Der ›Große Brockhaus‹


Das dickste zuerst. Es ist der ›Große Brockhaus‹ A – Ast. Ja, soll ich mir da einen lachen? Mich hat neulich in der ›Neuen Bücherschau‹ Artur Rudolf rechtens darauf aufmerksam gemacht, ich solle meine Bücher lieber in Antiqua setzen lassen, obgleich doch diese Sammelbände nicht grade vom Ausland verschlungen werden, und in einem Brief hat mir Herr Rudolf meine alte Liebe zur Fraktur mit so kräftigen Argumenten erschüttert, dass ich sehr in mich gegangen bin. Die Fraktur deckt sich heute so recht mit der Reaktion, sagte er; sie will in der Welt und der Welt gegenüber etwas Besondres sein ... wir benutzen doch auch keine Schreibmaschinen mit Frakturtypen ... hat Brockhaus wirklich nötig, seine so große und gediegene Arbeit im Ausland selbst herabzusetzen? Ich denke: nein. Er schreibt mir: ja. »Der ›Kleine Brockhaus‹« , schreibt er, »ist bereits in Fraktur gedruckt. Bei dem ›Großen Brockhaus‹, dem Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden, konnte ich mich dagegen dazu nicht entschließen, da das Werk nach meinen bisherigen Erfahrungen infolge seines Umgangs für einen Vertrieb im Ausland kaum in Frage kommt.« Nun, das ist ein Argument – wenngleichen es meinen Augen so scheinen will, als lese sich die Fraktur eben doch schwieriger als eine glatte Antiqua.

Soweit ich die Arbeit sonst beurteilen kann, scheint sie mir sauber und – was man in Deutschland leider hinzusetzen muß – neutral. Ich habe die 780 Seiten nicht alle gelesen, aber an keiner Stelle habe ich so etwas wie ›nationale Geschichtsschreibung‹ oder ›völkische Geographie‹ gefunden. Die Abbildungen muten etwas dürftig an – die Bildtechnik ist so weit vorgeschritten, dass das Konversationslexikon nicht mehr das einzig gut illustrierte Werk des Haushalts ist. Es hat sich da überhaupt etwas geändert. Zwanzig Bände: ich glaube, die Zeit dieser Riesen-Nachschlage-Wälzer ist vorbei.

Ja, damals ... Da sind wir denn also, wenn Papa nicht zu Hause war, hingegangen, haben uns den Schlüssel gemopst und reichlich bösen Gewissens nachgesehen, woher die Kinder kommen. Man mußte viele Bände nachschlagen; die kleinen Seidenpapierblättchen zwischen den Buntbildern fielen wie ein Hauch zu Boden, ›Zeugung‹ enthielt ›Wollust‹ (siehe diese), und es war gar nicht einfach; ein rechter Leitfaden ist das denn auch nicht gewesen. Aber abgesehen davon: das zwanzigbändige Nachschlagewerk fußt auf dem Bildungsideal des neunzehnten Jahrhunderts, und das ist dahin. Wir haben heute den Mut zu sagen, dass wir von einer Sache nichts verstehen, denn es gibt zu viel Sachen; und wollen wir uns länger und intensiver mit einem uns fremden Gebiet befassen, dann ist es das Speziallexikon, das den Sieg davonträgt. Für den Rest, mal schnell nachzusehen, was eine Akkomodationslähmung ist, genügt ein Vierbänder alle Tage. Das Postulat, alles zu wissen oder doch möglichst viel, ist heute ein Gesellschaftsspiel geworden und heißt ›Frag mich was‹, aber niemandem fiele es ein, danach die Bildung eines Menschen zu bemessen. Das Wort ›Lexikonsbildung‹ hat rechtens einen nicht guten Nebengeschmack, und wenn es nur eine Krücke sein soll, dann ist diese Form zu solid gebaut: eine Krücke aus Stahl, mit Silbereinlage und elektrischem Läutewerk ... wir aber wollen laufen. Immerhin: wer es sich leisten kann, mags ja wohl kaufen.





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