Herren und Kerls


»Hallo, Tomkins!«

»Hallo, Präsident!«

 

In Deutschland gab es zwei Sorten von Menschen: Herren und Kerls.

Die eine Sorte hatte Pflichten, und die andere hatte Rechte. Die eine hatte es bequem, und die andere übel. Die eine nahm Bildung, gute Umgangsformen und alle äußeren Vorteile für sich in Anspruch, die andere mochte sehen, wie sie auskam. Mußte das sein?

Gefördert wurde diese Teilung durch den Militarismus, der sich tief in das Bürgertum hineingefressen hatte. Die abgrundtiefe Kluft zwischen dem Offizier und Mann griff über: es war so hübsch, die Menschheit in zwei Klassen zu teilen – hier wir, und da die anderen, und eine Brücke gibt es nicht.

Was beim Militär manchmal bis zum verbrecherischen Wahnsinn gesteigert war, das tobte sich nun im bürgerlichen Leben, wo es ging, aus: stellten sich zwei Leute vor, so streckte der eine nach dem andern seine Fühler aus, ob er auch das Abitur habe, ob er also auch zur Klasse der »Herren« gehöre, ob er auch ein Mensch sei, mit dem »man« reden könnte ... Und gnade ihm Gott, war er das nicht! Pfui! Dann war er ja ein »Kerl«.

Man muß hören, wie solch ein Herr das Wort »Volk« ausspricht – wenns nicht so traurig wäre, dann wäre es lächerlich. Gehört er nicht dazu? Ist er denn nicht auch Volk? Nein, er bildet sichs wenigstens nicht ein. Denn noch herrscht in unzählig vielen Köpfen diese Bilderbuchvorstellung vom Volk, dieser ungebildeten Masse, die abends mit Kind und Kegel sauft oder grölt oder sonst etwas Gemeines treibt. Daß aber in jeder Schicht Proleten gedeihen, und Träumer und feine Menschen und Idealisten und unbekümmerte Dummköpfe, dass die soziale Umgebung viel, aber bei weitem nicht alles am Menschen ausmacht – das wissen sie nicht und wollen sie nicht wissen.

Sie wollen es nicht, denn es ist bequem, die Kerls von den Herren zu scheiden. Wir haben das ja alle Tage im Kriege erlebt: mußten die Kerls Kalbsbrägen essen? Nein, das mußten sie nicht. Es war ja auch so wenig vorhanden ... Und anstatt ihn den Kranken zu überweisen, aßen ihn die Herren, weil sie so wenig waren, dass sich das lohnte ...

Und es ist ja so maßlos einfach, die Güter der Welt nach diesem Maßstab zu produzieren und aufzuteilen: die Sahne den Herren, das Wasser den Kerls.

Ich denke, es lassen sich doch Brücken schlagen, und schlagen sie die Herren nicht –: die Kerls sind dabei, und es hat gar nichts mit Politik zu tun, sondern ist eine primäre Forderung der Demokratie, beim Brückenbau dabeizusein.

Der oberste Grundsatz: das Amt schafft keinen Unterschied. Der liebe Gott hat die Menschen wahrhaftig nicht gleich gemacht, und es wird immer so sein, dass die Stärkeren die Schwächeren leiten. Aber es seien das die von Natur Stärkeren, es seien das Leute, die moralisch oder intellektuell überlegen sind. Da es aber nicht möglich ist, dass jeder Beamtete diese Eigenschaften restlos erfüllt, da der bekannte Satz heute so lautet: »Wem Gott Verstand gibt, dem gibt er auch ein Amt!« – so empfiehlt es sich, wir täten diesen Aberglauben ab, als sei ein Oberregierungsrat ein Gott und ein Moloch und ein Briefträger eine Fußbank seiner Vorgesetzten. So gehts nicht mehr.

Das war einmal. Es mag sein, dass die Hohenzollern zu Potsdam im achtzehnten Jahrhundert einmal so regieren konnten – heute gehts nicht mehr, und es ist Pflicht jedes Demokraten, dafür zu sorgen, dass dieser preußische Untertanentyp ausstirbt, der so viel Elend angerichtet hat. Er hat seine Aufgabe mehr schlecht als recht erfüllt, und er kann gehen.

Was wir brauchen, das ist eine Arbeitsgemeinschaft freier Menschen. Die Tatsache, dass der eine dem andern sachliche (sachliche!) Vorschriften macht, berechtigt ihn keineswegs, sich nun auch als menschlich überlegen zu fühlen. Wie schwer geht das hier in die Köpfe! Wie mühsam, ihnen beizubringen, dass es keine Vorgesetzten außer Dienst gibt! Sie glauben immer noch an den »Herrn« Leutnant und sprechen immer noch von »dem« Albert Müller, der sich zu melden hat. – Die Zeit ist vorbei.

Spotten unsere Reiseschriftsteller über den Abscheu der indischen Kasten voreinander? Unsere Kasten sind weitaus schlimmer. Unsere wissen nichts voneinander, und wollen nichts voneinander wissen und glauben, der Titel »Exzellenz« sei etwas. Er ist aber nur eine Reihe Buchstaben, die zu nichts anderem berechtigt, als seine Pflicht zu tun.

Fort mit der Kluft! Warum gehts bei den anderen? Warum nicht bei uns? Einmal erzählt Holitscher die Geschichte eines Eisenbahnaufenthalts in Amerika: an der Maschine ist etwas nicht in Ordnung, und der Präsident der Gesellschaft, der zufällig im Zuge sitzt, springt an die Lokomotive und will wissen, was da vorgeht. Und sie rufen sich an, der Zugführer und der Präsident: »Hallo, Tomkins!« – »Hallo, Präsident!« – Bei uns? Du großer Gott –!

Den deutschen Militarismus werden wir wohl loswerden. Was aber keine Friedensbedingung diktieren kann, das ist der Geist, in dem wir weiter leben. Solls wieder der alte werden?

Er darf es nicht. Der verärgerte Feldwebel, dem die Felle fortgeschwommen sind, der Offizier, der heute nicht recht weiß, was beginnen – sie alle dürfen die Entwicklung nicht aufhalten. Es darf nicht deswegen gemordet werden, weil Messer da sind. Es muß in die Köpfe hinein, dass Militarismus auch noch anderswo als auf dem Kasernenhof existiert, und dieser andere ist der gefährlichere.

Wir erkennen keine »Herren« an – und wir wollen nichts von den »Kerls« wissen. Wir wollen andere Typen.

Was wir wünschen, ist, dass sich aus den beiden unmöglichen Arten eine neue entwickelt. Wir haben genug und übergenug von dem Herrn und auch von dem Kerl.

Wir erhoffen den Mann.

 

 

Ignaz Wrobel

Berliner Tageblatt, 02.06.1919, Nr. 251.





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