Heinrich Fischer, ›Die Vergessenen, Hundert Deutsche Gedichte des XVII. und XVIII. Jahrhunderts‹


Wir können wenig bei unsern nationalen Bünden lernen – sie sind zu dumm, zu dumpf und zu geduckt. Daher ihre Frechheit. Man sieht schaudernd, wessen deutsches Wesen fähig ist – man vergißt nur zu leicht, was Deutschland einmal hervorgebracht hat. Es ist immer gut, zu erinnern. Heinrich Fischer erinnert. ›Die Vergessenen, Hundert Deutsche Gedichte des XVII. und XVIII. Jahrhunderts‹ (erschienen bei Paul Cassirer in Berlin). Wenn Sie selber es nicht lesen – dann verschenken Sie es wenigstens.

Aber Sie sollten es lesen. Fischer hat mit dem feinsten Geschmack und mit dem saubersten Gefühl für die deutsche Sprache alte Verse herausgesucht – weit, weit ab von jeder Sentimentalität. Das zeigen schon die Namen der Ausgewählten: Fleming, Simon Dach, Weckherlin, Johann Christian Günther, Ramler, die Karschin, Stolberg – und wenn ich hinzufüge, dass die Anmerkungen den Versen adäquat sind, so ist das das Schönste, was man von ihnen sagen kann. Sie enthalten meist Zeugnisse der Zeitgenossen und sind so um so aufschlußreicher. Eine liebevolle Hand hat diesen Band zusammengestellt, und ein Gehirn hat daran gearbeitet, das jedes Wort und jeden Buchstaben der geliebten Sprache so aufnimmt, wie er aufgenommen werden muß. Es ist Heinrich Fischer gelungen, durch seine geistige Haltung eine Atmosphäre zu schaffen, in der man einen guten Vers dahin legt, wohin er gehört: auf die Goldwaage. Und die meisten Verse in diesem Buch halten das aus. Man muß eben nicht mit Zeitungsaugen lesen. »Mit dem Pathos ist es aus ... « habe ich neulich gehört. Nein, man muß es nur zu hören verstehen, wenn mans schon nicht hervorbringen kann. Das ist ein unmodisches Buch – es ist, soweit wir denken können, ein Buch auf lange Sicht. Fischer hat, zum Glück, nichts für diese Vergessenen ›getan‹, aber sehr viel für seine Leser – er will keinen Reichsverband gründen ... Ein Dichter grüßt vergessene Dichter.

 

Da sitzt ... da sitzt Aurora, die Winterfliege. Es lohnt nicht, das ganze Zimmer mit Flit zu bespritzen, das ist diese kleine Fliegenspritze – sie ist das Loch, durch das meine Grausamkeit entweicht. Aber es riecht dann nach Petroleum. Da sitzt sie. Das dicke Aas. Und morgen früh wird sie mich mit ihrem Gesang aufbrummeln, um sieben Uhr, und ich möchte gern ausschlafen. Noch einen Augenblick ... noch einen Momang, meine Gute ... bleib, bleib sitzen. Diotima, komm her. Du bist so schön und handlich. Deine seelische Einstellung kommt mir grade recht ... Bumm – bautsch!

Aurora hin. Diotima aus dem Leim. Ich habe das »Seelische mit naturhafter Sinnlichkeit verbunden«, wie auf dem Umschlag steht, und in diesem Sinne wende ich solcher Sorte Literatur meine gewölbte Kehrseite zu. Gute Nacht.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 28.10.1930, Nr. 44, S. 651,

wieder in: Lerne Lachen.





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