, wenn das ganze brüchige Schifflein im Hafen, in den sorgsamen Armen des Holzapfel verstaut ist. Aber wenn der nun im Drang der Geschäfte abhanden gekommen ist? Ach Gottchen! Die Welt ist ein Henkeltopf. Hak dich ein, alter Schlehwein, hak dich ein! Und er hakt sich ein, bei Grafen und Prinzen, bei Kellermeistern, Dienern und allem, was herumsteht. Gebe der Himmel, dass Holzapfel darunter ist! Aber der hat zu tun, muß Leute anbrüllen und sich an der Sonne wärmen. Und derweil wankt der Alte umher, tappt, fällt allen lästig. Ist denn keiner Holzapfel? Keiner ists, und mit suchend ausgebreiteten Armen, verloren, alleinechen, unglücklich wackelt er ab durch die leeren Gassen Messinas – der gute alte Schlehwein.

 

 

Peter Panter

Die Schaubühne, 04.12.1913, Nr. 49, S. 1209.





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