George Grosz als Schriftsteller


Ausnahmsweise hat George Grosz mit der Feder nun einmal nicht deutsche Offiziere und die ihnen adäquaten Demokraten aufgemalt, sondern er hat mit der Feder etwas geschrieben, ein kleines Bändchen: »Die Kunst ist in Gefahr«, das er und Wieland Herzfelde gemeinsam als Autoren zeichnen (und das im Malik-Verlag zu Berlin erschienen ist). Es lohnt die Lektüre.

Es ist nämlich sehr interessant, zu sehen, wie ein völlig unliterarischer Geist, einer, der im Leben besser Bescheid weiß als in Bibliotheken, zu denselben Resultaten kommt wie die abstrakten Radikalen, die die russische Revolution vorbereitet haben. An eine direkte Beeinflussung kann ich bei der mir bekannten Veranlagung Groszens nicht glauben.

Jeder sieht eine Welt, in deren Mittelpunkt er steht, und das ist menschlich gut so. Die Auffassung der Autoren, manchmal jungenshaft frisch entwickelt und immer ehrlich, bildet den äußersten und schärfsten Gegensatz zur Kunst um der Kunst willen und spricht den Bemühungen der Kunsthistoriker und der Maler, die jene übriggelassen haben, jede Bedeutung ab. Konklusion: »Der heutige Künstler, wenn er nicht ein Leerläufer, ein antiquierter Blindgänger sein will, kann nur zwischen Technik und Klassenkampfpropaganda wählen. In beiden Fällen muß er die reine Kunst aufgeben.«

Folgt ein Aufsatz über »Paris als Kunststadt«, den ich nur Zeile für Zeile unterschreiben kann. »Paris ist heute nicht mehr das Zentrum der Kunst, ein solches Zentrum gibt es nicht mehr.« Auf ein paar Seiten ist nichts über französische Kultur und alles über deren Auswirkung und ihre Bedeutung für die Welt gesagt. Keinem bunten Vogel sei verwehrt, zu singen – aber er soll nicht hergehen und sein Gesinge den andern als das Wichtigste auf der Welt aufoktroyieren. Die meisten Vögel singen heute um des Futters willen. Und mir scheint in der Tat das schönste Gedicht von Paul Géraldy nicht soviel wert zu sein für diese Welt wie etwa ein Buch unsres prachtvollen Franz Carl Endres. Ich weiß schon: sie sind inkommensurabel. Aber Ich will nicht messen – ich will essen.

Die kleine Selbstbiographie, die Grosz dem Bändchen eingefügt hat, und in der kein Wort über seine »Entwicklung«, aber alles über unsre Entwicklung steht, zeigt, was er ist: ein seltener, unerbittlicher, klarer und natürlicher Kämpfer.

 

 

Ignaz Wrobel

Die Weltbühne, 13.10.1925, Nr. 41, S. 583.





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