Hausse in Ruhm


Das Théâtre de la Madeleine zu Paris gibt jetzt ein merkwürdiges Stück, das heißt: »Les Marchands de Gloire«. Es ist von den Herren Pagnol und Nivoix, zwei jungen Autoren, die den Krieg, die Nachkriegswelt und auch das Stück vom toten Soldaten unter dem Triumphbogen gesehen haben, das soviel Spektakel gemacht hat. Aber sie haben doch ein andres Stück geschrieben – wenn auch leider kein ebenso gutes.

Der Papa, der die Nachricht empfängt, dass sein Sohn gefallen sei, sich nun aufrafft, ganz für den Ruhm des Sohnes lebt und, zunächst ganz ehrlich, als »Vorsitzender des Heldenelternbundes« patriotisch wirkt, als Deputierter aufgestellt wird und einen doppelten Schreck bekommt, als der Totgeglaubte wieder erscheint: der Papa ist nicht schlecht gesehen. Diese leise Grenze zwischen echter Trauer und Geschäftskomödiantentum, dieses Gefühl, das langsam zum Betrieb wird – das ist gut. Gut ist auch die erste Szene des Werkes. »1915« ruft der rot aufleuchtende Scheinwerfer auf den Vorhang, und 1915 ist in jeder Beziehung auf der Bühne. Das hohe, leere Zimmer, leer, weil einer fehlt – draußen rauscht der Regen, und die drinnen warten. Auf den Sohn, auf den Brief – und alle fühlen: auf den Tod. Feldpostpakete, Heeresberichte, Kohlenmangel, die ganze Schande der großen Zeit taucht auf, aber menschlicher als bei uns. Die da sind Menschen geblieben – sie haben keine Gefühlskarte, wenn sie weinen. Da klopft es, da ist die Nachricht, der Vater bricht zusammen. »Ma vie est finie!« Nein, es fängt erst an.

Der kleine Beamte, um den sich vorher kein Mensch gekümmert hat, wird Heldenvater und »der« Vater des Sergeanten Bachelet. Er ist im besten Zuge, Deputierter und Minister zu werden – da platzt der lebende Sohn in die gut geölte Trauer. Er kommt sehr ungelegen. Und soll einen andern Namen annehmen. Er tuts auch schließlich, sein eignes Bild wird hereingetragen, lebensgroß, er bleibt ruhig davor stehen – »Nehmen Sie Ihren Hut herunter, Herr!« zischt ein royalistischer Graf –, er nimmt ihn langsam ab und sagt: »Den habe ich mal ganz gut gekannt!«

Ja, das ist sehr hübsch und wirksam. Aber diese Geschichte vom Totgeglaubten und Zurückgekehrten, die es hundertfach gibt – so in Wassermanns »Hockenjos« und in dem von der Académie Goncourt preisgekrönten Roman »Le Chèvrefeuille« –, diese Geschichte ist ein Einzelschicksal. Und somit in der Zeit des ausgeprägtesten maschinellsten Kollektivismus unangebracht. Das mag ja alles sein, dass es lebenden Leichen so geht wie hier beschrieben – aber das ist uns gleichgültig. Es ist recht französisch, immer wieder das individuelle Schicksal, den individuellen Fall voranzustellen – aber so geht das doch nicht. Es handelt sich heute gar nicht um den einzelnen. Ich will wissen, was mit dem ist, der zugleich alle ist. Der Zigarrenhändler an der Ecke ist nicht interessanter als Nero – aber er ist aufschlußreicher. Dieses Stück »Hausse in Ruhm« ist eine Mondkarte: ich möchte gern einen Fahrplan für hier unten haben.

Gespielt wurde mäßig.

Aber neben mir, im ersten Akt, als die drückende Luft von 1915 auf der Szene lag, legte ein älterer Mann sein Gesicht in die Hände und weinte. Hatte er einen Sohn verloren für das, was seine Zeitung das »Vaterland« nannte? Vielleicht ging es ihm so

nahe ... Und vielleicht gehörte er nicht zu dem Geschmeiß von Eltern, die sich noch damit brüsten, dass ihr Junge seine Gedärme durch den Stacheldraht geschleift hat, zu jenen Eltern, die die Fotografie des verkleideten Sohnes und die Auszeichnungen, mit denen sich eine gottentartete Obrigkeit von den einfachsten Menschheitspflichten loskaufte, stolz unter Glas und Rahmen aufbewahren, dem Kaiser gebend, was des Kaisers war: ein Leben – und vom Kaiser nehmend, was der ihnen zu geben hatte: ein Stück Blech und einen Zeuglappen.

Einen Sohn kann man verschmerzen. Aber gnade Gott, wenn die Steuergesetzgebung den Herren Eltern ans Vermögen geht. Soviel Energie, soviel Tatkraft, soviel Widerstand bis zum letzten war noch nicht da. Damals, als man ihnen den Jungen wegriß – ? »Geh mit Gott, mein Junge!« 10% auf das ersparte Geld –? Geh mit Gott, Vermögen – über die Grenze und in die dunkeln Ecken der Bilanz –, geh mit Gott! Die Eltern des Helden treten an, Frau und Mann, mit Zähnen und Klauen, wie die Löwen um ihr Junges, kämpfen sie für ihr Geld, die Alten, mit einer Kraft, die ihnen für die Bewahrung des Sohnes nicht zur Verfügung gestanden. Das Geld, das Geld ist gerettet! Da steht Arthur unter Glas und Rahmen, wir haben unser Teuerstes dem Vaterlande hingegeben – und falls Sie einen Enkel von uns benötigen für eine neue Schlacht in der Champagne: wir werden Ihnen mit aller Begeisterung gern zur Verfügung stehen.

 

 

Peter Panter

Die Weltbühne, 12.05.1925, Nr. 19, S. 708.





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