Der Herr in der Loge ...


Oben in der Hofloge des Reichstags saß ein Offizier und hörte zu. Es war Sonntag, der elfte Juni, und wir waren zusammengekommen, um die französischen Freunde anzuhören: den überlegten und feinen Bouglé, den ehrwürdigen Buisson, den hinreißenden Basch und den temperamentvollen Renaudel. Sie alle sagten aus, was wir so ersehnen: Wir haben unsre französischen Interessen und ihr habt eure deutschen – aber es gibt keinen Grund, weshalb man über diese Dinge nicht ruhig sprechen sollte. Laßt uns zusammenarbeiten! Ludendorff und die Boulevard-Presse nationalistischer Färbung sind einander wert: wir andern wollen mit einander gehen!

Der Offizier sah zu. Auf seiner Brust, auf dem Tuch, das die Republik bezahlt hatte, saßen die alten kaiserlichen Orden, die er sich nicht schämte zu tragen. (Denn wenn er sich ihrer nicht schämte, dann müßte er sich schämen, seinen Eid gebrochen zu haben und in das feindliche Lager übergegangen zu sein. Aber die Herren haben sich da so einen diffizilen Ehrenkodex zusammenkonstruiert, mit dem unsereiner nicht mitkommt ... ) Er saß da und hörte zu. Er hatte seine Züge in der Gewalt, nichts Ungehöriges fiel vor. Aber man hörte sein Gehirn arbeiten:

»Schwärmer! Kindliche Schwärmer! Das wird ja nie, niemals Wirklichkeit werden! Und das darf auch niemals Wirklichkeit werden! Denn was sollte dann aus mir werden! Ich habe weiter nichts gelernt, als Leute zu drillen und zu schießen, laufen zu lassen und zu reiten! Und ich will dieses Leben so führen, dieses eitle Leben im Glanz und mit anständiger Bezahlung, voll Nichtstun und voll Paraden! Ich brauche das – sonst gehe ich ein! Das da machte mich überflüssig – nur das nicht! Krieg! Immer wieder Krieg!«

Sein glattrasiertes Gesicht glänzte matt durch den Raum der Volksvertreter, der aussieht wie eine glanzvolle Schokoladenpackung. Kein Fleckchen, das nicht mit einem grauslichen Ornament verunziert wäre – Karyatiden, gedrehte Säulen, Schmuck, Allegorien und Kronen, Kronen, Kronen. Kurz: Willy II. Und die Republik hat nicht einmal die Dinge entfernt, die sich so leicht abnehmen ließen – ich möchte eine Monarchie sehen, die einen sozialistischen Saal übernähme! Und in diesen Metropoltheater-Kitsch (Rot und Gold: Hugo Baruch) hallte der Ruf des Redners: »Nie wieder Krieg –!«

Der junge Offizier stand auf und ging. Möchte er nie wiederkehren!

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 22.06.1922, Nr. 25, S. 636.





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